Persönlichkeit: Erkenntnis ist der erste Schritt zur Besserung

Ausgabe:
18/00

Koni Rohner rät: Nur mit Selbsterkenntnis kann man eine Ich-Krise überwinden.

Vielen Dank für die Beantwortung meiner Anfrage zu den Schwierigkeiten, die ich mit meiner Mutter habe. Wissen Sie, was mir am meisten geholfen hat? Nicht so sehr Ihr Rat, wie ich mich verhalten soll, sondern vielmehr Ihre Aussage, ich sei immer noch massiv mit der Mutter verstrickt. Ich war seinerzeit ein ungewolltes und ungeliebtes Kind. Und ein solches hat später wohl ganz besonders Mühe, loslassen und weggehen zu können, weil es immer noch auf etwas wartet. Ihre Beschreibung, ich sei «verstrickt mit der Mutter», hat sich mir fest eingebrannt – sie wird mir hoffentlich helfen, Distanz zu schaffen.» Megan F.

Koni Rohner:

Für einmal möchte ich auf eine Zuschrift eingehen, die keine Frage enthält, sondern eine Rückmeldung. Von Zeit zu Zeit berichtet nämlich eine Ratsuchende oder ein Ratsuchender, wie sich meine Antwort ausgewirkt hat. Megan F. reagiert auf meinen Beitrag «Ehrlichkeit erträgt meine Mutter nicht» (Beobachter 14/00). Ihre Zeilen werfen ein interessantes Licht auf das Wesen der Persönlichkeitsentwicklung und die Natur der hilfreichen Beziehung. Carl Rogers, einer der Väter der humanistischen Psychologie, hat sich in den sechziger Jahren intensiv mit diesen beiden Themen beschäftigt. Nach seiner Beobachtung steckt in jedem Menschen eine natürliche Lebenskraft, die konstruktiv ist und auf eine Weiterentwicklung und Entfaltung der Persönlichkeit hinarbeitet.

Seelische Störungen und wahrscheinlich auch die Anfälligkeit für körperliche Krankheiten gehen auf Blockaden in dieser Lebenskraft zurück. Wenn sie aufgehoben werden, heilt sich der Mensch selber. Heilung wird also nicht von aussen «gemacht», sondern ist ein Prozess, der nach eigenen Gesetzen abläuft. Carl Rogers’ Forschungen haben bestätigt, was schon Sigmund Freud beschrieben hat: Seelische Störungen lösen sich auf, wenn Unbewusstes bewusst wird. Es geht also nicht um Willensanstrengungen, um gute Vorsätze oder raffinierte Strategien, sondern darum, die Wirklichkeit so zu erkennen, wie sie ist. Die Ursache unserer Probleme besteht darin, dass wir uns, natürlich unabsichtlich, selber belügen. Wir verdrängen viele Wahrheiten über uns selbst, über unsere Beziehungen und über die Welt, weil sie unangenehm und schmerzhaft sind und Schamgefühle, Schuldgefühle oder Angst erzeugen.

Wer den Mut findet, der eigenen seelischen Wirklichkeit ins Auge zu schauen, entwickelt sich von selbst zu immer grösserer Reife. Er oder sie verliert die neurotischen Einengungen und entwickelt gleichzeitig immer bessere soziale Fähigkeiten. Wenn also Megan F. meine Bemerkung akzeptieren kann, sie sei trotz ihrer sonstigen Reife immer noch mit ihrer Mutter verstrickt, kommt sie einen Schritt weiter, auch wenn die Erkenntnis selbst natürlich unangenehm ist. Wichtig ist allerdings, dass man etwas nicht nur mit dem Kopf akzeptiert, sondern mit Leib und Seele die Wahrheit einer Verstrickung oder eines Gefühls spürt. Meiner Ansicht nach gibt es anschliessend kein Problem mit der Umsetzung der neu gewonnenen Erkenntnisse in die Tat. Denn wer einen Missstand wirklich erkannt hat, findet automatisch den nächsten Schritt, um ihn zu verkleinern oder zu beseitigen.

Wenn wir erkennen, dass ein Lastwagen auf uns zufährt, haben wir schliesslich auch keine Schwierigkeiten, den richtigen Schritt zu machen: Wir springen einfach zur Seite. Wenn Heilung und Persönlichkeitsentwicklung des Menschen also nach diesem Muster verlaufen, wird auch die Rolle des Therapeuten und Helfers klar: Er (oder sie) ist nicht der kompetente «Seelenmechaniker», der irgendwelche schadhaften Teile ersetzt. Er ist nicht der mächtige Krieger, der die böse Krankheit besiegt. Er ist vielmehr – wie es bereits Sokrates beschrieben hat – eine Art Hebamme, die die Geburt einer gesünderen Persönlichkeit erleichtert.

Die Methode der humanistischen Psychotherapie, die in einer intensiven Ausbildung erlernt wird, dient der Befreiung der Heilungskräfte. Therapeuten sind fachkundige Begleiter, die vor Sackgassen und Irrwegen warnen und damit helfen, zum Kern einer Störung zu gelangen. Sie sind verlässlich, liebevoll und verständnisvoll dabei, wenn es der Klient oder die Klientin wagt, alte, schmerzhafte, Angst auslösende Verkrustungen aufzuweichen. Heilung geschieht in der Begegnung zweier Menschen. Sie ist Teamwork und kann nicht einfach an einen Experten delegiert werden. Es ist schön, von Megan F. zu erfahren, dass eine solche Begegnung auch auf schriftlichem Weg möglich ist.

© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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