Editorial
Vorzeitige Altersschwäche
«Wenns um unsere Pflegeheime geht, werden die Jungen schnell schwerhörig und vergesslich.»

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Es sind keine schönen Bilder, die der Pflegeheimalltag liefert: der einst so gesellige Aussendienstler, der heute wie ein Baby gefüttert werden muss – und gleich wieder alles ausspuckt; daneben die lallende Nervensäge, die früher eine belesene und fast noble Juristin war.
Sie beide sind ihren Angehörigen derart zur Last gefallen, dass sie ins Pflegeheim verlegt werden mussten. Jetzt sind sie ihnen nur noch eine finanzielle Last.
Auf die 80000 Patientinnen und Patienten in unseren Pflegeheimen kommen wohl einige 100000 Ehepartner, Kinder, Enkel, die mit schlechten Gefühlen draussen zurückbleiben: Sie alle haben es nicht geschafft, ihrer Ehefrau, ihrem Vater die nötige Pflege selber zu geben. Dieses «Versagen» hat einen hohen Preis.
Er kann wohl nur so hoch sein, weil auch das schlechte Gewissen mitzahlt. Man stelle sich vor, dass die Politik den Bauern, Lehrern oder Kulturschaffenden mit seltsamen Manövern gesetzlich geschuldete Unterstützungen vorenthalten würde: Das Protestgeheul wäre unüberhörbar. Bei den Pflegeheimkosten geschieht genau dies in rekordverdächtigem Ausmass – und es bleibt trotzdem ruhig (siehe Artikel zum Thema «Sparen auf dem Buckel der Schwächsten»).
Wir alle leben im Bewusstsein, dass vielleicht bald einmal zwischenmenschliche Pflichten, verwandtschaftliche Verantwortlichkeiten auf uns zukommen könnten, denen wir nicht gewachsen sind. Und trotzdem verdrängen wir die Probleme in unseren Heimen. Wir sagen zwar ja zu jedem Pflegeheimneubau, aber wir wissen nicht, wie der Betrieb finanziert werden kann. Wir wollen den sparsamen Staat, aber die Konsequenzen des Sparens wollen wir nicht selber tragen.
Sehschwäche, Schwerhörigkeit, Vergesslichkeit sind bekannte Abbauerscheinungen des Alters. Wenn es um unsere Pflegeheime geht, befallen solche Altersbeschwerden schon die junge, aktive Generation.
© Beobachter Ausgabe 3 vom 05. Feb 2004 - Alle Rechte vorbehalten









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