Krankenkassenprämien: Junge Versicherte müssen bluten
Alle Jahre wieder: Auch 2003 dreht sich das Prämienkarussell munter weiter. Zu erwarten sind Aufschläge von durchschnittlich zehn Prozent. Noch mehr werden die Jungen zur Ader gelassen.

Nebenartikel
Zweistellig oder nicht? Das ist die grosse Frage im laufenden Prämienpoker zwischen dem Bundesamt für Sozialversicherung (BSV) und den Krankenkassen. Setzen sich die Versicherer durch, werden nächstes Jahr die Prämien für die obligatorische Grundversicherung um durchschnittlich zwölf Prozent steigen. Die Aufsichtsbehörde dagegen, die die Eingaben der Kassen zu genehmigen hat, wird alles daransetzen, die Erhöhung in den einstelligen Prozentbereich zu drücken.
Zur Erinnerung: Für dieses Jahr betrug der durchschnittliche Anstieg 9,7 Prozent; 2001 waren es «nur» 5,5 Prozent, 2000 3,8 Prozent. Im laufenden Jahr zahlt eine vierköpfige Familie im schweizerischen Mittel 7392 Franken für die obligatorische Grundversicherung (bei einer Franchise von 230 Franken).
Aus politischen Gründen dürfte die definitive Erhöhung für 2003 knapp unter den 9,7 Prozent von diesem Jahr liegen. Was die heikle Finanzlage vieler Versicherer aber nochmals verschärfen wird, wie folgende Rechnung zeigt:
- Um die Kostensteigerung im laufenden Jahr zu decken, sind sechs Prämienprozente nötig.
- Weitere sechs Prozent (inklusive Rückstellungen und Reserven) sind nötig, um die schwindenden Kapitalerträge der Krankenkassen sowie die künftigen Mehrleistungen in der Betagtenpflege aufzufangen.
Das bedeutet: «Falls die genehmigte Erhöhung deutlich unter zehn Prozent liegt», so Gesundheitsökonom Willy Oggier, «sind die Versicherer bereits wieder im Rückstand.» Und 2004, wenn das neue Tarifsystem «Tarmed» eingeführt wird, sind weitere markante Kostenschübe zu erwarten. Schon letztes Jahr aber häufte sich bei den Kassen ein Verlust von 700 Millionen Franken in der Grundversicherung an. Mit der Folge, dass bei einigen (Helsana, Supra) die Reserven deutlich unter das gesetzliche Minimum sanken. Kein Wunder, dass vor allem die mitgliederstarken Versicherer nicht mehr bereit sind, ihre Prämienprognosen vor den Verhandlungen mit dem BSV öffentlich zu nennen: Nur noch die Hälfte der vom Beobachter angefragten Kassen waren dazu bereit.
Trotzdem sind einige Trends ersichtlich (siehe Nebenartikel «Prämienprognosen»):
- Je kleiner die Kasse, desto grösser die Erhöhung. Die Erklärung: Kleine Kassen sind in aller Regel billiger, weshalb manche in den letzten Jahren einen massiven Zulauf hatten. Dies macht jetzt markante Erhöhungen nötig, um die notwendigen Rückstellungen und Reserven zu bilden.
- Die 19- bis 25-Jährigen müssen mit überdurchschnittlichen Aufschlägen rechnen. Schon für dieses Jahr war die Erhöhung mit 15 Prozent im schweizerischen Mittel viel höher als bei den über 25-Jährigen und den Kindern (je zehn Prozent).
- Weit wichtiger als die durchschnittliche Erhöhung ist die Bandbreite, in der die Prämien klettern werden. In Einzelfällen können die Aufschläge deutlich über 20 Prozent liegen.
- Keine Erhöhungen gibt es nur für ganz wenige Versicherte in Kantonen, die schon heute zu den günstigsten gehören. Prämiensenkungen sind weit und breit keine auszumachen.
Doch die Höhe des Aufschlags hängt nicht nur davon ab, bei welchem Versicherer man ist. Auch der Wohnort hat einen grossen Einfluss, wie Analysen des Internet-Vergleichsdienstes Comparis zeigen:
- Beispiel Frauenfeld TG: Drei von vier Versicherten zahlen 2002 zwischen 70 und 80 Prozent mehr Prämien als 1997.
- Beispiel Liestal BL: Drei von vier Versicherten zahlen in diesem Jahr «nur» etwa einen Viertel mehr Prämien als 1997.
Bekanntgabe im Oktober
Anfang Oktober wird sich zeigen, ob die Baselbieter einmal mehr günstiger davonkommen als die Thurgauer. Dann wird Gesundheitsministerin Ruth Dreifuss die genehmigten Prämien 2003 bekannt geben. Und der Prämienpoker für 2004 seinen Anfang nehmen.
© Beobachter Ausgabe 18 vom 06. Sep 2002 - Alle Rechte vorbehalten









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