Offerten im Vergleich: Ältere werden kaltgestellt

Ausgabe:
18/00

Krankenkassen beantworten Kundenanfragen oft oberflächlich oder gar nicht. Geradezu abgewimmelt werden ältere Kunden: Sie erhalten häufig nicht einmal eine Offerte.

Herzlich willkommen bei der Swica», heisst es fröhlich auf dem Brief. Die 23-jährige Zürcherin Eliane Künzi wird bereits als neue Versicherte begrüsst, obwohl sie nur eine Offerte verlangt hatte. Als Beilage gibt es ein gediegenes Dossier mit diversen Beilagen.

«Wir freuen uns», schreibt die Swica auch der Familie Müller aus dem solothurnischen Oberdorf. Vater Peter, 46, Mutter Barbara, 37, und die drei zwei- bis sechsjährigen Kinder sind ebenfalls gern gesehene Kunden.

«Ihre Anfrage vom 28. Juni 2000», steht hingegen eher freudlos auf dem Swica-Antwortbrief an die 74-jährige Margrit Küttel aus Spiez BE. Seite zwei listet lediglich ein paar Prämienvarianten auf – fertig.

Eliane Künzi, Margrit Küttel und die Familie Müller waren Beobachter-Testpersonen. Unter ihrem Namen wurden bei den 33 grössten Krankenkassen Offerten eingeholt und ausgewertet.

Düstere Bilanz: Die Versicherer unterlaufen systematisch das Prinzip der freien Kassenwahl. Seit fünf Jahren können die Versicherten bei jeder Kasse in ihrer Region eine Grundversicherung abschliessen – unabhängig von Alter, Geschlecht und Gesundheitszustand.

Die Abwehrmethoden der Krankenkassen sind mitunter subtil – dafür ist die Swica-Korrespondenz ein typisches Beispiel. Junge Kunden und Familien gelten als «gute Risiken» und sind willkommen. Ältere – und somit oft teurere – Kunden jedoch sind unerwünscht.

Immerhin: Die Swica verhielt sich korrekt und schickte Margrit Küttel eine Offerte. Das war nicht überall so: Zehn der 33 grössten Krankenkassen schickten keine Offerte, und sieben liessen gar nichts von sich hören. Die Visana und die Innova meldeten sich telefonisch und machten auf die billigere Konkurrenz aufmerksam.

Andere Kassen schickten der Betagten zwar einen Brief. Die Botschaft aber ist klar: Bitte, bei uns nicht! So erwähnen etwa die ÖKK und die Concordia ihre Altersgrenze bei Zusatzversicherungen und lassen durchblicken, dass deshalb auch ein Wechsel in der Grundversicherung kaum in Frage kommt. Und die Agrisano lässt wissen, dass sie nur Landwirte versichern möchte.

Fehlende Offerten seien «Einzelfälle», wehrt der Branchenverband ab. Das Konkordat der Krankenversicherer setze sich «bei seinen Mitgliedern dafür ein, dass alle Versicherten gleich behandelt werden», sagt Pressesprecher Peter Marbet.

Offensichtlich mit wenig Erfolg. «Da steckt System dahinter», glaubt Fritz Britt, Vizedirektor im Bundesamt für Sozialversicherung (BSV). Kleine Krankenkassen könnten allenfalls Überlastung für fehlende Offerten geltend machen, bei den grossen ziehe dieses Argument aber nicht.

Die ablehnende Haltung gegenüber Älteren sei enttäuschend, sagt Britt. «Ich ging davon aus, dass sich die Situation gebessert hat. Rechtlich gibt es jedoch keine Handhabe, solang die Krankenkassen keine Gesetze missachten.»

Die Resultate des Beobachter-Tests sind auf der ganzen Breite bedenklich. Bei vielen Kassen ist die Offertenpraxis uneinheitlich und nicht optimal organisiert:

 

  • Kundenanfragen werden oft gar nicht oder nur oberflächlich beantwortet.

  • Die offerierten Prämien werden kaum kommentiert. Was wird durch die Versicherung abgedeckt und was nicht? Welche Sparmöglichkeiten gibt es? Wie funktioniert die HMO-Versicherung?

  • Kurze und klare Erklärungen sind Mangelware, Standardbriefe die Regel. Ein Beispiel: Von der Helsana erhielt Eliane Künzi eine Offerte für eine HMO-Versicherung. Dass die junge Frau damit auf die freie Wahl des Arztes verzichten müsste, schreibt die Krankenkasse nicht.

Nur wenige Kassen verhielten sich bei diesem Test vorbildlich, unter ihnen die Eidgenössische Gesundheitskasse. Sie behandelte alle drei Testpersonen gleich und schickte nach wenigen Tagen eine korrekte Offerte mit einem Infoblatt zu Prämienreduktionen.

So kommen Sie sicher zum Ziel

Fazit dieses Tests: Wer nur eine neue Grundversicherung sucht, kommt mit Offerten nur auf Umwegen oder gar nicht zum Ziel. Deshalb empfehlen Fachleute ein anderes Vorgehen:

 

  • Informieren Sie sich im Internet und hören Sie sich im Kollegenkreis um: Welche Kassen haben einen guten, welche einen schlechten Ruf?

  • Bestellen Sie beim BSV die Prämientabelle (für 2001 ab Mitte Oktober). Da jede Kasse dieselbe Grundversicherung anbieten muss, sind die Prämien direkt vergleichbar.

  • Entscheiden Sie sich für eine Kasse in Ihrer Region und teilen Sie dieser per eingeschriebenem Brief mit: «Hiermit melde ich mich per 1. Januar 2001 für die obligatorische Krankenversicherung an. Meine bisherige Krankenkasse war (Name der alten Kasse).» Der neue Versicherer ist verpflichtet, Sie aufzunehmen.

  • Detailangaben im Anmeldebrief vereinfachen die Korrespondenz: gewünschte Jahresfranchise, mit Unfalldeckung oder nicht, Zahlungsmodalitäten sowie Post- oder Bankverbindung.

  • Teilen Sie gleichzeitig Ihrer alten Kasse schriftlich den geplanten Wechsel mit.

Sinn machen Offerten bei den Zusatzversicherungen. Hier können die Krankenkassen frei entscheiden, wen sie aufnehmen wollen. Kündigen Sie erst, wenn Sie die schriftliche Zusage der neuen Kasse erhalten haben. Und für alle, die etwas mehr Aufwand beim Abrechnen nicht scheuen: Es ist möglich, Grund- und Zusatzversicherung bei zwei verschiedenen Kassen abzuschliessen.

Offertentest: Sieger und Verlierer

Die Schnellsten

Diese Kassen schickten die Offerten am schnellsten:

4 Tage: Galenos

5 Tage: Provita

6 Tage: Eidgenössische, Innova, KBV, ÖKK, PKK, SLKK, Smuv

7 Tage: Groupe Mutuel, Intras, Supra, Swica, Wincare

Die Knausrigen

Diese Kassen verschicken offenbar nicht gern Offerten

Keine Offerte: Progrès

Nur eine Offerte: Assura

Die Unsolidarischen

Diese Kassen schickten der 74-Jährigen keine Offerte

Assura, Caisse Vaudoise, Groupe Mutuel, Innova, KPT, ÖKK, Progrès, Sanitas, Unitas, Visana

Die Zahlenzauberer

Diese Kassen offerieren die tiefsten/höchsten Prämien

Eliane Künzi, 23:

von Fr. 113.30 (SBB) bis 225 Franken (Hotela)


Familie Müller, 5 Personen:

von 432 Franken (Intras) bis Fr. 714.40 (Visana)


Margrit Küttel, 74:

von 167 Franken (KK Zurzach) bis 225 Franken (Supra)

Der Gesamteindruck

Diese Kassen überzeugten/enttäuschten (bezüglich Wartezeit, Inhalt der Offerte, Begleitschreiben und Beilagen)

Gut:

Eidgenössische, KK SBB, PKK, Provita, SLKK


Genügend:

Aquilana, CSS, Galenos, Hotela, Intras, KBV, KK Zurzach, KLuG, Kolping, Philos, Smuv, Supra


Ungenügend:

Agrisano, Assura, Caisse Vaudoise, Concordia, Groupe Mutuel, Helsana, Innova, KPT, ÖKK, Progrès, Sanitas, Swica, Unitas, Visana, Wincare

© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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