Gesellschaft

Schöne Bescherung

Text:
  • Urs Zanoni
Bild:
  • Stadler / Uster
Ausgabe:
26/03

Neue Umfragen beweisen: So zufrieden wie hierzulande sind die Menschen nirgendwo sonst auf der Welt. Auch wenn Schweizerinnen und Schweizer von ihrem Glück oft nichts zu wissen scheinen.

Was haben Sie sich heute schon geärgert: Morgens lag die Zeitung nicht im Milchkasten, dann hatte der Zug 15 Minuten Verspätung. Auch der neue Pass, den Sie für Silvester brauchen, traf nicht ein. Und als Sie an der Hotline reklamieren wollten, weil ein Geschenk defekt war, blieben Sie in der Warteschlaufe hängen – ein lausiger Tag.

Doch stellen Sie sich vor, in diesem Moment würde Ihr Telefon klingeln und ein Meinungsforscher Sie fragen: «Wie zufrieden sind Sie insgesamt mit Ihrem Leben?» Mit 80-prozentiger Wahrscheinlichkeit würden Sie einen Wert zwischen 7 und dem Maximum von 10 angeben – und damit zum Ausdruck bringen: «Ich bin zufrieden.»

Unzufrieden in der Mitte des Lebens


Genau dies ist das Ergebnis einer repräsentativen Umfrage, die der Beobachter beim Basler Meinungsforschungsinstitut Konso in Auftrag gab (siehe «Exklusivumfrage» auf Seite 21). Im Durchschnitt beträgt die Lebenszufriedenheit der Schweizerinnen und Schweizer 7,8 Punkte. Dabei gibts fast keine Unterschiede zwischen den Geschlechtern sowie der Deutsch- und Westschweiz. Abweichungen zeigen sich hingegen beim Alter: Am zufriedensten sind die unter 24- und die über 55-Jährigen, am unzufriedensten die 35- bis 44-Jährigen. Und je besser die Bildung ist, desto zufriedener sind die Befragten.

Für Fachleute sind diese Resultate keine Überraschung. Die Schweiz gilt seit langem als Hort der Glückseligkeit. In einem Vergleich der Lebenszufriedenheit in 43 Ländern, den Bruno Frey und Alois Stutzer vom Institut für empirische Wirtschaftsforschung der Universität Zürich vornahmen, wird die Schweiz einzig von Dänemark übertroffen.

Spitzenplatz unter den Zufriedenen


Und in einem Vergleich mit 70 Ländern, den die Sozialforscher Ronald Inglehart und Hans-Dieter Klingemann erarbeiteten, belegt die Schweiz ebenfalls eine Spitzenposition (siehe Nebenartikel «Doppelt glückliche Schweiz»).

Ebenso beruhigend ist die Tatsache, dass das Glücksempfinden der Schweizerinnen und Schweizer quer durch den Alltag geht: Zusammenleben, Wohnsituation, Gesundheit, Freizeit, Arbeitsbedingungen, finanzielle Situation – in all diesen Kategorien liegt die durchschnittliche Zufriedenheit zwischen 7,2 und 8,6 (auf einer Zehnerskala). Auch empfinden 94 Prozent der Befragten unser Land als «sehr sicher» oder «ziemlich sicher». Selbst bei Themen, bei denen man Unzufriedenheit erwarten würde, wird man positiv überrascht:


  • Krankenkassen: Mehr als 90 Prozent der Versicherten würden ihre Kasse weiterempfehlen
    – obwohl die Prämien Jahr für Jahr kräftig steigen.

  • Pensionskassen: 80 Prozent sind mit ihnen «sehr zufrieden» oder «eher zufrieden»
    – trotz der Senkung des Mindestzinssatzes und «Rentenklau».

  • Mieten: 81 Prozent sind «zufrieden» oder «eher zufrieden» – obwohl die letzten
    Hypothekarzinsreduktionen vielerorts nur teilweise weitergegeben wurden.


