Internetportale: Gemischtwarenläden in Sachen Gesundheit

Text:
  • Annette Bolz
Ausgabe:
24/00

Das Medizinlexikon hat Konkurrenz bekommen: Im Internet schiessen die Gesundheitsportale wie Pilze aus dem Boden. Das sind die fünf besten deutschsprachigen Sites.

Bringen Verhaltenstherapien mehr als Gesprächstherapien? Ist roter Urin bei Kleinkindern ein Alarmsignal? Wie gefährlich ist ein zu hoher Blutdruck? Und ist Heilfasten tatsächlich gesund?

Solche Fragen beantworteten früher nur der Arzt, die Ernährungsberaterin oder der Psychologe – oder man musste mühsam in einem Hunderte von Seiten dicken Gesundheitslexikon nachblättern. Heute geht es viel schneller und bequemer: Man loggt sich einfach ins Internet ein.

Immense Informationsflut

Die Datenfülle im World Wide Web ist allerdings erdrückend. Beim Stichwort Krebs etwa nennt jede gute Suchmaschine einige tausend Internetseiten als Ergebnis. Das sind eindeutig zu viele. Um die Suche einzuengen, müsste man in die Maschine zusätzliche, möglichst spezifische Stichwörter eingeben. Doch solche Fachbegriffe kennen die wenigsten.

Bei allgemeinen medizinischen Fragen lohnt es sich deshalb, via Gesundheitsportale in die Materie einzutauchen. Im Unterschied zu herkömmlichen Internetverzeichnissen wie etwa Yahoo sind Portale weit mehr als katalogisierte Linklisten: Wie ein Gemischtwarenladen halten sie die unterschiedlichsten Angebote und Dienste bereit. So bieten die meisten Portale Nachschlagewerke für Krankheiten an. Dort sind die gängigsten Erkrankungen aufgeführt – samt Symptomen und Behandlungsformen. Auch Online-Chats mit Experten und Diskussionsforen gehören zum Standardangebot.

Oft steht auch ein Online-Arzt oder eine Cyber-Ärztin zur Verfügung: Per E-Mail geben die Experten Rat. Gute Portale bieten zudem die Möglichkeit, nach Selbsthilfegruppen zu suchen.

Auch ein Suchdienst, der einen geeigneten Doktor in Nähe des Wohnorts nennen kann, sollte in einem guten Portal nicht fehlen. Als besonderes Angebot halten manche Portale Gesundheitschecks, Psychotests und Ernährungstipps bereit.

Fast alle Portale bieten zudem einen Newsdienst mit aktuellen oder saisonspezifischen Meldungen und Empfehlungen. Beim Surfen stösst man überdies automatisch auf viele hilfreiche Gesundheitstipps für den Alltag.

Perfekt für erste Informationen

Der Besuch eines Gesundheitsportals bietet sich immer dann an, wenn man sich erst einmal allgemein informieren möchte – zum Beispiel über Mittel gegen Erkältungen, über die möglichen Nebenwirkungen von Schmerztabletten, über das Neuste aus der medizinischen Forschung oder über Therapien bei Bluthochdruck.

Wer hingegen Antworten auf Spezialfragen sucht, ist in einem Gesundheitsportal an der falschen Adresse – es sei denn, man wende sich direkt an den dortigen «Cyber-Doc».

Im World Wide Web gibt es mehrere hundert Gesundheitsportale, ein paar Dutzend sind deutschsprachig. Der Beobachter hat das deutschsprachige Angebot unter die Lupe genommen. Beurteilt wurden folgende Punkte:

 

  • korrektes Fachwissen:
    Portale unterscheiden sich in ihrer fachlichen Qualität. Bei manchen finden sich Aussagen, die medizinisch zumindest als bestreitbar, wenn nicht sogar als falsch bezeichnet werden müssen.

  • Unabhängigkeit:
    Pharmafirmen, die in den Portalen Werbebanner flattern lassen, dürfen keinen Einfluss auf den Inhalt des Informationsangebots haben.

  • Anzahl und Qualität der Angebote:
    Manche Portale bieten wenig Service oder sind inhaltlich dürftig.

  • Gestaltung und Navigation:
    Viele Informationen zur Verfügung zu stellen heisst noch lange nicht, dass diese auch leicht zu finden sind. Nach wie vor gibt es viele Portale, die entweder schlecht erschlossen oder derart überladen sind, dass man schon beim ersten Blick sofort wieder wegklickt.

  • Verständlichkeit:
    Wie bei allen Internetseiten gibt es auch unter den Gesundheitsportalen solche, die vorwiegend für Fachleute gedacht sind, und solche, die sich an interessierte Laien richten. Leider schleicht sich auch bei den Laienportalen immer wieder Fachlatein ein.

Deutsche haben die Nase vorn

Dass alle fünf selektionierten Portale aus Deutschland stammen, erklärt sich aus der Grösse des Heimmarkts: In Deutschland ist es einfacher, die finanziellen und personellen Mittel zum Aufbau eines Internetportals zu beschaffen, als in der Schweiz oder in Österreich.

Immerhin: Auch andernorts ist einiges im Tun. Vor wenigen Wochen startete mit www.surfmed.at eine Plattform, die sich rasch etablieren dürfte. Und das Ärzte-Callcenter Medgate will seine Dienstleistungen Anfang nächsten Jahres auch online anbieten (www.medgate.ch).

© Beobachter Ausgabe 24 vom 24. Nov 2000 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh