Familienwohnungen: Freiräume für das Spiel der wechselnden Bedürfnisse
Was ein kindergerechtes Haus ausmacht, lässt sich kaum allgemein gültig definieren. Denn je nach Haushaltsform und dem Alter der Kinder fällt die Antwort anders aus. Also zählt vor allem ein flexibles Wohnkonzept.

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Für Kleinkinder im Krabbelalter ist die Wohnung der Teil der Welt, in dem sie ihre ersten Erfahrungen sammeln. Hier fangen sie an, Gegenstände zu entdecken und zu erforschen sie beginnen, ihre Umwelt zu «begreifen». Die Neugier des Kindes hat freilich nichts mit einer Wertschätzung gegenüber Gegenständen zu tun, wie sie für Erwachsene typisch ist. Wollen Eltern ihrem Sprössling allzu früh beibringen, die teure Stereoanlage oder die exquisiten Möbel zu respektieren, so setzen sie seiner Lust, Neues zu entdecken, enge Grenzen.
Heikle Gegenstände wegräumen
Also gilt: Designermöbel und den Perserteppich wegräumen. Denn in einer kinderfreundlichen Umgebung sollten sich alle entspannen können. Wenn die Eltern sich bloss sorgen, «was wird es wohl als Nächstes anstellen?», erweist sich dies als zusätzliche Belastung. Schliesslich gilt es dann erst recht, den hoffnungsvollen Nachwuchs ständig zu beaufsichtigen.
Spätestens wenn das Kind zu krabbeln anfängt, lohnt es sich, die Gegenstände, die einem kostbar sind, wegzuräumen oder in die Höhe zu stellen. Die Wohnung sollte aber dennoch eine möglichst grosse Vielfalt an Erfahrungsmöglichkeiten und Gegenständen bieten, die sich auskundschaften lassen. Eine grundsätzliche Frage des Erziehungsstils ist es andererseits, ob die Eltern alle kostbaren Dinge beiseite stellen und ihren Kindern eine mehr oder weniger uneingeschränkte Freiheit einräumen wollen. Die Alternative wäre, klare Grenzen zu ziehen, indem zum Beispiel in bestimmten Bereichen der Wohnung nicht gespielt werden darf oder einzelne Gegenstände nicht angefasst werden dürfen.
Risikofaktoren ausschalten
In der Kleinkindphase ist zudem eine Wohnungseinrichtung beziehungsweise ein Grundriss wertvoll, der gut überblickbar ist und eine räumliche Nähe zwischen Kindern und Erwachsenen schafft. Dort, wo die Eltern sich die meiste Zeit aufhalten, sollte es also auch Platz für Kinder haben. Wichtig ist, dass sich Kinder in diesem Teil der Wohnung frei bewegen können, ohne Gefahren ausgesetzt zu sein. Steckdosen, giftige Pflanzen oder Treppen sind Risikofaktoren für Kleinkinder.
In Bezug auf den Grundriss ist weiter darauf zu achten, dass eine Verbindung zu einem Aussenraum Balkon oder Garten besteht. Denn damit ist die Möglichkeit gegeben, später einen weiteren Teil der Welt zu erkunden. Dabei sollte immer daran gedacht werden, dass Kinder ihre Umgebung mit völlig anderen Augen sehen. So sind zum Beispiel Treppenhäuser oder Korridore für Erwachsene meist nicht mehr als Verkehrsflächen, für Kinder kann es sich jedoch um ausgesprochen willkommene Aufenthalts- und Spielräume handeln.
Fragen der Sicherheit stellen sich auch nach dem Kleinkindalter. Wenn das Kinderzimmer im zweiten Stock oder höher liegt, sind Fenstersicherungen zu empfehlen. Spielsachen sollten nicht in einem hohen Gestell verstaut sein, damit die Kleinen nicht auf die Idee kommen, hinaufzuklettern. Eine Gefahr können auch achtlos herumliegende Plastiksäcke (Erstickungsgefahr) oder Vorhangkordeln mit Schlingen darstellen. Nicht ungefährlich sind zudem Kajütenbetten: Oben schlafende Kinder sollten durch seitliche Schranken vor dem Herunterfallen geschützt werden. Ausserdem ist daran zu denken, dass das Kajütenbett gerne als Spiel- und Klettergerät benutzt wird; um Gefahren vorzubeugen, sollte man deshalb tagsüber die Leiter entfernen. Sobald die Kinder älter werden, sind eine gewisse räumliche Trennung und mehr Autonomie gefragt. Das eigene Zimmer gewinnt an Bedeutung: Hausaufgaben erledigen, Musik hören, selbstständig spielen, Freunde zu sich einladen oder vor dem eigenen Computer sitzen. Wenn die Kids dann noch eine Phase später mit dem Freund oder der Freundin nach Hause kommen, ist erst recht «eine sturmfreie Bude» erwünscht.
«Mit der Entwicklung der Kinder verändern sich die Bedürfnisse. Ein Haus sollte daher ohne Umbauten unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden», erklärt dazu Susanne Gysi, Dozentin an der Architekturabteilung der ETH Zürich. Bei Scheidungen und Trennungen können sich die Erfordernisse der Wohnsituation ebenfalls verändern. Das gilt ebenso, wenn die Eltern zu Hause einer Erwerbsarbeit nachgehen.
Der ideale Grundriss ermöglicht also sowohl eine Gestaltung mit grossen, offenen Zimmern als auch eine stärkere räumliche Trennung. Sehr kleine Zimmer, in denen gerade mal ein Schrank und ein Kinderbett Platz finden, schränken diesen Spielraum ein. Als «nutzungsneutral» gelten hingegen Räume, die sich als Spiel- oder Kinderzimmer eignen, die aber später auch als Arbeitsraum oder als Schlafzimmer für die Eltern genutzt werden können. Dazu ist eine Fläche von mindestens 14 bis 16 Quadratmetern nötig, wobei Türen und Fenster vorzugsweise so zu positionieren sind, dass mehrere Varianten der Möblierung möglich sind.
«Freier Auslauf» ist wichtig
Abgesehen von der Konzeption des Hausinneren ist für Kinder das Wohnumfeld von entscheidender Bedeutung: Aussenräume, Garten, Spielmöglichkeiten im Freien. Gemäss der Untersuchung «Lebensräume für Kinder» ist es für die Entwicklung von Kindern wichtig, dass sie unbeaufsichtigt im Freien spielen können. Wenn dies zum Beispiel wegen einer stark befahrenen Strasse nur eingeschränkt oder gar nicht möglich ist, leidet darunter der Kontakt zu Spielkameraden. Haben Kinder dagegen «freien Auslauf», so fördert dies zum einen ihre Selbstständigkeit. Andererseits entlastet eine solche Situation auch die Eltern denn wenn sie die Kinder ständig um sich haben, werden sie viel weniger Zeit finden, um einmal ungestört ein Buch zu lesen oder um speditiv eine Hausarbeit zu erledigen.
© Beobachter Ausgabe 9 vom 03. Mai 2002 - Alle Rechte vorbehalten









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