Hunde: Treue Gefährten des Menschen
Die Schweizer sind auf den Hund gekommen: In fast einer halben Million Haushalte lebt ein Vierbeiner. Für viele Halter erfüllen die Tiere eine wichtige soziale Funktion.

Kaum ein Tier vermag die Emotionen so zu schüren wie der Hund: Manche Menschen fürchten die bellenden Vierbeiner – oder hassen sie sogar. Andere dagegen möchten sie unter keinen Umständen missen.
Ähnlich wie in den USA, wo rund ein Fünftel aller Einwohner ihr Leben mit einem Hund teilt, oder in Grossbritannien, wo schätzungsweise neun Millionen Hunde leben, sind auch die Schweizer auf den Hund gekommen. Jedes Jahr werden etwa 50000 Vierbeiner neu angeschafft.
Abstammung vom Wolf
Der Hund nimmt im Lebensraum des Menschen eine Sonderstellung ein. Er ist neben der Katze das einzige Tier, das sich im Wohnbereich frei bewegen darf. Anderen Haustieren bleibt dies verwehrt: Hamster und Meerschweinchen werden in Käfigen, Vögel in Volieren, Fische in Aquarien und Hasen im Stall gehalten.
Zwar ist der heutige Haushüter und Pfotengeber seit Jahrtausenden domestiziert. Doch selbst das niedlichste Schosshündchen stammt vom Wolf ab. Kann und muss sich der Hundebesitzer deshalb ins Wesen eines Wolfs einfühlen können?
Hans Schlegel, der erfolgreichste Hundeinstruktor der Schweiz, hat mehr als ein Jahr in der kanadischen Wildnis mit Wölfen gelebt. «Ich studierte ihr Verhalten und ihre Lebensweise. Diese Erfahrungen helfen mir bei der täglichen Arbeit mit den Hunden», erklärt der Kynologe. Er hat es sich zur Aufgabe gemacht, verhaltensauffällige Hunde zu behandeln respektive das gestörte Verhältnis zwischen Mensch und Tier wiederherzustellen. Im aargauischen Ausbildungszentrum Wolfsprung Kennel, einem der grössten Zucht- und Trainingszentren Europas, in den USA und in Südafrika bildet Schlegel zudem jährlich etwa 1200 ausgesuchte Junghunde zu Drogen-, Fahndungs- und Rettungshunden aus. Den grössten Teil davon nehmen die amerikanischen Behörden in Dienst.
Der Hund ist sicher auch wegen seiner Reinlichkeit beim Menschen so beliebt. Als Fleischfresser ist ihm – genau wie der Katze – die Verunreinigung des eigenen Heims zutiefst zuwider. Das bedeutet, dass Herrchen oder Frauchen morgens in aller Früh oder am späten Abend, auch bei Regen oder Schnee, mit Fido Gassi gehen muss. Kinder sind zwar anfänglich begeistert von der Idee, den Hund spazieren zu führen. Doch erlahmt ihre Euphorie meist rasch, wenn der Auslauf zur täglichen Pflicht wird. Dessen ungeachtet aber muss selbst der geduldigste Vierbeiner sein Geschäft machen – sonst passieren «Unfälle», die weder Tier noch Besitzer froh machen.
«Ein Hund ist wie ein Spiegel»
Für Stefanie Welti bildet das Zusammenleben mit ihren Collies Ilo und Insha einen wichtigen Teil ihrer Persönlichkeitsentwicklung. «Ein Hund ist wie ein Spiegel. Er reflektiert jederzeit mein Verhalten, meine Denkweise», sagt sie. Sein Spürsinn bringt Dinge an den Tag, die der Mensch vielleicht vorerst selber nur diffus wahrnimmt. Wer jedoch offen ist, wird auf einer intuitiven Ebene mit dem Hund kommunizieren können. «Ich arbeite als Heilerin und Aura-Soma-Beraterin im feinstofflichen Bereich. Weil der Vierbeiner wie der Mensch von einem Energiekörper umgeben ist, funktioniert die Behandlung eines Hundes ebenso», erklärt Stefanie Welti. Sie arbeitet mit Menschen, wird aber vermehrt zu Tieren gerufen, um sie mit Handauflegen oder Bachblüten zu behandeln.
