Littau: Umstrittene Privatschule

Text:
  • Urs Rauber
Ausgabe:
19/99

Im August hat die «Freie Primarschule» Littau LU ihre Pforten geöffnet. Nach Recherchen des Beobachters handelt es sich dabei um ein Projekt der Scientology-Kirche. Die Schulleitung schweigt dazu.

Vor den Sommerferien war für Gemeindeammann Josef Schärli aus Littau LU noch alles klar. Im Regionalfernsehen «Tele Tell» zählte er auf, wer sich als Mieter für das seit drei Jahren verwaiste Schulhaus Berg in seiner Gemeinde alles interessiert habe: Ausbildungsverantwortliche von Firmen, Interessenten für einen Zoo – «und sogar eine Sekte». Aber, so verkündete der Gemeindepräsident an einer Pressekonferenz, «das alles passt nicht in die Landschaft». Er sei deshalb glücklich, dass er einen Mietvertrag mit der Freien Privatschule von Sandra Planzer habe abschliessen können.

Und jetzt hat Littau eine Schule von Scientologen. «Nein, nach der Zugehörigkeit zu Scientology haben wir Frau Planzer nicht gefragt», räumt Schärli gegenüber dem Beobachter ein. Die diplomierte Primarlehrerin habe schon in Rain LU vier Kinder unterrichtet und besitze eine Zulassung des Erziehungsdepartements. «Die Primarschule von Frau Planzer ist konfessionell neutral und hat nichts mit einer Sekte zu tun», sagt Schärli.

Der Verein «Ziel»
Was er offenbar nicht weiss: Bei der neu einquartierten «Freien Privatschule» handelt es sich nach allem, was bis heute bekannt ist, um eine «Ziel»-Schule. Der Verein «Ziel» (Zentrum für individuelles und effektives Lernen) will gemäss Eintrag im Handelsregister den Unterricht für «Studenten, Schüler, Kinder, Ungebildete und Lehrer ausschliesslich mit Hilfe der Studiertechnologie von L. Ron Hubbard» fördern. Auch nach Scientology-internen Quellen ist «Ziel» eine «eigenständige Organisation, die LRH-Tech (L.-Ron-Hubbard-Technologien) anwendet».

In den Kantonen Zürich und Aargau haben die Erziehungsdirektionen Zulassungsgesuche von «Ziel»-Schulen wiederholt abgelehnt. Das Bundesgericht stützte diese Praxis unter Hinweis auf die «fehlende Vertrauenswürdigkeit» der mit Scientology verflochtenen Trägerschaft.

Dennoch führt der Heilskonzern in seinen Räumen in Zürich seit Jahren eine «Ziel»-Schule. Vom 18. bis 31. Juli 1999 organisierte der Verein «Ziel» ein Ferienlager in Amden GL. Hier bot er «Rehabilitationskurse», «Kommunikationskurse für Kinder», «Weg-zum-Glücklichsein-Kurse» und «Lebensverbesserungskurse ab 12 Jahren» an. Früh übt sich: Die Unterweisung in der scientologischen Ideologie erfolgt gemäss Kursausschreibung bereits «ab schulpflichtigem Alter».

Kinder durch Scientology-Techniken beeinflusst
«Der auf Einzelunterricht ausgerichtete Schulstil vernachlässigt das für die Erziehung von Kindern notwendige soziale Umfeld», sagt der Zürcher Rechtsanwalt und Sektenexperte Urs Eschmann. Eschmann erachtet die Gefahr als sehr gross, dass Kinder durch scientologische Techniken beeinflusst werden. Eine ehemalige Scientologin kritisiert, «Ziel»-Schüler würden gegenüber der normalen Welt abgeschottet: «Dadurch rutschen sie automatisch in die Scientology-Organisation hinein.»

In der Schweiz führen Scientologen schätzungsweise ein halbes Dutzend «Ziel»-Schulen (erste bis sechste Klasse). Im Anschluss daran werden die 13- bis 14-Jährigen in eine Scientology-Privatschule nach England geschickt. Ein ehemaliges Sektenmitglied: «Oft besteht dann aber keine Chance auf eine Lehrstelle in der Schweiz. So werden manche Jugendliche nach ihrer Rückkehr direkt von Scientology als Mitarbeiter eingestellt.»

