Mensch und Justiz: Mobbing im Heim
In einem Berner Altersheim wird die Vizechefin von ihren Arbeitskolleginnen angeschwärzt. Als sie mit den Nerven am Ende ist, kündigt sie und geht vor den Richter. Der spricht dem Mobbing-Opfer eine Genugtuung aus – ein Präzedenzfall.
* = Name geändert
Das Stück spielt im Berner Oberland. Als Bühne dient ein kleiner Ort mit lauschigem See. «Im romantischen Bergdorf sagen sich Fuchs und Hase wirklich noch gute Nacht», verspricht die Werbung. Tatsächlich verirrt sich keiner per Zufall in dieses Seitental. Wer dennoch den Weg findet und sesshaft wird, hat gute Chancen, politisch jemand zu werden.
Prolog: Das Urteil
Im Säli des Hotels Waldegg* sitzt Anita Matti*. «Eine starke Frau passt offenbar nicht hierher», sagt die 52-Jährige. Die frühere Vizechefin des Altersheims Sunnsite blättert in den Gerichtsakten. «Mit dem Urteil bin ich zufrieden, mit der Begründung nicht ganz.» 1000 Franken als Genugtuung für die «Beeinträchtigung der Gesundheit» muss ihr das Heim zahlen. Hinzu kommen 440 Franken Schadenersatz für die Arztkosten und 3000 Franken an die Anwaltskosten.
Nach Ansicht des lokalen Gerichtspräsidenten wurde die Frau aus dem Heim gemobbt. Der Stiftungsrat habe es zugelassen, so das Fazit, «dass die bei den Mitarbeiterinnen angestaute Wut und die Frustration in einer Art Schauprozess auf Anita Matti niederfuhren». Offen lässt der Richter, ob sie, wie behauptet, einen Heimbewohner verstuhlt im Bett liegen liess oder leichtfertig mit Medikamenten umging. Das kränkt die Frau noch immer: «Damit bleibe ich als Person verleumdet, weil es einfach nicht wahr ist.»
1. Kapitel: Im Altersheim
Den Berg hinauf an den Dorfrand zum «Sunnsite». Es ist Herbst 1995, das Altersheim wird 20-jährig. Dass das Heim gebaut wurde, ist auch der Initiative von Anita Mattis Mutter zu verdanken. Sieben Jahre lang stand sie der Altersheimstiftung vor. «Die hatte, wie man sagt, die Hosen an», so der heutige Stiftungsratspräsident Arthur Schläppi. Er muss es wissen: In den sechziger Jahren war Schläppi auf dem Bauernhof der Mattis als Knecht angestellt.
In die Festmappe zum 20. Geburtstag des Heims schreiben alle Angestellten ein paar Zeilen über ihre Arbeit. «Nachdem unsere Kinder erwachsen geworden sind, habe ich eine schöne Aufgabe gefunden, wo ich auch Mutter sein darf», notiert Anita Matti. Seit fünf Jahren wirkt sie als stellvertretende Heimleiterin.
Die Stimmung im Heim ist nicht gut. Die Ehe des Leiterpaars Müller wankt, und Kurt Müller ist in seiner Funktion überfordert. Das Heim hat weder ein Leitbild noch ein Organigramm.
2. Kapitel: Das Getuschel
Nachtschicht im «Sunnsite». In der Dunkelheit hat Anita Matti viel Zeit zum Nachdenken. Kurt Müller hat das Heim inzwischen verlassen seine Exfrau Beatrice Müller ist jetzt die Chefin. Führen ist nicht ihre Stärke, und Anita Matti versucht das Vakuum zu füllen, ihrer Meinung nach loyal und ohne Machtansprüche. Die beiden Frauen ergänzen sich: hier die distanzierte Verwalterin Beatrice Müller, dort die lebhafte Anita Matti. Das Klima im Heim wird besser. Einer neuen Mitarbeiterin aus dem Dorf gefällt die Situation offenbar nicht. Das Mobbing beginnt.
Ein Läuten durchbricht die Stille. Es ist 6 Uhr früh, ein Pensionär hat Durchfall. Er verstuhlt sich, die Toilette und den Boden. Anita Matti führt ihn mehrmals zur Toilette, tröstet, putzt und bringt die Laken in die Wäsche. Eine stressige Situation. «Es könnte sein, dass noch Stuhl an einer Zehe war», erzählt sie. Die neue Kollegin erinnert sich sechs Monate später anders: «Der Mann war ganz verdreckt und musste zuerst gebadet werden.»
Was stimmt und was nicht, spielt offenbar keine Rolle. Immer häufiger tuschelt und lästert das Personal hinter dem Rücken der Vizechefin. Sie gehe «nicht gewissenhaft mit Medikamenten um», heisst es. Und sie kommandiere das Personal herum. Die Vorwürfe bleiben Stückwerk und diffus.