Hätten Sie das alles vermutet? Wohl kaum. Weil Sie sich täglich über Ihren Arbeitgeber, die Krankenkasse, den Vermieter, die Bank oder ein Restaurant ärgern. Doch offenbar lassen Sie sich Ihre Lebenszufriedenheit durch solche Nadelstiche des Alltags nicht vergällen.

Und doch ist etwas faul mit der helvetischen Glückseligkeit. Denn die Beobachter-Umfrage ergab auch: Wir schätzen das Wohl der anderen Schweizerinnen und Schweizer deutlich tiefer ein als unser persönliches. Für den Soziologen Hanspeter Stamm ist dieser vermeintliche Widerspruch allerdings erklärbar: «Würde man sich selbst unter dem Durchschnitt einstufen, wäre das ein Eingeständnis, versagt zu haben.»

Österreicher gelten als zufriedener


Ebenso erstaunlich: 56 Prozent der Befragten in der Schweiz glauben, dass die Österreicher zufriedener sind als wir, aber nur 18 Prozent meinen, dass sie unzufriedener sind. Ähnlich ist der Befund für Spanien und Griechenland – wobei die Einschätzungen der Deutsch- und der Westschweizer teils markant voneinander abweichen (siehe Nebenartikel «Fehleinschätzung»).

Stamm sieht dies als Bestätigung von Bildern, die wir in uns tragen: «die charmanten, gastfreundlichen Österreicher, die erst noch die besseren Skifahrer haben», oder «die sonnenverwöhnten Spanier, die mit einem Glas Rioja vor ihrer Finca sitzen». Zudem würden wir uns als «Jammerer und Stänkerer» sehen: «Es gibt kaum jemanden, der mit Ausländern so schlecht über das eigene Land spricht wie die Schweizer», sagt Soziologe Stamm.

Auch mangelt es uns an Selbstbewusstsein, «weil jeder Landesteil», so der Psychoanalytiker Peter Schneider, «an einen Sprachraum grenzt, der um ein Vielfaches grösser ist». Bei Deutschschweizern sei dieser Minderwertigkeitskomplex besonders auffällig, «da sie glauben, nicht einmal richtig deutschsprachig zu sein». Positiver Nebeneffekt: Dadurch halte sich auch der «schweizerische Chauvinismus in Grenzen», glaubt Schneider.

Im stillen Teich wirken Wellen grösser


Doch sind wir wirklich ein Volk von Jammerern und Stänkerern? Peter Glotz, der Direktor des Instituts für Medien- und Kommunikationsmanagement an der Universität St. Gallen, mag nicht daran glauben: «Jedes Land kennt eine ‹Kultur des Jammerns›. Und jede Nation hat einen bestimmten Prozentsatz an Unzufriedenen. Nur schlagen diese in Ländern wie der Schweiz, die ruhig dahinfliessen, mehr Wellen.»

Auch Peter Schneider nimmt keinen ausgeprägten Hang zum Jammern wahr. Hingegen ortet er eine «spezifisch schweizerische Art» des Jammerns: Mangels grosser Sorgen beklage man sich über Dinge, die nicht wirklich beklagenswert seien, wie Steuern, Staus oder Zugverspätungen.

Kurz und schlecht: Wir können uns nicht so richtig freuen über unsere Zufriedenheit. Schlimmer noch, wir haben dauernd ein schlechtes Gewissen, dass es uns so gut geht. Was die Zahl jener Leute mehrt, die einzig deshalb zufrieden sind, weil es solche gibt, die viel schlechter dran sind als sie. Anderseits gibt es auch eine beträchtliche Zahl von Leuten, Behinderte oder Strafgefangene etwa, von denen man annehmen könnte, sie seien unzufrieden. Doch zahlreiche Untersuchungen zeigen, dass viele von ihnen mindestens so zufrieden sind wie der Rest der Schweizer – weil sie mit ihrem Schicksal Frieden geschlossen haben.

