Mensch und Justiz: Lebenslänglich als Unhold gebrandmarkt

Text:
  • Udo Theiss
Ausgabe:
24/00

Bei unzüchtigen Handlungen an Kindern ist mit aller Härte durchzugreifen. Was aber, wenn jemand zu Unrecht des sexuellen Übergriffs beschuldigt wird? Ein junger Sozialpädagoge hat bis zu seinem Freispruch Höllenqualen durchlebt.

* = Name von der Redaktion geändert

Roland Zimmermann* mag Kinder, und Kinder mögen ihn. Seit der Matur kam für ihn nur ein Beruf im Bereich Kinderbetreuung in Frage. Sechs Jahre lang jobbte der heute 33-Jährige in einer Alternativbeiz, bis er endlich in die Höhere Fachschule beider Basel für Sozialarbeit aufgenommen wurde. Die Praktika für seine Ausbildung zum Sozialpädagogen absolvierte er meist in Einrichtungen für Kinder.

Im September letzten Jahres trat Zimmermann ein Praktikum in einem Baselbieter Kinderheim an. In der Gruppe, die er zu betreuen hatte, fielen ihm besonders drei Brüder im Alter von fünf, sieben und zehn Jahren auf. Die Mutter hatte die Jungen im Juni für ein Jahr ins Heim gegeben, weil sie völlig überfordert war.

Auch Zimmermann hatte seine liebe Mühe mit ihnen. «Es war wahnsinnig schwierig, mich bei den Jungs durchzusetzen.» Immer wieder lösten die Kinder Streitereien aus und provozierten gezielt. Wenn Zimmermann sie zur Strafe auf ihr Zimmer schickte, weigerten sie sich, der Anweisung Folge zu leisten. Bis er sie schliesslich selber aufs Zimmer trug.

Am Arbeitsplatz festgenommen

Am 10. Januar wurde Zimmermann unverhofft zum Heimleiter bestellt. Die drei Brüder und ein weiterer Bub bezichtigten ihn wörtlich eines «sexuellen Übergriffs». Nach mehreren Gesprächen fand der völlig verdutzte Praktikant die Ursache für die Anschuldigung heraus: Als er den Jüngsten der Brüder nach einem Streit aufs Zimmer tragen wollte, hatte er im Gerangel versehentlich mit dem Unterarm den Genitalbereich des Jungen berührt. «Ich entschuldigte mich für das Versehen, und alles schien wieder in bester Ordnung.»

Doch der Schein trügte: Kaum war der Praktikant am Morgen des 20. Januar im Heim angelangt, zitierte ihn der Leiter erneut ins Büro. Dort erklärten ihm zwei Polizeibeamte, dass er vorläufig festgenommen sei. «Die Mutter der drei Jungen hatte mich wegen sexueller Handlungen mit Kindern angezeigt.»

Nach der Festnahme durchforsteten im Beisein von Zimmermann je ein Beamter aus den Kantonen Basel-Stadt und Baselland jeden Zentimeter seiner Privatwohnung. «Dabei hat der Baselbieter Beamte sich völlig korrekt verhalten. Der städtische Beamte aber hat mich behandelt, als sei ich schon überführt.» Das, obwohl sich in der Wohnung keinerlei Hinweise auf pädophile Neigungen des Beschuldigten fanden. «Der Beamte wollte sogar simple Erinnerungsfotos aus den Heimen, in denen ich gearbeitet hatte, als Beweismaterial mitnehmen.»

Bis zu diesem Zeitpunkt dachte Zimmermann noch immer, alles sei ein lächerliches Missverständnis, das sich jeden Moment aufklären müsse. «Erst bei der Einvernahme durch eine Beamtin des Bezirksstatthalteramts dämmerte es mir langsam, dass ich nachher nicht einfach nach Hause gehen konnte.» Zusätzlich warfen die drei Brüder und ihr Kollege dem Praktikanten mittlerweile wiederholte massive Nachstellungen und absichtliche Grapschereien an Gesäss und Geschlechtsteilen vor.

