Isabella Dunkel: «Ich lebte nur im Netz»
Sie glaubte, die grosse Liebe gefunden zu haben beim Chatten im Internet. Der Mann zeigte ihr kein Gesicht, doch er ruinierte beinahe ihr Leben.

Samstagabend. Ich war allein zu Hause, hatte mir einen Sherry eingeschenkt. Ich surfte im Netz, schaute mal in diesen, mal in jenen Raum, bei «Intelligente Männer» blieb ich hängen. Ein netter Chat; es ging um die Amerikanisierung der deutschen Sprache.
«Tartueffe69» sagte nicht viel, doch was er sagte, weckte meine Aufmerksamkeit. Ich goss mir noch einen Sherry ein. Im Kopf lösten sich die Fesseln, ich schrieb. Wir wechselten ins «Tele», eine Art elektronisches Separee, sprachen zu zweit weiter. Seine Worte, sein Charme fesselten mich. Ich fühlte mich zu ihm hingezogen. «Das gibt es doch nicht», dachte ich. «Wie kann ich etwas empfinden für jemanden, den ich gar nicht sehe?»
Vor vier Jahren habe ich aufgehört, als Sekretärin zu arbeiten; seither mache ich daheim die Buchhaltung und Korrespondenz für meinen Mann, einen selbstständigen Gartenarchitekten.
Einer meiner Söhne drängte uns, endlich einen Internetanschluss anzuschaffen. So entdeckte ich die Chats. Ich bin immer allein zu Hause, und da sind so viele Leute, mit denen man reden kann.
Chatten ist, wie wenn man in einen Raum voller Leute kommt, die man durch Gespräche langsam kennen lernt. Bloss virtuell statt real. Viele sind vereinsamt, finden im realen Leben keine Kontakte, vielleicht auch wegen ihres Äusseren. Im Netz können sie sich geben, wie sie sind – oder wie sie sich wünschen, zu sein. Dort werden sie akzeptiert.
Wichtig ist auch der Adrenalinschub. Alles läuft über die Gefühle ab. Wenn dich jemand anspricht, der weiss, wie er dich nehmen muss, macht das süchtig.
Zwei Tage später war ich wieder im Netz. Maxim, der Mann, der sich hinter «Tartueffe69» verbirgt, erschien. Er suchte mich! Damit hatte ich nicht gerechnet. Ab diesem Tag trafen wir uns täglich online.
Wir erzählten uns unser Leben, lachten miteinander, weinten zusammen. Maxim wusste genau, worauf es ankommt, was die Bedürfnisse einer Frau sind. Er war so charmant, gab einem das Gefühl, die Einzige, die Wichtigste zu sein. Er erkannte sofort, was los war mit mir, was mir fehlte. All die Jahre zuvor hatte ich eigentlich keine Anerkennung erhalten.
Die Träume verändern das Leben
Mit dem Chatten glich ich meinen Kommunikationsmangel zu Hause aus; das Netz war mein Fenster zur Aussenwelt. Mein Mann und ich führten schon seit langem keine tiefer gehenden Gespräche mehr. Seit meine Tochter mit sieben Jahren starb, lief die Ehe schlecht. Auch mein Mann litt. Da hätte man reden sollen. Aber das geschah nicht. Irgendwann sprachen wir überhaupt nicht mehr miteinander.
Die nächsten sechs Wochen waren herrlich. Maxim und ich chatteten stundenlang. Ich lebte nur noch im Netz. Maxim konnte unglaublich gut beschreiben. Wenn man, wie ich, Träume und Fantasien hat, verfehlt das seine Wirkung nicht. Wenn er schrieb: «Ich nehme dein Gesicht in meine beiden Hände und küsse dich» – dann spürte ich das. Es spielte sich alles in meinem Kopf ab, doch mir schien, es sei real.
Ich hatte nur noch Maxim im Sinn – bei allem, was ich tat. Ich lächelte beim Gedanken an ihn, war unaufmerksam beim Autofahren, verpasste Ausfahrten und musste grosse Umwege fahren. Ich hatte mich verliebt.
Er träumte mit mir, wir fantasierten gemeinsam. Und stellten uns vor, wie es sein würde, wenn wir uns begegneten. Er machte die Pläne: «Eines Tages komme ich und hole dich; dich und deine Gitarre», schrieb er mir. Ich glaubte daran, wünschte mir eigentlich nichts sehnlicher.
Inzwischen hatte ich alles liegen gelassen, kümmerte mich weder um die Familie noch um meine Arbeit. Nur noch der Chat mit Maxim interessierte mich. Nachts träumte ich von ihm. Er hatte sich zwar beschrieben, doch die Augen fehlten. Ich hätte so gerne ein Bild gehabt von ihm. Doch er wollte keines schicken.
Die Firma war dem Ende nahe. Wir konnten nichts mehr bezahlen, auch das Telefon nicht. Meine Rechnung belief sich nach zwei Monaten Chatten auf 4000 Franken. Eines Tages wurde die Leitung abgestellt. Ich konnte weder online sein noch telefonieren. Maxim und ich hatten vereinbart, dass wir uns schreiben würden. Ich erhielt wunderbare Liebesbriefe, bekam Schmerzen vor Sehnsucht.
Es war schlimm zu Hause. Jeden Tag kamen blaue Briefe, der Gerichtsvollzieher erschien. Ich fuhr weg, zu Bekannten. Dort konnte ich endlich wieder ins Netz. Aber da war etwas, ich las es zwischen den Zeilen. Er sprach nicht mehr davon, mich treffen zu wollen. Dafür flirtete er mit anderen Frauen. Erstmals entstanden Unstimmigkeiten zwischen uns. Und zum ersten Mal sagte er: «Isa, es ist doch nur virtuell.»
Langsam wurde mir klar, dass es nicht wahr werden kann. Vermutlich hatte er sich, als ich nicht online sein konnte, eine andere angelacht. Ich rang mich dazu durch, ihm eine Abschiedsmail zu schreiben, ein Abschiedsgedicht. Es endete so: «Es ist gegangen, mein Gefühl für dich.»
Nachher bereute ich es. Er sprach überhaupt nicht mehr mit mir. Ich schickte ihm eine liebe Mail. Er versprach eine Antwort, doch sie kam nicht.
Er fehlte mir. Ich vermisste die Chats mit ihm und die Zärtlichkeiten, die wir mit Worten ausgetauscht hatten. Ich hatte ihm mein Herz geschenkt, meine Seele offenbart, und ich war dabei, meine Würde zu verlieren.
Der Ehemann findet die Briefe
Natürlich wollte ich rauskriegen, wer Maxim ist. Ich fragte mich, warum er eine Adresse hat, die nicht privat aussah, warum ich auf den Briefen seinen vollständigen Namen nicht schreiben sollte. Im Internet konsultierte ich internationale Telefonbücher, suchte überall. Aber er war nirgends zu finden.
Irgendwann fand mein Mann Maxims Briefe. Er, der sich 15 Jahre lang nicht darum gekümmert hatte, was ich dachte, was ich fühlte, war aufgebracht wie nie zuvor. Zuerst stritten wir abendelang. Doch seither reden wir wieder, sind daran, unsere Ehe wieder aufzubauen. Das erste Mal nach vielen Jahren gab er sich Mühe, mit mir tiefer gehende Gespräche zu führen.
Ich erwartete eigentlich, dass er mich fortschickt. Aber er sagte: «Ich kämpfe um dich, ich liebe dich.» Er hatte mich einfach nicht mehr wahrgenommen. Hatte immer nur seinen Beruf im Kopf gehabt. Und ich war einfach immer da, für alle. Erst durch dieses Erlebnis mit Maxim wurde mir so richtig klar, dass ich in der Beziehung mit meinem Mann resigniert hatte. Diese Online-Romanze hatte positive Konsequenzen für unsere Ehe. Ich weiss, dass ich zu meinem Mann gehöre.
Das Internet eignet sich hervorragend, mit dem Chatpartner am anderen Ende der Welt Fantasien zu teilen, Pläne zu schmieden. Es ist aber auch ein Medium der Lügen. Man muss gewappnet sein oder es als Spass auffassen. Heute weiss ich das.
Fast auf den Tag genau ein Jahr nachdem ich Maxim kennengelernt hatte, erfuhr ich, das «er» eine Frau ist.
© Beobachter Ausgabe 20 vom 01. Okt 1999 - Alle Rechte vorbehalten









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