Nachlese
Wo bitte gehts hier nach Vietnam?
Odyssee im Welschraum: Ein 55-jähriger Vietnamese verliert in Paris den Anschluss an seine Reisegruppe, irrt fünf Monate durch die Gegend und meldet sich schliesslich in Vevey auf dem Polizeiposten.

(Bild: Jupiterimages)
Es klingt wie die schlechte Entschuldigung eines Sans-Papiers: Da verirrt sich tatsächlich einer fünf Monate lang zwischen Paris und Vevey, will aber eigentlich nach Ho-Chi-Minh-Stadt. Denis Pittet, Sprecher des Waadtländer Departements des Innern, winkt ab: «Der Mann wollte keinen Asylantrag stellen. Er wollte so schnell wie möglich nach Hause.»
Das Drama beginnt im März in einem Pariser Hotel. Lam Ngoc Huu wartet zusammen mit seiner zehnköpfigen Reisegruppe auf den Rückflug in seine Heimat. Er ist das erste Mal ausser Landes und ist durch Belgien, die Niederlande, Deutschland und Frankreich gereist. Dummerweise macht er am Abflugtag allein noch einen Spaziergang in der Seinestadt. Als er - ein paar entscheidende Minuten zu spät - zum Hotel zurückkehrt, ist seine Reisegruppe bereits weg, samt seinem Pass und Rückflugbillett. Der Vietnamese wird aus dem Hotel geschmissen.
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Aus Scham so lange gewartet?
So weit die abenteuerliche Geschichte, die ein Dolmetscher des Waadtländer Migrationsamts bei einer Befragung in Erfahrung bringen konnte. Doch wieso suchte der Zurückgebliebene nicht bereits in Paris Hilfe? Im Hotel oder auf der vietnamesischen Botschaft? «Der Mann schämte sich dafür, was ihm passiert ist», versucht Pittet zu erklären. Zudem habe der Vietnamese eine schlechte Schulbildung. Man müsse sich mal in seine Lage versetzen: Wie würde man reagieren, wenn man plötzlich allein in einem zentralchinesischen Hotel zurückbliebe, unfähig, irgendwelche Schilder, Wegweiser, Telefonbücher zu lesen oder sich zu verständigen?
Doch die rätselhafte Frage bleibt: Was ging im Kopf des Vietnamesen vor? Wollte er auf dem Landweg zurück nach Ho-Chi-Minh-Stadt? Möglich. Denn zumindest die Richtung stimmte.
Anmerkung der Redaktion auf den Leser-Hinweis, dass Vietnamesisch mit lateinischen Buchstaben geschrieben wird
Der im Artikel zitierte Denis Pittet, Mediensprecher des Waadtländer Innendepartements, erklärt seine Aussage: Der Vietnamese gehöre der chinesischen Minderheit von Ho-Chi-Minh-Stadt an und spreche zwar vietnamesisch, könne aber nur chinesische Schriftzeichen lesen.
© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2008 - Alle Rechte vorbehalten
