Landwirtschaft: Futterneid unter Bauern kostet Steuermillionen
Eine Studie zeigt: Von «Bauernsterben» kann keine Rede sein. Oft stehen sich die Landwirte aber selbst im Weg, indem sie sich bei der Verteilung des Pachtlands gegenseitig behindern. Die Folge: Immer mehr Höfe geraten in wirtschaftliche Not.
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Der 36-jährige Vollerwerbsbauer aus dem Sankt Galler Rheintal verwirft die Hände, doch seine Stimme wird leiser: «Wenn ich zu laut ausrufe, habe ich erst recht eine Zwei auf dem Rücken.» Sein Problem: Als die Ortsgemeinde kürzlich 26 Hektaren Pachtland neu zuteilen konnte, wurden die Wiesen und Äcker gleichmässig an vier Betriebe verteilt. Damit bleibt zwar die Kirche im Dorf, aber die Wirtschaftlichkeit auf der Strecke. «Wir sind dann zwar alle gleich gross, aber zu klein, um zu überleben. Schuld sind wir selber, weil keiner dem anderen etwas gönnt.»
Wer auf Wachstum durch mehr Fläche setzt, wird von den andern Bauern mit Argusaugen beobachtet. Ist eine bestimmte Grösse erreicht, wird es immer schwerer, mehr Pachtland zu ergattern. Futterneid, aber auch nachbarschaftliche Rücksichten sorgen für eigene Regeln bei der Pachtlandverteilung.
Für Walter Bütikofer, der in Kirchberg BE 21 Hektaren Land bewirtschaftet, ist das eine «normale Erscheinung wie in vielen anderen Berufsgattungen auch». Denn: «Erfolg macht neidisch. Keiner sieht es gern, wenn ein anderer zu gross wird.»
Doch damit sägt die Landwirtschaft am eigenen Ast. Der notwendige Strukturwandel wird seit Jahrzehnten verzögert. Was nicht heissen soll, dass schiere Grösse alle Probleme löst. Wer etwa auf acht Hektaren hoch profitable Beerenkulturen anpflanzt, kann durchaus sein Einkommen finden. Die meisten Landwirtschaftsbetriebe sind jedoch zu klein, um längerfristig als Vollerwerbshöfe zu überleben.
Nach der letzten Betriebszählung beträgt die mittlere landwirtschaftliche Nutzfläche der Haupterwerbsbetriebe 17,4 Hektaren. Die Zunahme seit 1975 macht im Schnitt nur vier Hektaren aus.
Ein Vergleich: In Deutschland bewirtschaftet ein Vollzeitbauer 38,6, in Frankreich 65,2 und in Grossbritannien 122,9 Hektaren Land. Natürlich sehen die Britischen Inseln topografisch anders aus als das Schweizer Bergland, doch auch der Unterschied in Sachen Produktivität ist enorm: Um 100 Hektaren zu bewirtschaften, braucht es in Grossbritannien 2,2 Vollerwerbskräfte, in der Schweiz sind es 14,1.
Schweizer produzieren zu teuer
Die Konsequenzen spüren wir alle schmerzlich. Nimmt man das Preisniveau für Agrarprodukte als Messlatte, ist die Schweizer Landwirtschaft im europäischen Vergleich nach wie vor nicht konkurrenzfähig. Und das trotz erheblichem Zustupf durch die Steuerzahler. 1998 wurden Direktzahlungen von durchschnittlich 2400 Franken pro Hektare Nutzfläche oder umgerechnet 38000 Franken pro Landwirtschaftsbetrieb geleistet.
Diese Summe entspricht exakt dem von der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Agrarwirtschaft und Landtechnik (VAT) für 1999 errechneten Verdienst einer Familienarbeitskraft im Talgebiet. Oder anders gesagt: Der Steuerzahler berappt pro Betrieb mindestens eine Arbeitskraft.
