Hörgeräte: Gute Akustiker haben ein Ohr für Kundenbedürfnisse
Nur jeder vierte Schwerhörige trägt ein Hörgerät. Der Grund: Viele verdrängen ihr Problem; andere merken gar nicht, dass ihr Gehör geschädigt ist. Doch je länger man wartet, desto schwieriger wird die Hörgeräteanpassung.
Sie entstellt nicht, sie riecht nicht und sie tut auch nicht weh: Weil Schwerhörigkeit normalerweise über Jahre hinweg entsteht, wird sie von den meisten Betroffenen gar nicht wahrgenommen. Kommt hinzu, dass schwerhörig sein nicht bedeutet, dass man alles viel leiser hört. Eher hört man vieles undeutlich und verzerrt. Schwerhörigkeit ist vor allem «Fehlhörigkeit».
«Ich höre noch gut, aber ich verstehe nicht alles», ist die typische Äusserung in solchen Fällen. Während die Betroffenen in bestimmten Frequenzbereichen leise Töne überhaupt nicht mehr wahrnehmen, hören sie mittellaute völlig normal und reagieren auf laute bis überlaute Töne sogar empfindlich.
Viele haben Angst vor Ausgrenzung
Hörgeschädigte wollen in der Regel nichts von einem Manko bei sich selber wissen. Anstatt sich Verständigungsprobleme einzugestehen, meiden sie Gesprächssituationen mit mehreren Personen: Sie gehen nicht mehr in den Verein oder ins Restaurant und isolieren sich zunehmend. In der Regel ist es die Umgebung, die zuerst auf Hörprobleme reagiert: «Warum hast du das Telefon nicht abgenommen?», fragen Bekannte. Oder sie ärgern sich über das zu laut eingestellte Radio, über falsche Antworten und Missverständnisse.
Zwischen acht und 18 Prozent der Bevölkerung hören schlecht, schätzt Werner Bütikofer vom Bund Schweizerischer Schwerhörigen-Vereine (BSSV). Davon trage aber nur jeder Vierte ein Hörgerät. Die Schwellenangst ist noch immer gross: Anders als die Sehschwäche wird Schwerhörigkeit vielfach mit Schwerfälligkeit gleichgesetzt. Ist die Brille längst zum Modeartikel avanciert, stempelt das Hörgerät seinen Träger zum Invaliden. Die Folge: Leute mit Hörschwierigkeiten gehen acht bis zwölf Jahre zu spät zum Arzt, schätzt Werner Bütikofer. Das ist problematisch, weil Hilfe um so schwieriger wird, je länger man wartet. Denn das Gehirn verlernt, das Gehörte umzusetzen: Es verliert die Fähigkeit, Töne und Geräusche inhaltlich zu identifizieren und zu orten.
Früh Hörfähigkeit testen
Wer wahrnimmt, dass mit seinem Gehör etwas nicht mehr stimmt, sollte einen Hörtest machen. Neben Ohrenärzten bieten auch viele Hörgeräte-Fachgeschäfte Tests an – oft kostenlos. Vorsicht geboten ist jedoch vor Hörtests an Messen: Wegen der vielen Nebengeräusche führen diese oft zu unzuverlässigen Resultaten. Seriöse Hörtests hingegen finden in speziell ausgerüsteten, schallgedämpften Räumen statt.
Für Berufstätige übernimmt die Invalidenversicherung (IV) die Anschaffung eines Hörgeräts. Das hat zur Folge, dass Fachgeschäfte, die mit der IV abrechnen wollen, verschiedene Auflagen erfüllen müssen, die das Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) in Einzelverträgen mit ihnen vereinbart. Fachgeschäfte müssen unter anderem folgende Bestimmungen erfüllen:
- Das Fachpersonal muss einen eidgenössischen oder gleichwertigen ausländischen Fachausweis haben.
- Die Hörgeräteanpassung muss mit Hilfe von Computern vorgenommen werden.
- Es müssen Geräte von mindestens zwei Herstellern angeboten werden.
«Wichtig ist, dass Kundinnen und Kunden nach einer ersten Abklärung rasch an eine Ohrenärztin verwiesen werden, wenn ein Hörverlust festgestellt wird», betont Heiner Waehry, Chef der Sektion Hilfsmittel beim BSV. Denn eine fachärztliche Expertise ist Vorausssetzung für die Kostenübernahme durch die IV oder die AHV. Ausserdem empfiehlt Heiner Waehry, eine Auswahl verschiedener Geräte sowie eine transparente Kostenrechnung zu fordern. Es muss auf jeden Fall ein Gerät angeboten werden, dass voll von der IV übernommen wird. Zudem soll die Akustikerin die Anpassung persönlich vornehmen oder anwesend sein, wenn eine Person in Ausbildung berät.
Beratung ist im Preis inbegriffen
Ein gutes Fachgeschäft findet man am besten via einen Ohrenarzt oder Empfehlungen von Freunden und Bekannten. Leider bietet weder die BSV-Liste noch die Zugehörigkeit zum Branchenverband Akustika eine Qualitätsgarantie.
Im Preis des Hörgeräts ist auch die Beratung inbegriffen. Der Zürcher Akustiker René Huggel geht von durchschnittlich 15 Beratungsstunden aus. «Tatsächlich schwankt der Anpassungsaufwand zwischen acht und 30 Stunden.»
Auch hier zeigt sich, was seriöse Arbeit ist: Ein guter Akustiker fragt nach den persönlichen Bedürfnissen der Kundin. Er zeigt die Möglichkeiten der verschiedenen Geräte auf, ebenso deren Grenzen. Für Willi Gutknecht, Ombudsmann für Hörprobleme, sind die praktischen Versuche entscheidend: «Die Probleme zeigen sich erst beim Tragen – im beruflichen und privaten Umfeld. Diese gilt es gründlich zu diskutieren, um das optimale Gerät zu finden.»
Die Werbung verspricht zu viel
«Gerade bei der ersten Anpassung», betont Gutknecht, «muss man sich bewusst sein, dass man wieder mit vielen Geräuschen – zum Beispiel Strassenlärm – konfrontiert ist, die man gar nicht unbedingt hören will.» Der Akustiker Huggel kritisiert, dass die Werbung zum Teil Erwartungen schürt, die die Produkte gar nicht erfüllen können. «Falsch ist etwa die Behauptung, mit einem Hörgerät sei Schwerhörigkeit kein Thema mehr. Schwerhörigkeit begleitet einen ein Leben lang.»
Die hörbehinderte Person ihrerseits braucht Geduld. Man rechnet im Schnitt mit einem Vierteljahr Angewöhnungszeit. Sie muss lernen, ihr Hörgerät zu akzeptieren, damit sich das Fremdkörpergefühl verliert. Dabei hilft, was der BSSV postuliert: «Wer hört und versteht, gehört dazu und kann mitreden.»
Bund Schweizerischer Schwerhörigen-Vereine BSSV, Zürich (Interessenorganisation)
mit Informationszentrum für gutes Hören (Branchenverband)
SUVA, «safer sound», Prävention «Musik ohne Schaden»
© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten
