Nachlese

Schwere, los!

Text:
  • Andrea Haefely
Ausgabe:
12/08

Nicht nur Menschenkinder haben zunehmend Gewichtsprobleme: Im Konstanzer Grossaquarium Sea Life müssen derzeit zwei junge, übergewichtige Wasserschildkröten Gymnastik machen.

Die Schauspielerin Kate Hudson hat einen. Cameron Diaz, Tom Hanks und Sex-Sternchen Carmen Electra ebenfalls. Pop-Ikone Madonna verdankt ihrem nicht nur stramme Waden und straffe Schenkel, sondern auch ihre Tochter Lourdes - fast scheint es, dass das Promileben ohne Personal Trainer keines ist.

Während Stars und Starlets den Personal Trainer fürs Prestige und die kamerafreundliche Figur und manchmal sogar im Bett beschäftigen, ist solch ein privater Turnlehrer für Amadeus und Clementine schlicht von existentieller Notwendigkeit: Die beiden grünen Wasserschildkröten vom Grossaquarium Sea Life in Konstanz müssen aus gesundheitlichen Gründen abnehmen.

«Es ist noch nicht wirklich schlimm», erklärt Biologe und Chef-Aquaristiker Holger Kraus. «Sie sind nur etwa vier Kilo schwerer, vor allem aber um einiges grösser, als für ihr Alter normal wäre.» Aber wehret den Anfängen. Schildkröten sehen nie dick aus, ihr Panzer verhindert das. Doch was aussen hui, ist innen pfui: Wenn Schildkröten übermässig zunehmen, staut sich das gesamte Fett innerhalb des Panzers. Mit tödlicher Folge: «Das Fett drückt auf die Organe, bis diese versagen», sagt Kraus. Dieses Schicksal soll den beiden Jungschildkröten erspart bleiben.

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«Das Leben der grünen Wasserschildkröte ist kein besonders spannendes», erklärt Kraus, «sie jagen nicht, das haben sie nicht nötig. Sie schwimmen einfach herum, fressen Seegras, wenn sie eine Wiese finden, und machen ab und zu das Maul auf, wenn sie einen Quallenschwarm kreuzen.» Allerdings durchpflügen sie auf ihren Hunderte von Kilometern langen Reisen die Weltmeere - Amadeus und Clementine hingegen nur das Aquarium. Und die Futterbeschaffung ist in Konstanz noch bequemer als in freier Wildbahn: «Sie mussten bis jetzt nur das Maul aufmachen und schlucken», grinst Pfleger Alexander Bressel.

Endlich aus dem gemütlichen Trott

Doch damit ist jetzt Schluss. Die beiden Schildkrötenteenager werden nach allen Regeln der Kunst getriezt, rumgescheucht und fit gemacht. «Erst mussten wir sie hinten am Panzer festhalten und so ihren Fluchttrieb anregen, damit sie endlich mal aus ihrem gemütlichen Trott kamen und anfingen, zügig zu paddeln», erzählt Kraus. Das funktioniert jetzt bestens: Wenn Bressel den langen Holzstab mit dem Fetzen Fischfleisch durchs Bassin zieht, brodelt und spritzt es, als würde ein Geysir losbrechen. So geht es drei bis vier Mal am Tag. Zwar bleibt der Erfolg des Trainings von aussen unbemerkt. Doch heisst es ohnehin: Wahre Schönheit kommt von innen.

© Beobachter Ausgabe 12 vom 11. Jun 2008 - Alle Rechte vorbehalten

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