Bei Ann-Marie und Bruno Egli hat der Familienzuwachs in Form eines Mittelschnauzers namens Zappa einiges bewirkt. Die täglichen Spaziergänge sind für sie, die eigentlich gar keine Zeit für einen Hund haben, sehr wertvoll geworden. «Die Wanderungen mit Zappa geben mir, was ich vermehrt brauche: Ruhe und Zeit. Yoga und autogenes Training sind nicht mehr nötig. Gehe ich mit Zappa durch die Wälder, kann ich nachdenken, meditieren, loslassen», meint Ann-Marie Egli. Ihr Mann erholt sich mit dem Hund vom Berufsstress, und für die Kinder, die gerade mitten in der Pubertät stecken, dient Zappa gelegentlich als Tröster und Kuschelwesen.
Eglis sind durch ihren Schnauzer naturverbundener und toleranter geworden. «Man kommt mit anderen Hundebesitzern ins Gespräch, muss sich mit dem Verhalten des Tiers auseinander setzen und wird mehr auf der Gefühlsebene gefordert», sagt Ann-Marie Egli.
Der Hund rettet im direkten wie im übertragenen Sinn Leben. Geschichten von unermüdlichen Blinden- und Katastrophenhunden, von tapferen Lawinenhunden, die nicht eher ruhen, bis sie verschüttete Menschen aufgespürt haben, gehen immer wieder zu Herzen.
Neue Lebenskraft geschöpft
Für Christian Berger war die Dobermann-Hündin Alfa eine Retterin – und umgekehrt. Er erlöste sie aus ihrem miserablen Hundeleben, sie half ihm zu einem geregelten Leben zurück. Der damals 17-Jährige litt an einer Sinnkrise, brach die Berufslehre ab und hing in dubiosen Jugendcliquen herum – bis er sich der Dobermann-Hündin annahm, die zuvor noch nie ein liebevolles Herrchen gehabt hatte. Christian Berger verliess die «Szene» und kehrte nach mehr als einem Jahr an seine Lehrstelle zurück. Alfa bestimmt inzwischen sogar seine berufliche Zukunft. Er möchte mit ihr zusammenarbeiten, vorerst in der Hunde-Rekrutenschule.
«Wenn ich nervös bin, reagiert das Tier», sagt der junge Hundehalter und stimmt seinen Tagesablauf so gut wie möglich auf die Bedürfnisse seines vierbeinigen Freundes ab. Einmal in der Woche muss er um vier Uhr morgens aufstehen, damit Alfa ihren Auslauf hat, bevor er in die weit entfernte Berufsschule fährt.
Riesengeschäft mit Hundeartikeln
Damit es den geliebten Vierbeinern an nichts mangelt, findet sich in Fachgeschäften alles, was das Hundehalterherz begehrt: vom Regenmäntelchen für den Pekinesen bis zum Spezialrucksack, falls Fifi nicht gut zu Pfote ist. In einschlägigen Magazinen werden die Dienste der Hundepsychologin und der Coiffeuse, Akupunktur gegen hündische Beschwerden oder exklusive Geburtstagsgeschenke für brave Vierbeiner feilgeboten. Und die vielen Züchtervereine und Hundeschulen werben mit ihren Erfolgen. Ganze Dienstleistungsbetriebe verdanken dem Hund ihr Auskommen, seien es nun «Hundesitter» für Vielbeschäftigte oder Heime, die sich der Tiere annehmen, wenn die Besitzer sie nicht mehr haben wollen.
Der Kauf eines Hundes will gut überlegt sein. Ist das Tier erst einmal da, hat es ein Recht darauf, wie ein empfindungsfähiges Lebewesen und artgerecht behandelt zu werden. Der Hund braucht die Beziehung zum Menschen und darf nicht als Konsumgut missbraucht werden – egal, ob es sich nun um ein reinrassiges Tier oder um eine Promenadenmischung handelt.
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Dieser Beitrag erscheint in Zusammenarbeit zwischen Beobachter und Fernsehen DRS. Redaktionelle Verantwortung: Balz Hosang und Monika Zinnenlauf
© Beobachter Ausgabe 23 vom 10. Nov 2000 - Alle Rechte vorbehalten