Monatelanges Martyrium

Die folgenden Monate waren für Zimmermann ein einziges Martyrium. Zwar wurde er nach sechs Tagen aus der Untersuchungshaft entlassen. Aber fortan musste er mit dem Vorwurf leben, sich an seinen Schützlingen vergangen zu haben. «Das war das Schlimmste, was mir passieren konnte.» Hinzu kam, dass sich die Vorwürfe weder vor seinem privaten Umfeld noch in der Schule verbergen liessen. «Ich habe ja wegen der U-Haft in der Schule gefehlt und Verabredungen verpasst. Ausserdem war der Pflichtverteidiger, den mir das Bezirksstatthalteramt zugeteilt hatte, zufällig noch ein privater Bekannter.»

Zimmermann hatte zwar stets seine Unschuld betont. Aber bis zu seinem Freispruch musste er mit der Angst leben, für etwas verurteilt zu werden, was er nicht getan hat, und sein Leben lang als Kinderschänder abgestempelt zu werden.

Entlastet wurde er schliesslich durch die «psychologische Qualitätsanalyse» der Aussagen der Kinder. Lediglich der Anwurf, dass sie beim Herumtragen einen Druck im Genitalbereich verspürt hatten, wurde von der Gutachterin für «erlebnisfundiert» gehalten. Die anderen, zum Teil massiven Vorwürfe aber seien allem Anschein nach das Resultat von Suggestionen seitens der Mutter.

Heute sieht Zimmermann ein, dass die Behörden sich korrekt verhalten haben. «Wenn eine Anzeige wegen sexuellen Missbrauchs eingeht, muss natürlich sofort eingegriffen werden.» Trotzdem ist er überzeugt, dass ihm das Schlimmste hätte erspart werden können. Schon Monate vor seiner Festnahme nämlich hatten sich verschiedene Heimmitarbeiter beklagt, dass die fraglichen Jungen selber immer wieder sexuelle Anspielungen machten und den Betreuern zwischen die Beine fassten.

Aufklärungsbedarf an Schulen

Die Mutter wiederum hatte bereits lange vor der Eskalation der Ereignisse einen anderen Mitarbeiter des Heims verdächtigt, ihre Kinder zu belästigen. Der Grund für die Vorwürfe: eine nächtliche «Vision». «Die Frau hatte furchtbare Angst, dass ihren Kindern so etwas passieren könnte. Entsprechend hat sie ihnen auch immer wieder eingeschärft, besonders wachsam zu sein.» Tatsächlich hatte die Mutter nach ihrer Vision den ältesten Sohn damit beauftragt, ein Auge auf seine Brüder zu werfen, und sich immer erkundigt, welcher Mitarbeiter gerade Nachtdienst hat. Die verzweifelte Frau wurde von Schuldgefühlen gegenüber ihren Kindern geplagt.

Roland Zimmermann war sich dieser schwierigen Familienverhältnisse lange bewusst, bevor er selber darin verwickelt wurde. Er hatte die Problematik an Teamsitzungen im Kinderheim auch wiederholt zur Sprache gebracht. Doch die Vorgesetzten überliessen den überforderten Praktikanten mehr oder weniger sich selber.

Auch in der Schule suchte Zimmermann vergeblich Rat. «So etwas kann jedem passieren. Das ist ein eigentliches Berufsrisiko. Aber an der Schule sind Kindsmissbrauch oder eben auch ungerechtfertigte Vorwürfe kein Thema.» Aus diesem Grund bestehe dringender Aufklärungsbedarf.

Die leidige Geschichte hat Zimmermann – trotz Freispruch – erheblichen Schaden zugefügt. Nicht nur psychisch infolge der vielen Demütigungen, sondern ganz konkret: Er hat seine Praktikumsstelle verloren und fürchtet nun ernsthaft um seine berufliche Zukunft. «Irgendetwas bleibt ja immer hängen. Und eine schlimmere Hypothek als ein Gerichtsverfahren wegen Kindsmissbrauchs kann ein Sozialpädagoge wohl kaum haben.»

© Beobachter Ausgabe 24 vom 24. Nov 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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