«Bauernsterben» ist ein Phantom
Die Bauern hängen immer stärker am öffentlichen Tropf. So beklagt sich etwa der Schweizerische Bauernverband darüber, dass «die Einkommen in der Landwirtschaft auf tiefem Niveau verharren und deutlich unter den Vergleichseinkommen anderer Berufsgattungen liegen». Ebenfalls steigt die Verschuldung, obwohl zusätzlich zu den Einkommen auch Kapitalinvestitionen subventioniert werden. Gemäss einer Studie der Uni Freiburg leben rund 40 Prozent der Betriebe von der Substanz.
Einmal mehr schallt denn auch die Klage vom «Bauernsterben» durchs Land. Jacques Janin, Direktor von Prométerre, der Waadtländer Vereinigung für die Förderung der Bodenberufe, malte kürzlich ganz schwarz: «In den nächsten zehn Jahren dürfte die Hälfte der 74000 Landwirtschaftsbetriebe eingehen.»
Solche Szenarien werden seit Jahren beschworen. Landläufig gilt die Meinung, dass in der Vergangenheit bereits ein massiver Aderlass stattgefunden habe. Als Beleg dafür wird die Aufgabe von rund 2000 Betrieben pro Jahr angeführt.
Die Ökonomin Priska Baur hat sich in ihrer Dissertation «Agrarstrukturwandel in der Schweiz» (ETH Zürich, 1999) die Entwicklung näher angesehen. Sie entlarvt das «Bauernsterben» weitgehend als Phantom: Zwischen 1939 und 1990 ging die Zahl der Betriebe jährlich um durchschnittlich 1,53 Prozent zurück. Dass sich diese Rate in der ersten Hälfte der neunziger Jahre auf 2,55 Prozent steigerte, hat vor allem statistische Gründe. Bis 1990 wurden auch Minibetriebe mit weniger als drei Hektaren erfasst.
Nimmt man nur die Betriebe über drei Hektaren, so liegt der jährliche Rückgang auch seit 1990 im Schnitt bei deutlich unter zwei Prozent. Und genau diese Zahl gilt international als «Abwanderungsschwellenwert». Das heisst: Von «Bauernsterben» kann keine Rede sein.
Mit der 1992 eingeleiteten Reform versucht der Bund nun den Spagat: Sowohl die Wettbewerbsfähigkeit als auch die Umweltverträglichkeit sollen sich verbessern. Beides hatte in den letzten Jahrzehnten mit dem Trend zu kleinstrukturierten, arbeits- und kapitalintensiven Haupterwerbsbetrieben arg gelitten.
Die aktuelle Entwicklung lässt indes an der Wirksamkeit der Reform zweifeln. So nimmt die Zahl der Nebenerwerbs- und Teilzeitbetriebe zu, ohne dass sich die Durchschnittsfläche der Haupterwerbsbetriebe vergrössert. Die Konsequenz: Die Nebenerwerbsbauern bewirtschaften den Boden selber, statt ihn zu verpachten. Das knappe Angebot an Pachtland wirkt sich also als zusätzlicher Hemmschuh für den Strukturwandel aus.
Viele Bauern brauchen Nebenjobs
«Ich bin an teurem Pachtland mit unsicherer Nutzungsdauer nicht interessiert», sagt Walter Bütikofer. Er bewirtschaftet seinen Hof mit seiner Frau Pia und einem Mitarbeiter nach den Regeln des biologischen Landbaus und verkauft einen Teil der Produkte direkt ab Hof. Zudem ist er mit einem andern Bauern eine Tierhaltergemeinschaft eingegangen, die um weitere Partner erweitert werden soll. Geplant ist ein Stall für gut 100 Kühe.
Bütikofer will in Zukunft nicht allein vom Hof leben. Er liess sich deshalb zum Webpublisher ausbilden und hat im Internetgeschäft Fuss gefasst: «Ich möchte so die Hälfte des Einkommens erzielen.»
© Beobachter Ausgabe 24 vom 24. Nov 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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