Jugendherbergen: Leiter müssen untendurch

Text:
  • Ueli Zindel
Ausgabe:
9/00

Rentabilität diktiert das Geschäft: Die Schweizer Jugendherbergen befinden sich im Umbruch. Die Methoden sind nicht immer von der feinen Art.

Willkommen bei den Schweizer Jugendherbergen!» Die schlichte Homepage begrüsst Sie per du – und bis vor kurzem mit einer Quizfrage. «Schauen wir, wie gut du uns schon kennst! Welchen kleinen Luxus bietet die Jugendherberge Lugano?»

Hier sind die möglichen Antworten. Klick: Luxussuite. Klick: Privatchauffeur. Klick: Swimmingpool. – Die richtige Antwort lautet: Swimmingpool.

Dunkle Balken, heisse Suppen. Cheminee und Gratistee. Das Image der Jugendherbergen lebte über Jahrzehnte vom Cachet der Gründerzeit. Noch vor 20 Jahren soll es keine Jugendherberge gegeben haben, die weiter als einen Tagesmarsch von der nächsten entfernt war. Ubernachtet wurde im eigenen Schlafsack; ein Frühstück musste nicht gebucht werden.

Die Zeiten sind vorbei. Von den 200 Jugendherbergen der vierziger Jahre sind heute noch 67 geblieben. Die 14 eigenständigen Regionalkreise wurden neu im Verein «Schweizer Jugendherbergen» zusammengefasst. Er wird gesteuert von der zentralen Geschäftsstelle Zürich.

Das heutige Unternehmen nennt sich «die exklusivste Hotelkette der Welt». Die Subventionen der öffentlichen Hand sind versiegt, und seit fünf Jahren fliessen nur noch Gönnerbeiträge. Diese belaufen sich auf 70000 Franken – bei einem Gesamtumsatz von 25 Millionen. Umstrukturierungen waren nicht zu umgehen. Sie verliefen nicht ohne Nebengeräusche.

A. S., eine erfahrene Hotelfachfrau und Familienarbeiterin, leitete vier Jahre eine Herberge im Berner Oberland. Die 42 Betten waren meistens belegt, «viele Gäste blieben länger als geplant». S. legte grossen Wert auf eine familiäre Atmosphäre, auf «das Kuschelige im Haus».

Mit dem neuen Konzept wurden die Hauptsaisonpreise erhöht – «das Feilschen um Rappen begann», erklärt A. S. Grosszügiger zeigte sich die Geschäftsleitung, als sie für die Herberge Inserate schaltete – auf Rechnung der Betriebsleiterin. «Die Kommunikation mit Zürich war katastrophal», sagt A. S. «Mein Haus hatte keine Werbung nötig. Von der Zentralstelle gabs Weisungen, sonst nichts. Kritik war nicht erwünscht.» Der Vertrag von A. S. wurde nicht erneuert.

J. B. ist argentinischer Herkunft. Von 1995 bis 1997 leitete er die Jugendherberge in Maloja GR. Der Mann, der sechs Sprachen spricht, arbeitete «mit viel Liebe und wenig Geld». Er reparierte einiges, machte sogar kleinere Renovationen. J. B. arbeitete im Glauben, bis 2003 in Maloja bleiben zu können.

10620 Ubernachtungen verzeichnete die Engadiner Herberge 1995 – ein ausgezeichnetes Resultat in einer kurzen Saison. Der Leiter verkaufte 8000 Menüs. Dennoch wurde J. B. ohne Vorwarnung gekündigt. «Die Geschäftsleitung konnte keine eigenen Zahlen präsentieren», sagt J. B. «Ich hörte nur, Maloja sei wirtschaftlich nicht interessant.»

Wechsel am laufenden Band
Fredi Gmür ist seit April 1996 Geschäftsleiter der Schweizer Jugendherbergen. Er hält fest, dass «die Wirtschaftlichkeit des Vereins gewährleistet sein muss». Es gebe grundsätzlich kein neues und kein altes Konzept. Für die Institution stehe weiterhin «die menschliche Begegnung im Mittelpunkt»; die Vielfalt der Herbergen sei durchaus gewährleistet.

«Wie kann man sich für den Sozialtourismus stark machen, wenn man auf diese Weise mit den Mitarbeitern umgeht?», kritisiert ein Herbergsleiter. Die Fluktuation macht tatsächlich stutzig: Auf der Telefonliste der Zürcher Zentralstelle wechselte innerhalb eines Jahres ein Drittel der Namen. Und von den drei Schweizer Bereichsleitern kündigten zwei. «Die Kommunikation zwischen der Zürcher Geschäftsstelle und den Betriebsleitern vor Ort ist alles andere als optimal», sagt ein Mitarbeiter. «Aus Zürich kommt eine Weisung nach der andern – die Meinung der Front interessiert nur wenige.»

Der zitierte Mitarbeiter spricht hinter vorgehaltener Hand. Wie all seinen Kolleginnen und Kollegen wurde auch ihm verboten, sich Journalisten gegenüber zum Thema «Jugendherbergen» zu äussern. Trotzdem war zu erfahren: Seit zwei Jahren wartet ein ehemaliger Betriebsleiter auf ein korrektes Arbeitszeugnis. Die Treffen der Herbergenleiter dürfen ohne Anwesenheit des Vorgesetzten nicht mehr stattfinden.

Die Geschäftsstelle Zürich forderte von einem Betriebsleiterpaar einen Schadenersatz von 26000 Franken, weil laut Gmür die Kündigungsfrist nicht eingehalten wurde. Doch der Geschäftsleiter musste die Forderung fallen lassen; dem Verband blieben happige Anwaltskosten. Die beiden ehemaligen Angestellten haben in den Jugendherbergen Hausverbot. Fredi Gmür: «Es handelt sich um persönliche Dinge.»

Mittlerweile neigt sich das 75-Jahr-Jubiläum der Schweizer Jugendherbergen dem Ende zu. Gefeiert wurde ein ganzes Jahr. Die Aufbruchstimmung ist nicht zu übersehen: Sie lebt, die neue Leichtigkeit.

Die Jugendherberge Maloja fand in den Festreden keine Erwähnung. Das Haus wurde mit jenem von St. Moritz fusioniert. Die 10662 Ubernachtungen von 1995 sanken inzwischen auf 2114.

© Beobachter Ausgabe 9 vom 28. Apr 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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