Evidence Based Medicine: Erfahrung birgt Risiken

Text:
  • Urs Zanoni
Ausgabe:
23/00

Medizinisches Wissen veraltet rasch – und Ärzte, die in alten Mustern denken, verlieren den Anschluss. Patientinnen und Patienten können sich jetzt im Internet über den Nutzen von Therapien informieren.

Wenn Ihr Arzt sagt: «Das mache ich seit 20 Jahren so», sollten Sie misstrauisch werden: Medizin ist schnelllebig. Eine neue Bewegung, die Evidence Based Medicine (EBM), will nun Erfahrungen durch gesicherte Erkenntnisse ersetzen.

Die Hälfte des medizinischen Wissens, so die einhellige Meinung der Experten, ist nach vier bis fünf Jahren überholt. Zudem, so der zweite Standpunkt, wurden mehr als die Hälfte aller ärztlichen Massnahmen nie richtig auf ihren Nutzen geprüft. Vielmehr gilt oft das Wort von Hochschulprofessoren und Chefärzten, die ihr Vorgehen mit «langjährigen Erfahrungen» oder der «Tradition der Klinik» rechtfertigen.

Eines der bekanntesten Beispiele ist der breite Einsatz von bestimmten Medikamenten zur Senkung der Cholesterinwerte: Er brachte nach Berechnungen des Einsiedler Arztes und Epidemiologen Johannes Schmidt «bisher mehr Menschen um, als er retten konnte». Angestachelt durch diese Erkenntnis, hat sich Schmidt zu den Wegbereitern einer Bewegung entwickelt, die auch in der Schweiz mehr und mehr anerkannt wird: der Evidence Based Medicine (EBM).

Die Medizin auf der Basis gesicherter Erkenntnisse sucht Antworten auf drei entscheidende Fragen:

 

  • Ist der Nutzen der geplanten Intervention grösser als der potenzielle Schaden?

  • Wenn der Nutzen grösser ist als der Schaden: Wie gross ist er?

  • Wie hoch sind die Kosten der Intervention, und in welchem Verhältnis stehen sie zum erwarteten Nutzen?

Die EBM bringt die Kosten ins Spiel, die in den Köpfen der meisten Ärzte (und Patienten) ausgeblendet sind. Weshalb ihr reichlich Kritik gewiss ist. Zudem erschüttert die Bewegung die Autorität vieler medizinischer Koryphäen, die in alten Denk- und Behandlungsschemen gefangen sind.

Wie hilfreich es für Patienten sein kann, sich im Internet über den Nutzen von Therapien kundig zu machen, zeigt ein Beispiel: Seit einigen Jahren wird Frauen dringend geraten, nach der Menopause Medikamente zu nehmen, um das Risiko einer osteoporosebedingten Fraktur zu halbieren. Nur: Ohne Behandlung erleiden von 100 Frauen deren zwei innerhalb von drei Jahren eine Fraktur – mit Behandlung ist es eine. Das ist zwar eine Halbierung, aber: Um eine einzige Fraktur zu vermeiden, müssen 100 Frauen drei Jahre lang Medikamente nehmen – zum Wohl des Herstellers.

 

© Beobachter Ausgabe 23 vom 10. Nov 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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