«Die bestimmte Art von Frau Matti stiess bei diesen Frauen auf Widerstand», glaubt Heimleiterin Beatrice Müller. Im Rückblick erachtet sie die Probleme als lösbar, wenn ihre Stellvertreterin «aufbauende Kritik angenommen hätte». Als «emotional» und «selbstsicher» wird Anita Matti vom Dorfpfarrer geschildert, der im Stiftungsrat sitzt.
Hilflos geht die Heimführung mit der Krise um. Eine Aussprache gibt es keine. «Ich kam nie an diese Frau heran und zog mich zurück», windet sich Beatrice Müller. Anita Matti und der Dorfpfarrer wünschen eine externe Supervision der Stiftungsrat lehnt ab. Auch eine neutrale Amtsperson, die sich einschalten will, erhält keine Chance. Eine solche Person kenne den Betrieb ja gar nicht, lautet jeweils die Begründung. Dafür finden die aufmüpfigen Frauen bei Arthur Schläppi, dem Präsidenten der Altersheimstiftung, ein offenes Ohr. Er besucht sie zu Hause und lädt zur Anhörung ins Gemeindehaus ein. Während Anita Matti im Heim Nachtwache hält, lassen ihre Kolleginnen mächtig Dampf ab.
3. Kapitel: Der Schauprozess
Es ist noch frostig an diesem Nachmittag im März 1998. Auch im Pfarrhaus ist wenig Wärme zu spüren. Der Stiftungsrat und das Personal treffen sich zur Aussprache. Eingeladen wird schriftlich, fett gedruckt «an alle Angestellten». Doch einige Frauen, die Anita Matti wohlgesinnt sind, wissen nichts von dem Treffen. Dafür ist eine Person dabei, die gar nicht mehr angestellt ist.
Eröffnet wird die Runde von Arthur Schläppi. Er verliest den Brief einer Angestellten, die im Ausland weilt. Nur Kritik. «Frau Matti wurde praktisch auf Null heruntergeschraubt», erinnert sich der Pfarrer. Nichts mehr kann die Lawine stoppen. Die Frauen reden nur noch negativ. «All das Gute, das Anita Matti machte, wurde dabei vergessen», so der Pfarrer. Schliesslich hakt auch die Heimleiterin ein. Die Angestellten hätten von ihrer Stellvertreterin «aufs Dach bekommen», lässt Beatrice Müller die Runde wissen.
Gekränkt geht Anita Matti zurück ins Heim. Sie kocht das Nachtessen und geht später mit ihrem Mann zum Jassabend. Als sie vernimmt, dass im Dorf bereits Informationen über die Personalsitzung herumgeboten werden, streiken die Nerven. «In der Nacht habe ich nur noch erbrochen, geweint und konnte am Morgen nicht zur Arbeit erscheinen.» Fertig. Aus.
Die Ärztin diagnostiziert eine «mittelgradige Depression», verschreibt eine Kur in Montana. Anita Matti gibt ihre Stelle auf.
4. Kapitel: Vor dem Richter
Das Amtshaus im übernächsten Dorf ist ein trutziges Gebäude. Hier stehen Anita Matti und Arthur Schläppi Monate später vor Gericht. Die Frau verlangt vom Altersheim Schadenersatz für ihre Arztkosten, eine Genugtuung wegen Mobbings sowie eine Lohnnachzahlung für nicht gewährte Alters- und Teuerungszulagen. Schläppi wehrt sich: Mobbing sei Druck von oben, und das habe nicht stattgefunden.
Die Lohnforderung lehnt der Richter ab. Erwiesen ist für ihn jedoch, dass das Altersheim die Fürsorgepflicht verletzt hat. So habe der Stiftungsrat «trotz erkannten Führungsdefiziten und sich anbahnenden Konflikten» nicht eingegriffen. «Schweres Versagen» treffe auch die Heimleiterin, da sie «die Zeichen des heraufziehenden Unheils ignorierte».
Aber: Der Richter kürzt den Schadenersatz und die Genugtuung. Anita Matti habe die Situation mitverschuldet. Ihre «selbstsichere Art» hätten gewisse Mitarbeiterinnen nicht ertragen. Letztlich bleibt aber auch der Richter ratlos, warum die Situation eskalierte. Viel liege wohl «im dörflichen Umfeld der Beteiligten».
Epilog: Freude in Fachkreisen
Hofstrasse in Zürich. Hier, fernab vom Berner Oberland, ist die Psychologin Mechthild Hov bestens über den Fall informiert. Die Präsidentin der Gesellschaft gegen psychosozialen Stress und Mobbing freut sich über das Urteil. Erstmals in der Schweiz erhält ein Mobbing-Opfer eine Genugtuung. «Das hilft uns auf dem mühseligen Weg, das Problem bewusst zu machen und vorwärts zu kommen», sagt sie. Und: Anita Matti sei ein typisches Opfer. «Gemobbt werden nicht die Stillen und Angepassten, sondern mutige und initiative Leute, die sich zu Wort melden.»
© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten
