Internet: Ein Fitness-Coach ohne Leistungsdenken

Text:
  • Urs Zanoni
Ausgabe:
25/00

Wie lernt man, den natürlichen Bewegungsdrang auszuleben? Wissenschaftler der Uni Zürich kümmerten sich um das Problem und schufen www.aktiv-online.ch – ein Erfahrungsbericht.

Eigentlich ist der Fall klar: Mehr als 90 Prozent der über 15-Jährigen in der Schweiz halten regelmässige Bewegung für gesund. Trotzdem hat die Inaktivität in den letzten Jahren leicht zugenommen, wie verschiedene Erhebungen zeigen – der innere Schweinehund ist hartnäckiger denn je.

Hier setzt www.aktiv-online.ch an. Die Botschaft des virtuellen Fitness-Coach, entwickelt am Institut für Sozial- und Präventivmedizin der Uni Zürich, ist knapp und klar: «Aktiv werden… es lohnt sich!»

Ich klicke auf «Bewegungsprogramm» und folge den Hinweisen bis zur Anmeldung. Als Erstes will mein Trainer wissen, wie es um mein Bewegungsverhalten steht. Nachdem ich die Fragen beantwortet und abgeschickt habe, bedankt er sich artig und lobt meine Absicht, mich künftig mehr zu bewegen. Seine Wortwahl ist aufbauend, und die Texte enthalten praxisnahe Tipps. Als Nächstes zeigt mir mein Coach, auf welcher Stufe zwischen Sportmuffel und Sportfan ich stehe. Zudem mahnt er mich, Geduld zu zeigen und Rückschritte in Kauf zu nehmen – alles fürsorglich und motivierend wie gehabt.

Jetzt gehts dem inneren Schweinehund an den Kragen: kein Einwand, den mein Fitness-Manager nicht zu kontern vermag – den Zeitmangel ebenso wie den Hinweis auf das nasskalte Winterwetter, die häufige Unlust ebenso wie familiäre Verpflichtungen. Nach der Lektüre weiss ich: Es gibt nichts, aber auch gar nichts, was dagegen spricht, sich regelmässig zu bewegen. Fazit: Mein Coach ist die Surfgebühren wert. Und er hat ein beträchtliches Entwicklungspotenzial. Im Lauf des nächsten Jahres will er mir auch sagen, wie ich mehr für die Kraft und die Beweglichkeit tun kann. Und er will mir weitere Tricks verraten für den Fall, dass ich wieder in alte, bewegungsarme Muster zurückfallen sollte. Was er mir nicht bieten wird, sind konkrete Trainingspläne; macht nichts, die kann ich mir auch anderweitig beschaffen.

Dafür ist mein Fitness-Coach äusserst selbstkritisch: In einem Fragebogen lässt er sich detailliert beurteilen; schliesslich will auch er sich ständig verbessern. Und da ich erst der Benutzer Nummer 98 war, mag ich ihm die eine oder andere Ungereimtheit locker nachsehen.

© Beobachter Ausgabe 25 vom 08. Dez 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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