Editorial

Zivilcourage braucht langen Atem

Text:
  • Balz Hosang
Bild:
  • Archiv
Ausgabe:
18/04

«Der Prix Courage zeigt den Mutigen, dass sie nicht allein sind. Daher braucht es ihn.»

Gehören sexuelle Übergriffe auf Jugendliche der Vergangenheit an? Herrscht Lohngerechtigkeit zwischen Mann und Frau? Sind Strukturen in Kirchen oder Universitäten endlich transparenter geworden? – Wir sind weit entfernt von einem überzeugten Ja. Und so muss sich der Beobachter die Frage gefallen lassen: Was hat er denn gebracht, der Prix Courage, der Kämpferinnen und Kämpfer auszeichnete, die sich genau diesen Anliegen verschrieben hatten?

Mit einem Preis allein lassen sich keine Probleme lösen. Doch die Signalwirkung ist nicht zu unterschätzen. Seit dem letzten Prix Courage, der den Mut des Professors Christian Sauter ehrte, ist die Zürcher Universität nicht mehr aus den Schlagzeilen verschwunden. Zwar verharren das Rektorat und die Leitung der Universitätsklinik nach wie vor in selbstgerechter Abwehrhaltung. Doch die Fassade bröckelt. Die kritischen Stimmen in Politik, Wissenschaft und Medien werden lauter. Ich wage die Prognose: Dieser akademische Filz wird nicht mehr lange bestehen.

Zivilcourage wird oft schlecht belohnt. Gerade deshalb braucht es den Prix Courage: Er zeigt den Mutigen, dass sie nicht allein sind, dass ihre Haltung Anerkennung verdient und findet. Der Beobachter stellt erneut eine ganze Reihe beherzter Menschen vor und bittet die Jury unter alt Bundesrat Otto Stich sowie die Leserinnen und Leser um ihre Wahl (siehe Artikel zum Thema «Prix Courage: Das Wegschauen verlernen»).

Entscheidend ist oft die Risikobereitschaft, mit der eine Überzeugung vertreten wird. Der Beobachter hält die «Verwahrungsinitiative», über die wir im Februar 2004 abgestimmt haben, für verfehlt. Aber er verneigt sich mit Respekt vor den beiden Initiantinnen Doris Vetsch und Anita Chaaban. Sie haben bedingungslos für ihre Überzeugung gekämpft, selbst auf die Gefahr hin, sich öffentlich zu blamieren und finanziell zu ruinieren – und sie haben gewonnen. Das hat ihnen den Vorschlag für den Prix Courage eingetragen. Sie befinden sich in guter Gesellschaft: Charakter und Standhaftigkeit prägen alle Nominierten.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 02. Sep 2004 - Alle Rechte vorbehalten

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