Die Schulleitung weicht aus
Sandra Planzer ist die Tochter einer Mitarbeiterin der Scientology-Zentrale in Zürich. Die Tochter unterrichtete nach Aussagen eines ehemaligen Mitglieds zeitweise in der dortigen «Ziel»-Schule. Ebenfalls als aktive Hubbard-Anhänger gelten Therese Rüst und Konrad Meile, die im Sommer die «Freie Privatschule» Littau der Öffentlichkeit präsentierten. Das Elternpaar schickt selber Kinder in die Schule von Sandra Planzer. Gegenüber der Gemeinde treten sie als «Hauswart» und offizielle Mieter des Bergschulhauses auf.

Der Beobachter wollte die Schulleiterin und das Elternpaar Meile/Rüst zu diesen Vorwürfen befragen. Doch alle drei verweigerten das Gespräch, veranstalteten ein schülerhaftes Versteckspiel und drohten mit rechtlichen Schritten (siehe unten). Dafür ist das Erziehungsdepartement des Kantons Luzern aktiv geworden. Aufgeschreckt durch die kursierenden Gerüchte und die Recherchen des Beobachters, forderte Charles Vincent, Vorsteher des Amts für Unterricht, die Schulleitung zu einer Stellungnahme auf. Diese traf inzwischen ein. «Doch sie befriedigt uns nicht», sagt Vincent. «Wir werden deshalb noch vor den Herbstferien ein Gespräch mit der Schulleitung führen.»

Zwar habe die Erziehungsdirektion Sandra Planzer vor anderthalb Jahren eine Bewilligung als Primarlehrerin erteilt – gestützt auf das Erziehungsgesetz. «Sollte es sich aber tatsächlich um eine "Ziel"-Schule handeln», so Charles Vincent, «würden wir diese sehr genau überprüfen, denn eine solche haben wir schon in den achtziger Jahren abgelehnt.»


Protokoll einer verhinderten Kontaktaufnahme

Tagelang hat der Beobachter versucht, mit den Initianten der Freien Primarschule Littau in Kontakt zu treten. Das Protokoll.

  • 24. 8. Der Beobachter erreicht Konrad Meile per Telefon. Meile: «Heute habe ich keine Zeit. Bitte rufen Sie mich morgen an.»
  • 25. 8. Meile ist weder via Natel noch zu Hause erreichbar.
  • 26. 8. Therese Rüst, Meiles Lebenspartnerin: «Konrad Meile ist nicht da. Ich kann keine Auskunft zur Schule geben. Kann Herr Meile Sie zurückrufen?»
  • 26. 8. Meile ruft nicht zurück, schickt aber einen Fax: «Bitte faxen Sie mir Ihre Fragen. Ich werde diese so schnell als möglich beantworten.»
  • 27. 8. Der Beobachter faxt Meile vier Fragen und bittet um einen Rückruf von Frau Planzer, die in seinem Schulhaus unterrichtet.
  • 30. 8. Der Beobachter bittet Sandra Planzer in einem weiteren Brief um einen Rückruf zur Klärung von Fragen um die «Ziel»-Schule.
  • 31. 8. Sandra Planzer faxt zurück: «Leider bin ich noch nicht dazu gekommen, Ihnen Antwort zu geben. Meine Unterlagen an Sie gehen morgen mit der Post weg.»
  • 1. 9. Meile faxt: «Ich denke, dass Sie bei mir an der falschen Stelle sind, denn ich habe keine Privatschule.» Der Beobachter ersucht Meile dennoch um einen Rückruf.
  • 2. 9. Sandra Planzer stellt fest, «dass es gar keine konkreten Fragen bezüglich meiner Privatschule zu beantworten gibt (welche ich übrigens aus Prinzip nur schriftlich beantworten würde)». In einem zweiten Brief verlangt die gleiche Sandra Planzer, dass ihr der Beobachter den Artikel vor dem Druck zur Stellungnahme unterbreite – andernfalls «behalte ich mir rechtliche Mittel vor».

© Beobachter Ausgabe 19 vom 17. Sep 1999 - Alle Rechte vorbehalten

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