Grossmutterküche: «Möchte Bübchen das können?

Text:
  • Michael Merz
Ausgabe:
2/02

Schon die ersten Ausgaben des Beobachters enthielten viele Kochrezepte. Sie erinnern an Grossmutters Zeiten – und wecken die Lust, alte Speisen nachzuprobieren.

Die Bücher sind handgebunden. Der Jahrgang 1927 besitzt einen Lederrücken, den von 1928 schützt ein Rücken aus Pergament. Mit grob gewebtem Stoff ist schliesslich das Jahr 1929 eingebunden. Jahrgänge des Beobachters, die auch von einer Zeit erzählen, in der man Bücher zuerst billig broschiert kaufte, um sie erst dann vom Buchbinder binden zu lassen, wenn einem das Werk wertvoll genug erschien! So entstanden ganz persönliche und wunderschöne Bibliotheken.

Nun liegen diese Bücher vor mir. Schlägt man sie auf, so taucht man in eine fremde Welt. Vor allem der Duft ist dabei speziell; ein wenig riecht es nach muffigem Weinkeller, ein wenig so staubig-trocken wie ein ungelüfteter Estrich. Schon beginnt der Fluss der Erinnerungen.

Weidenbild gegen Nahrung

«Komm, Bübchen!», sagte die Grossmutter. Wie immer sass sie hinter dem Kachelofen in ihrer Stube. So fiel von rechts gutes Tageslicht auf ihre Lektüre, und von links heizte ihr im Winter der flaschengrüne Ofen tüchtig ein. Kam der Sommer, verlagerte Nanette ihr Lesedomizil unter den grossen Kastanienbaum vor dem Haus. Da sass sie dann, leicht vornübergebeugt, die Lupe zwischen sich und dem Buch. Grossmutter sah schlecht, und ihr Augenleiden war zu der damaligen Zeit nicht operierbar. So wurde die Lupe für sie zum unverzichtbaren Accessoire und gehört zum Bild, das in mir aufsteigt, wenn ich die Jahrgänge des Beobachters durchblättere.

Als ich geboren wurde, war Nanette weit über 70 Jahre alt. Weil meine Eltern sehr beschäftigt waren, verbrachte ich die meiste Zeit in ihrer Obhut. So beginnen meine frühesten Erinnerungen mit einem Bild, das in ihrer Stube hing. Eine flammend farbige Wasserfläche, die eine herbstliche Weide widerspiegelt. Nanette hatte das Bild während des Ersten Weltkriegs gegen Nahrungsmittel eingetauscht. Doch Nanette liebte nicht nur die bildende Kunst, sie spielte auch ausgezeichnet Klavier. Noch im hohen Alter setzte sie sich oft ans Instrument und begleitete sich selbst, wenn sie mir vorsang. Bach, Mozart, Gluck und Händel standen auf ihrem Repertoire. «Bübchen?», fragte sie mich dann. «Was ist das für ein Stück?»

So lernte ich die klassische Musik im Spiel kennen. Auch erwarb ich mir die Fähigkeit, nach ihrem Befehl die richtige Schallplatte auf das Grammofon zu legen. Selbst «stilles Lesen» brachte sie mir spielend bei. «Weshalb kannst du lesen, ohne dabei die Lippen zu bewegen?», hatte ich sie gefragt. Grossmutter schaute mit ihren wasserblauen, lieben Augen von ihrer Lupe auf und lächelte: «Möchte Bübchen das auch können?» Bübchen wollte, und Nanette verschaffte ihm denn auch diese Fähigkeit.

«Chnöiblätze» gelingen besser

Muss ich noch erwähnen, dass Grossmutter ausgezeichnet kochen konnte? Selbst das Essen zu geniessen, verstand sie besser als andere. Wenn sie am Kopf des grossen Familientisches Platz nahm, so wurde aus der Mahlzeit ein Essen. Sie würzte ihren Salat immer mit einer Prise Zucker zusätzlich. Zu ihrem Geburtstag wünschte sie sich stets eine «poularde pochée». Für mich war die zwar nichts anderes als ein Suppenhuhn, doch wenn es mit Sahnesauce und Reisring aufgetragen wurde, dann ahnte ich doch, dass ich hier einem Festmahl beiwohnte.

Erinnerungen, die so viele Jahrzehnte zurückliegen, besitzen oft den gefälligen Glanz der kleinen Lügen. Es ist nichts Schlimmes, dass unser Hirn die Ungereimtheiten von einst ein wenig glättet. Und doch kann ich in den Erinnerungen an die Grossmutter nur Gutes finden. Es ist nichts Aufregendes, vor einem knisternden Ofen Äpfel für «Karamelstückli» zu rüsten. Doch wenn man dabei erfährt, dass diese Äpfel «Schafsnasen» heissen und beim Kochen nicht zerfallen, dann schon. Zu sehen, wie ihre alten Hände den Teig für die Fasnachtschüechli noch immer voller Geschick über dem Knie hauchdünn ausziehen, erklärt nicht nur deren berndeutschen Namen «Chnöiblätze».

Es ist bis heute mein Ehrgeiz geblieben, diese Fähigkeit auch zu beherrschen. Jedes Jahr lege ich also zur Fasnachtschüechlizeit ein sauberes Küchentuch über das rechte Knie und versuche mich darin. Es erheitert meine Familie. Und: Es gelingt mir jedes Jahr ein bisschen besser. Wenn ich einmal so alt sein werde, wie es Nanette war, werde ich es sicher genauso gut beherrschen wie einst sie!

© Beobachter Ausgabe 2 vom 25. Jan 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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