Insalata di Pasta con Pesto: Pesto ohne Luftverpestung

Text:
  • Michael Merz
Ausgabe:
18/00

Köstliche Vorspeise aus dem italienischen Veneto: ein kalter Spaghettisalat, dessen Pesto ganz ohne Knoblauch auskommt – was der Sauce eine nussige Note gibt.

Für das Volksmodell «Carnaby» war es eine blosse Seegrasmatte. Für «Ascona» durfte bereits eine Matte aus Pferdehaar verwendet werden. Für das exklusive Modell «Miami» wurde diese dann mit einer luftigen Schicht Schafwolle belegt. Mein Alltag in der Matratzenfabrik wurde von einfachen Normen geleitet. Von links kamen die vorbereiteten Eisendrahtkerne für die zukünftigen Bettunterlagen herangerumpelt, und ich hatte diese dann in die jeweiligen Matten einzuwickeln. Danach musste ich das struppige Geflecht mit einer langen Schusterahle und viel Schnur so verzurren, dass es meine Nachbarin zur Rechten in die passenden Drillichhüllen stecken konnte.

Tischleindeckdich in der Tasche

Seit Jahren verbrachte ich meine Sommerferien in der alten Matratzenfabrik hinter dem Eisenbahndamm. Was als schneller Geldverdienst für die erste grosse Reise nach Amerika begonnen hatte, war jetzt der bequemste Weg zum schnellen Taschengeld geworden. Morgens um halb acht trat ich an; abends um fünf Uhr war Schluss. Da hauptsächlich die Arbeit meiner Hände gefragt war, begann ich, daneben lateinische Vokabeln zu pauken, organische Chemieformeln zu lernen, mathematische Lehrsätze vor mich herzusagen. Alles im Rhythmus der herangleitenden Federkerne, des Wendens und Verschnürens der entstehenden Matratzen.

Es dauerte jeweils nicht lange, bis Signora Barriga, meine Arbeitskollegin zur Rechten, Auskunft über mein Gemurmel haben wollte. Es fügte sich gut, dass Norma – so hiess die Italienerin aus dem Veneto mit Vornamen – dies in unseren Arbeitspausen tat. Dann hockten wir auf dem Fenstersims unserer Etage, den ausgepackten «Znüüni» oder das Mittagessen zwischen den Beinen. Während ich jedoch meine Schinken- und Käsesandwiches mampfte, packte sie jeweils eine mir unbekannte Köstlichkeit nach der anderen aus ihren Blechdosen. So lernte ich meine ersten «Crostini» kennen. Ebenso schwarz grillierte, geschälte Peperonischoten, mit etwas frischem Basilikum und Olivenöl gewürzt. Ganze kleine Brote hatte sie ausgehöhlt und diese dann mit Omeletten, Tomaten und Salaten gefüllt.

Bildung im Tausch gegen Nahrung

Ihre Arbeitstasche war eine echte kulinarische Wundertüte, die sie nur allzu gern mit mir teilte, sofern ich ihr etwas über Differenzialrechnungen erzählte oder den lateinischen Vokativ. Norma hatte stets neue Fragen parat, die es zu beantworten galt – was ich, im Tausch gegen ihre Realien, gerne tat.

Eigentlich hatte die Tochter eines Polizeikommandanten studieren wollen. Doch dann brach der Krieg aus; «Papà» wurde an die Front eingezogen und kam nie mehr wieder; «Mamma» versuchte, die drei Kinder und sich irgendwie über die Runden zu bringen. Als Älteste hatte Norma ihr dabei zu helfen. Aus war damit der Traum vom Besuch des Gymnasiums, gar eines Studiums. Nach dem Krieg gab es weder einen geregelten Schulbesuch noch die Möglichkeit, die verpasste Bildung nachzuholen. Norma schickte sich in ihr Los, emigrierte in die Schweiz, wo sie schliesslich den Job in der Matratzenfabrik fand. Immer wenn sie das Heimweh allzu sehr packte, kochte sie sich, wie zur Beruhigung, die Speisen ihrer Heimat.

Ansteckend südländisch

Zum absoluten Favoriten unter ihren Küchenköstlichkeiten wurde der kalte Spaghettisalat, den sie mir zuliebe jede Woche einmal mitbrachte. Dieses Gericht war neu für mich. Der knoblauchlose, im Geschmack nussige Pesto, wie ihn die Leute im Veneto lieben, hatte es mir sofort angetan. Wenn ich es mir recht überlege, ist dieses Gericht wohl jenes, das mich endgültig zum Fan der südlich inspirierten Vorspeisen werden liess.

Eines Tages schnitt ich mich an einer scharfen Eisenkante der Federkerne, quer über die Hand. Es blutete fürchterlich, die Wunde musste genäht werden. Ich blieb zu Hause. Wer tauchte am Wochenende mit einer Schüssel «Insalata di pasta con pesto» auf? Wer sass für die Dauer der Mahlzeit bei mir, schnappte sich eines der botanischen Lehrbücher auf meinem Nachttischchen und befragte mich über den Unterschied zwischen «haploid» und «diploid»? Norma natürlich.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh