Krankenkassen im Test: Die Branche bietet nur Mittelmass

Mitarbeit:
  • Max Künzi
  •  und Adrian Schmid
Ausgabe:
19/00

Keine Spitzenqualität, kein Innovationsgeist. Das Beobachter-Rating zeigt: Die Krankenkassen haben an Schwung verloren. Schaden nimmt die Branche vorderhand nicht – die Versicherten sind treuer geworden.

Hand aufs Herz – weckt solche Werbung Ihr Interesse? «Starke Leistungen zu fairen Preisen», verkündet Marktführerin Helsana. «Zuverlässigkeit zahlt sich aus», lautet die Botschaft der Visana. «So vielfältig wie Ihre Familie», rühmt sich die Concordia. Und die KPT verspricht: «Auf uns ist Verlass.»

Beliebig, zufällig, austauschbar. Vorbei sind die Zeiten, als sich die Branche über Slogans der Konkurrenz ärgerte. «Bis zu 100 Prozent Familienrabatt für die Kleinen», versprach die CSS in früheren Jahren. Oder: «1999 keine Prämienerhöhungen.»

Der zahme Werbeauftritt der Krankenkassen ist typisch: Keine Einfälle, keine innovativen Versicherungsmodelle, keine markanten Köpfe, keine scharfzüngigen Verkäufer – die Szene ist träge geworden. Das neue Beobachter-Rating belegt die Misere: Keine der 34 grössten Kassen verdient den Titel «Musterkrankenkasse» oder das Prädikat «überdurchschnittliche Leistung». Fast alle Kassen arbeiten im Rahmen der Erwartungen – die einen mehr, die andern weniger. «Es fehlt an Ideen», bedauert auch Fritz Britt, Vizedirektor im Bundesamt für Sozialversicherung (BSV).

Angst vor neuen Fehlern

Der Dachverband nimmt seine Mitglieder in Schutz. «Die Branche hat nicht an Schwung verloren», sagt Peter Marbet vom Konkordat der Krankenversicherer. Jedes Jahr würden «neue Modelle und Angebote lanciert». Die Verantwortlichen der Kassen sind da selbstkritischer. «Ein Treten vor Ort», stellt Visana-Sprecher Urs Pfenninger fest. «Alle hocken im Schützengraben und warten darauf, dass sich der andere bewegt.» Helsana-Chef Manfred Manser beobachtet Ähnliches: «Man hat grosse Angst, sich zu exponieren oder Fehler zu machen.»

Mit gutem Grund, wie die Vergangenheit zeigt. In den neunziger Jahren ballten sich die Kassen zu Mitgliederriesen – und stülpten zusätzlich Holdingfirmen darüber. «Wir sind gross genug, um im verkrusteten Gesundheitswesen etwas in Bewegung zu setzen», versprach der Chef der Swisscare, eines Dachverbands von verschiedenen Kassen. Und auch die Arcovita, ein Zusammenschluss der CSS und der Visana-Gründerkassen, geizte nicht mit optimistischen Ankündigungen: «Wir wollen die Gesundheitskosten besser in den Griff bekommen.»

Experimente nicht gefragt

Doch die Marktmacht brachte nicht die erhoffte Wirkung; Ärzte und Spitäler zeigten sich als zähe Gegner. Nach wenigen Jahren wurden Swisscare und Arcovita still liquidiert. Branchenskandale wie der Fast-Konkurs der Artisana und der Visana-Rückzug aus der Grundversicherung in acht Kantonen liessen den Mut weiter schwinden. Mutig sind die Kassen heute höchstens noch im Nachahmen. «Sobald ein neues Produkt auf den Markt kommt, ziehen die Konkurrenten nach», sagt Visana-Sprecher Urs Pfenninger. So bieten neuerdings viele Kassen eine zahlbare Spitalversicherung an, die ein Einer- oder ein Zweierzimmer auch für Allgemeinpatientinnen und -patienten garantiert, nicht aber die freie Wahl des Spitalarztes.

Statt mit Ideen zu glänzen, kümmern sich die Versicherer jetzt lieber um interne Abläufe und Probleme. «Die Krankenkässeler waren schon immer mehr Verwalter als innovative Leute», sagt Beobachter-Experte Walter Ilg. «Deshalb achten die Verantwortlichen vor allem darauf, dass der Laden einigermassen läuft, und verzichten auf Experimente.»

Ruhig ist es momentan auch um die Innova, die den Anspruch auf neue Ideen im Titel trägt. Schlagzeilen machte sie mit einer Nichtraucher- und einer privaten Arbeitslosenversicherung. «In der Grundversicherung ist der Spielraum für bahnbrechende neue Angebote sehr eng», sagt Direktor Michael Rindlisbacher. Und im Zusatzversicherungsbereich warten die Krankenkassen auf neue Impulse aus der Politik. In Vorbereitung sind Projekte für eine neue Spitalfinanzierung und einen nationalen Ärztetarif.

Fallen soll vor allem die Vorschrift, dass die Kassen mit jedem Arzt einen Vertrag abschliessen müssen. Das werde den Wettbewerb ankurbeln, glaubt Helsana-Chef Manser. «Heute hat jede Kasse die gleichen Ärzte auf der Liste. In Zukunft kann ich aber mit jenen Ärzten zusammenarbeiten, die meinen Versicherten die beste Versorgung garantieren.»

