Editorial

Verbrechen und Strafe

Text:
  • Balz Hosang
Bild:
  • Archiv
Ausgabe:
14/06

«Blinde Rachsucht ist eine schlechte Voraussetzung, um ein Verbrechen zu verstehen.»

Was ist verabscheuungswürdiger: einer alten Frau die Handtasche zu entreissen oder einen Millionär zu betrügen? Was ist weniger schlimm: beim Autoverkauf den Kilometerstand zu manipulieren oder das Steueramt mit gefälschten Belegen hinters Licht zu führen? - Die Fragen sind ohne Kenntnis des genauen Tathergangs juristisch kaum zu beantworten. Doch ich wage die Behauptung, dass die Mehrheit unseres Volkes wenig Mitgefühl mit Millionären und Steuerämtern kennt: Die Volksmeinung beurteilt zuerst die Opfer; Tathergang und Täter sind zweitrangig.

Wenn die Opfer einer Straftat Kinder sind, wenn ihnen gar sexuelle Gewalt zugefügt wurde, sind die Meinungen über die Täter rasch gemacht. Juristische Erwägungen oder psychologische Erklärungsversuche gehen in den Emotionen unter. Das ist begreiflich, denn die schändlichen Taten an Kindern bringen uns alle an unsere Grenzen; sie provozieren Wut und Abscheu. Dennoch: Blinde Rachsucht ist eine schlechte Voraussetzung, um ein Verbrechen zu verstehen - und damit neue zu verhindern. Daniel Benz und Gian Signorell haben den schwierigen Versuch unternommen, den hoch gehenden Wogen der Empörung mit Nachdenklichkeit und Sachlichkeit zu begegnen (siehe Artikel zum Thema «Kindsmissbrauch: Die grosse Wut des Volkes»).

Wir sind uns bewusst, dass wir mit dieser Titelgeschichte auf herbe Kritik stossen werden. Und wir machen deshalb vorweg klar: Der Beobachter schlägt sich nicht auf die Seite der Täter. Er hat sich immer wieder für die Opfer eingesetzt - auch dafür, dass diese nicht zusätzlich bestraft werden, nachdem sie zu Opfern geworden sind. Das Schweizer Opferhilfegesetz geht auf eine Beobachter-Initiative zurück. - Gerade aus dieser eindeutigen Haltung heraus fordern wir von Politik, Justiz und Strafvollzug immer wieder Augenmass - auch im Umgang mit grausamen Tätern. Denn wir erfahren in unserer journalistischen Arbeit die eigenen Grenzen: Es ist viel leichter, die Lebensdramen der Opfer zu verstehen und zu beschreiben, als eine Tat zu erfassen und dem Täter gerecht zu werden. Wir Journalisten beneiden die Gerichte nicht.

© Beobachter Ausgabe 14 vom 05. Jul 2006 - Alle Rechte vorbehalten

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