Zu viel Glück macht misstrauisch


«Ich will den Schweizern die Kritik am eigenen Land nicht ausreden, doch gibt
es allerhand Gründe, zufrieden zu sein», kommentiert der Deutsche Peter Glotz die helvetische Unzufriedenheit mit der Zufriedenheit. Allerdings: Trotz tiefen Zinsen und Steuern, hohem Pro-Kopf-Einkommen, wenig Arbeitslosen, moderater Staatsquote, politischer Stabilität, dauerhaftem Arbeitsfrieden und tiefer Kriminalität besteht der Eindruck, die Schweizerinnen und Schweizer seien permanent in Alarmbereitschaft – aus Angst, das Gute könnte sich schlagartig zum Bösen wenden. Peter Schneider erinnert diese Haltung an Friedrich Schillers Ballade «Der Ring des Polykrates»: «Zu viel Glück erregt den Neid der Götter. Also muss es früher oder später zur Katastrophe kommen.»

Glücksgefühl zwischen 3500 und 4500


Nur ist die Zufriedenheit der Schweizerinnen und Schweizer weit weniger durch materiellen Wohlstand geprägt, als man annehmen könnte. Bruno Frey und Alois Stutzer fanden heraus, dass die Lebenszufriedenheit nur bis zu einem Monatseinkommen von 4800 Franken zunimmt (bei Leuten in Einpersonenhaushalten).

Danach bleibt sie gleich. Denn mit dem Einkommen steigen die Ansprüche und damit die Furcht vor Rückstufung oder Arbeitslosigkeit. Der grösste Glückszuwachs erfolgt laut der Untersuchung, wenn sich das Monatseinkommen von 3500 auf 4500 Franken erhöht.

Ebenso wenig ist die persönliche Zufriedenheit eine Frage der Gesundheit. Seit vielen Jahren untersucht der deutsche Psychologe Peter Herschbach die Lebensqualität von Menschen, die unter chronischen Krankheiten wie Krebs, Rheuma oder Diabetes leiden: «Diese Menschen sind im Durchschnitt nicht unglücklicher als Gesunde.» Denn durch die Erkrankung verändere sich das Weltbild eines Patienten grundlegend. «Ist das Schlimmste erst einmal überstanden», so Herschbach, «wird ein solcher Mensch demütiger und mit weniger zufrieden sein.»

Hingegen haben die Zürcher Glücksforscher zwei spezifisch schweizerische Gründe für unsere hohe Zufriedenheit gefunden: die direkte Demokratie und den Föderalismus. Da wir in kleinen politischen Einheiten leben, hat jeder das Gefühl, ein Mitspracherecht zu haben. Bruno Frey ist deshalb überzeugt, dass die direkte Demokratie «die Gesellschaftsform der Zukunft» ist.

Zu zufrieden, um abzustimmen


Viele Meinungsmacher dagegen sehen in den tiefen Stimmbeteiligungen einen Ausdruck von Unzufriedenheit. «Nein», widerspricht der Politologe Andreas Ladner: «Man geht nicht häufiger stimmen, weil man zufrieden ist und keinen Handlungsbedarf sieht.»

Auch der Erfolg der SVP ist kein klarer Beleg für wachsende Unzufriedenheit in der Schweiz: Analysen zeigen, dass ein Grossteil der SVP-Wähler durchaus zufrieden ist. Nur fürchten sie sich davor, von der laufenden Entwicklung überrollt zu werden und so zu den Modernisierungsverlierern zu gehören.

«Glück heisst nicht, etwas verändern zu wollen», sagt der Psychoanalytiker Peter Schneider, «sondern sich – in einem guten Sinne – mit dem abzufinden, was einen glücklich macht.» Und weil die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen in der Schweiz so stabil sind wie kaum in einem anderen Land, wird die Lebenszufriedenheit der Schweizerinnen und Schweizer weiterhin hoch bleiben – politische Erdstösse hin oder her.

© Beobachter Ausgabe 26 vom 24. Dez 2003 - Alle Rechte vorbehalten

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