Der Druck der Basis fehlt

Bequem geworden sind allerdings auch die Versicherten, denn die Zahl der Kassenwechsler sinkt ständig. 1997 suchten 250000 eine neue Krankenkasse, 1999 gab es nur noch 60000 freiwillige Wechsler. Und: «Viele Versicherte wählen nach wie vor eine Kasse mit vergleichsweise teuren Prämien – auch die Wechsler», staunt BSV-Vizedirektor Fritz Britt. Über die Gründe kann er nur spekulieren: «Vielleicht ist der finanzielle Druck nicht gross genug – vielleicht sind die Leute zu träge.» Dabei wünscht sich Britt mehr Druck von der Basis: Das würde die Konkurrenz unter den Versicherern wieder beleben.

Den Grund für das Desinteresse ortet Sanitas-Direktor Kurt Wilhelm in der Branche selber. «Viele Kassen haben das Vertrauen im Volk verspielt.» Immer wieder komme es vor, dass ein Versicherer die Kundschaft mit tiefen Prämien oder Nullrunden anlocke und im nächsten Jahr mit happigen Prämienaufschlägen reagiere. Das verärgere die Leute.

Auch Innova-Chef Michael Rindlisbacher glaubt, die Krankenversicherung habe immer mehr «den Status eines notwendigen Übels». Die Visana stellt laut Pressesprecher Pfenninger sogar fest, dass ehemalige Kunden trotz hohen Prämien zurückkehren, «weil sie unsere Dienstleistungen und den Service schätzen».

Eine eigene Interpretation für die Trägheit liefert das Krankenkassenkonkordat. «Das Wechselverhalten in den letzten Jahren zeigt, dass die Versicherten mit ihrer Krankenkasse in der Regel zufrieden sind», sagt Pressesprecher Peter Marbet. Und verweist darauf, dass «Behörden, Kassen, Medien und Patientenorganisationen ja immer wieder aufzeigen, wie gewechselt werden kann und welche Sparmodelle auf dem Markt sind».

Schlecht informierte Versicherte

Marktanalysen kommen zu einem anderen Schluss. Laut dem «Gesundheitsmonitor 99» haben 11 Prozent der Stimmberechtigten das Gefühl, sie seien «sehr gut» über das Gesundheitswesen informiert – 54 Prozent bezeichnen ihren Kenntnisstand als «gut». Dennoch möchten 55 Prozent der Befragten mehr wissen über «Modelle zur Prämienreduktion». Fazit der Publikumsforscher: Die ständige öffentliche Diskussion über das Gesundheitssystem habe zwar «einen subjektiv steigenden Informationsstand zur Folge», dieser werde aber durch «ein schlechteres De-facto-Wissen relativiert». Mit andern Worten: Die Leute glauben, genug zu wissen – in Tat und Wahrheit wissen sie aber wenig.

So ist vielen Versicherten noch immer unbekannt, dass sie ihre Grundversicherung ohne Nachteil bei einer andern Kasse abschliessen können – egal, ob jung, alt, gesund oder krank. «Andere wissen es zwar, glauben es aber nicht», sagt Margrit Kessler, Präsidentin der Patientenorganisation (SPO). Sie erzählt die Geschichte eines älteren Ehepaars, das trotz Ergänzungsleistungen und Prämienverbilligung am Existenzminimum lebt: «Bei einer andern Kasse könnten sie 2000 Franken pro Jahr sparen, aber sie wechseln nicht.»

Eine welsche Gruppe machts vor

Eine Organisation in der Westschweiz hat gemerkt, dass Information allein nicht genügt. «Man muss mit den Leuten reden», sagt Bertrand Jaquet, Sekretär der Neuenburger Vereinigung GPFI. Das Kürzel steht für einen langen Namen mit kurzem Sinn: Jeder und jede soll Zugang haben zu neutralen Informationen über die Krankenversicherung. Das System ist raffiniert und erfolgreich: Für fünf Franken im Monat erhalten die rund 9000 Mitglieder eine Beratung. Zudem geht die GPFI im Bekanntenkreis ihrer Mitglieder aktiv auf neue Leute zu. «Wir versuchen, die Einsamkeit der Versicherten zu durchbrechen», sagt Jaquet. Die Patientenorganisation ist vom Modell derart überzeugt, dass sie es zusammen mit der GPFI auch in der Deutschschweiz lancieren will.

Als Vorgeschmack schickt Jaquet einen Gratistipp über die Sprachgrenze, den auch die Spezialistinnen und Spezialisten des Beobachter-Beratungszentrums als gut erachten: Deutschschweizer sollten sich durch das aggressive Werben einiger welscher Kassen nicht blenden lassen: «Der Kundendienst in der Deutschschweiz ist häufig schlecht, weil viele Kassen nicht vor Ort sind.» Eine günstige Prämie sei viel, aber nicht alles. Stimmt.

© Beobachter Ausgabe 19 vom 13. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten

created by snowflake productions gmbh