Entzug: Dubioses Hilfsprojekt für Drogensüchtige

Ein Zürcher Geschäftsmann sucht via Kleinanzeigen Darlehen für ein Drogenentzugsprojekt. Doch hinter dem «erfolgreichen Sozialwerk» steckt ein finanziell angeschlagenes Firmengeflecht.

Guten Zins und Gratisferien» verspricht ein Kleininserat, das kürzlich im «Tages-Anzeiger» erschienen ist. Die erforderliche Gegenleistung: Man muss einem «erfolgreichen Sozialwerk» ein Darlehen von 30000 Franken für einen Liegenschaftskauf zur Verfügung stellen. Auch Teilbeträge ab 5000 Franken sind möglich.

Auf der angegebenen Natelnummer meldet sich ein gewisser Rene Heidelberger aus Zürich. In der Slowakei habe er eine private Drogentherapiestation aufgebaut, erzählt er. Zehn bis zwölf Drogenabhängige aus der Schweiz könnten sich hier auf einer 13000-Quadratmeter-Anlage vom Drogenstress erholen und «vor allem durch Zeit» von der Sucht loskommen.

Der Initiant steckt in Geldnöten
Eine Therapie dauert rund anderthalb Jahre, und die Erfolgsquote beträgt laut Rene Heidelberger 67 Prozent. Die Kosten – rund hundert Franken pro Tag – seien im Vergleich zu anderen Schweizer Institutionen sehr niedrig, sagt Heidelberger. «Wir arbeiten ja auch nicht mit hoch bezahlten Ärzten zusammen.» Das Darlehen werde für die Schlussfinanzierung des Liegenschaftskaufs in der Slowakei benötigt. Heidelberger: «Die in idyllischem Hügelgelände im Herzen der Slowakei gelegene Anlage befindet sich bereits im Besitz eines von mir kontrollierten Unternehmens namens Sozial-Finanz AG in Zürich, das die Liegenschaft wiederum an das eigentliche Sozialwerk, den Verein Projekt Horizont, vermietet.»

Was Rene Heidelberger gegenüber den Interessenten nicht erwähnt: Er steckt in ernsthaften finanziellen Schwierigkeiten. Da gibt es etwa einen Pfändungsverlustschein von 33115 Franken. Er hängt mit dem Konkurs der Firma Projekt Horizont AG zusammen; Heidelberger amtete dort als einziger Verwaltungsrat.

Neben der konkursiten Projekt Horizont AG existiert noch ein Verein gleichen Namens, Präsident ist ebenfalls Rene Heidelberger. Dazu kommt die erwähnte Sozial-Finanz AG, deren einziger Zweck der Erwerb und der Besitz der Anlage in der Slowakei sein soll. Doch sowohl der Verein als auch die Sozial-Finanz AG sind aus dem Telefonbuch verschwunden. Und Rene Heidelberger ist nur noch «mobil» erreichbar. Eine wenig vertrauensfördernde Ausgangslage für potenzielle Geldgeber, die laut Heidelberger ihren Zins von «bis zu acht Prozent» auch in Form von Ferien in der Anlage beziehen können.

Auf die Pleite der Projekt Horizont AG angesprochen, behauptet Heidelberger keck, die Firma sei gar nicht Konkurs gegangen. «Das Konkursbegehren war ein Fehler der UBS; die Bank hat das wieder rückgängig gemacht.» Tatsache ist, dass die Löschung der Firma im «Schweizerischen Handelsamtsblatt» publiziert wurde.

Eine Anfrage bei der Gesundheitsdirektion des Kantons Zürich bestätigt den schalen Eindruck, den Heidelbergers Drogentherapiestation hinterlässt. Hier ist das Projekt Horizont zwar bekannt, figuriert aber unter den «nicht zu empfehlenden Institutionen». Dazu Attilio Stoppa, Zürcher Beauftragter für Suchtfragen: «Wir sind schon vor einiger Zeit auf Heidelbergers Institution aufmerksam geworden und unisono zum Schluss gekommen: Das ist alles Quatsch.»

Umstrittene «Arbeitstherapien»
Das Projekt, soweit es überhaupt stattfinde, laufe auf eine «Arbeitstherapie» hinaus, die darin bestehe, drogenabhängige Schweizerinnen und Schweizer für die bauliche Sanierung der Liegenschaft Heidelbergers einzusetzen. Stoppa: «Uns ist aufgefallen, dass sich das Projekt vornehmlich für Drögeler mit handwerklicher Ausbildung interessiert.»

Laut dem Zürcher Suchtspezialisten gehört das Projekt zu einer ganzen Reihe ähnlicher privater Institutionen, die alle davon profitieren, dass kleinere Gemeinden bei der Platzierung von Süchtigen vor allem aufs Geld schauen. «Weil diese Institutionen wesentlich günstiger offerieren als anerkannte Projekte, kommen sie trotz ihrem umstrittenen Therapieangebot oft zum Zug», sagt Stoppa.

Dass die Sache mit der angeblichen Ablösung des Bankkredits für den Liegenschaftskauf in der Slowakei nicht ganz koscher ist, zeigt auch die Tatsache, dass Heidelberger schon vor zwei Jahren mit ähnlichen Kleininseraten Geld suchte. Im Ubrigen ist die Therapiestation des «erfolgreichen Sozialwerks» momentan geschlossen, wie Rene Heidelberger einräumen muss – «wegen familiärer Probleme».

Text:
  • Thomas Illi
16. Dezember 1999, Beobachter 26/1999