Peter Ulrich: «Die Sieger sahnen ab»
Manager sind nicht «nur Täter, sondern zugleich auch Opfer» des gnadenlosen wirtschaftlichen Wettbewerbs, sagt Peter Ulrich, Ethiker an der Hochschule St. Gallen. Die Folgen sind fatal.

Nebenartikel
Der 52-jährige Peter Ulrich ist Professor für Wirtschaftsethik an der Universität St. Gallen (HSG). Er ist Mitbegründer des 1999 gegründeten «Netzwerks für sozial verantwortliche Wirtschaft». mehr hierzu
Beobachter: An einem Vortrag sagten Sie: «Es geht nicht an, dass für die Normalbürger nur noch Brosamen abfallen.» Das könnte von einem Gewerkschafter stammen.
Peter Ulrich: Vielleicht. Dieser Gedanke macht aber sehr vielen Menschen Sorge. Wir sind zu einer «Winner takes it all»-Gesellschaft geworden: Die Sieger sahnen ab, und für die grosse Masse bleiben nur noch die Krümel.
Als Wirtschaftsethiker bin ich sensibilisiert für die Verlierer der ganzen Maschinerie sowie für die ökologischen, sozialen und humanen Zusammenhänge.
Beobachter: Ihre Zwischenbilanz?
Ulrich: Die Schere zwischen Arm und Reich öffnet sich seit zehn bis fünfzehn Jahren dramatisch. Am weitesten offen ist sie in jenen Ländern, die die marktradikale Politik vorangetrieben haben. Der Reichtum in den USA ist heute etwa gleich schlecht verteilt wie in einem Land der Dritten Welt. Das verschärft soziale Spannungen: Der Bundesstaat Kalifornien gibt neuerdings mehr Geld aus für Gefängnisse als für seine prächtigen Universitäten. Und Europa eifert dem vermeintlichen Vorbild blind nach.
Beobachter: Das heisst: Fusionen, Abbau von Arbeitsplätzen oder die Schliessung rentabler Unternehmen. Warum tun Manager das?
Ulrich: Ihre Frage zielt auf den Manager als Einzelfigur. Ich bin aber überzeugt, dass viele Wirtschaftsführer nicht nur Täter, sondern zugleich auch Opfer sind. Sie stehen unter einem enormen Druck anonymer Mechanismen.
Beobachter: Nämlich?
Ulrich: Vor allem von Seiten der Anleger. Hinzu kommt der Standortwettbewerb. Dieser führt dazu, dass die Regierungen deregulieren, den Wettbewerb fördern, staatliche Leistungen verschlanken und so den Druck auf die Firmen weiter verstärken. Nicht vergessen darf man ferner den zunftspezifischen Karrierepoker von Managern: Wer hochkommen will, muss im Spiel mitmachen.
Beobachter: Die Psyche von Managern sei heute einer der wichtigsten Wirtschaftsfaktoren, sagte kürzlich ein deutscher Professor. Einverstanden?
Ulrich: Primär haben wir ein Problem mit dem Wirtschaftssystem.Tatsächlich kommt aber in der heutigen Situation ein anderer Führungstyp in die Chefetagen als früher: nämlich jener, der mehr oder weniger bereit ist, skrupellos mitzumachen.
Beobachter: Mit welchem Resultat?
Ulrich: Bis in die achtziger Jahre haben Firmenchefs Massenentlassungen nur als letzten Ausweg in einer Notsituation ausgesprochen. Wer reihenweise Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer auf die Strasse stellen musste, fühlte sich als Versager. Seit rund 15 Jahren brüsten sich jüngere Führungskräfte mit der Ankündigung von horrenden Entlassungszahlen. Da hat sich psychologisch etwas verändert.
Beobachter: Die Manager beugen sich also dem System?
Ulrich: Genau. Die Bereitschaft, den Erwartungen nach schlanken Strukturen und Sparmassnahmen zu entsprechen, ist verinnerlicht worden. Damit wird ein Signal ausgesandt: Schaut her, ich bin hart und habe das Vertrauen der Anleger verdient. Auffallend ist, dass sowohl bei Novartis als auch bei der UBS viel weniger Leute gehen mussten als angekündigt. Zum Teil wird sogar über das Ziel hinaus visiert.
Beobachter: Ist hier ein Heer von weltfremden Menschen am Werk?
Ulrich: Nicht unbedingt. Es gibt zwar Manager, die im Elfenbeinturm leben und sich ein Leben mit 3000 Franken Monatslohn nicht vorstellen können. Ich treffe aber immer wieder Führungskräfte, die unter vier Augen gleich denken wie der Normalbürger. Sie sind aber nicht bereit, die heutigen Trends in der Wirtschaft öffentlich zu kritisieren.
Beobachter: Warum nicht?
Ulrich: Offenbar will man kein Nestbeschmutzer sein. Dabei müssten in der Schweiz nur ein paar wichtige Führungskräfte gemeinsam hinstehen und die Wirtschaft an ihre gesellschaftliche Verantwortung erinnern. Dann würden Hunderte oder Tausende von unteren und mittleren Führungskräften auch zu ihrer Skepsis stehen. Ich kenne führende Manager, die vor zehn Jahren progressive Ideen vertreten haben und heute im Strom mitschwimmen. Ist es der Druck? Oder der Zeitgeist? Ich weiss es nicht.
Beobachter: Viele Firmenleitungen sagen aber, sie müssten Stellen abbauen, um wettbewerbsfähig zu bleiben und das langfristige Bestehen zu sichern.
Ulrich: Es ist nicht einzusehen, warum die Personen A, B und C heute ihre Arbeitsstelle verlieren sollen, nur damit die Personen X, Y und Z vielleicht später angestellt werden.
Beobachter: Vielleicht weil die Firma überleben will?
Ulrich: Das sind logisch unhaltbare Argumente. Ein Beispiel: Die Firma X streicht heute 3000 Arbeitsplätze und verspricht, in fünf Jahren neue Stellen zu schaffen. In fünf Jahren wird sie sagen: Die Massnahme hat sich bewährt wir streichen weitere Arbeitsplätze, um später noch mehr Stellen zu schaffen. Das führt ins Unendliche. Nur konkret terminierte Versprechen können ernst genommen werden. Die heutige Wirtschaft funktioniert kurz- statt langfristig.
Beobachter: Was spricht dagegen, dass ein Unternehmen rentabel arbeitet?
Ulrich: Nichts, solange das Gleichgewicht stimmt. Jede Firma hat einen Zielkonflikt: Die Angestellten wollen stabile Arbeitsplätze und gute Löhne, die Kapitalgeber erwarten eine hohe Rendite und die Kunden wünschen gute Produkte zu günstigen Preisen. Alles lässt sich nicht gleichzeitig maximieren. Viele Firmen definieren eine möglichst hohe Rendite als Ziel und betrachten den Umgang mit den anderen zwei Gruppen als Mittel zum Zweck. Das ist ungerecht und nicht tragbar.
Beobachter: Die Aktien des Chemieriesen Novartis und der Grossbank UBS dümpeln. In der Presse gelten die Fusionsprodukte bereits wieder als Ubernahmekandidaten. Geht die «Fusionitis» munter weiter?
Ulrich: Kurzfristig sicher. Mit der Globalisierung wurde der Wettbewerb auf ein höheres Niveau verschoben. Eine kleine Zahl von grossen Firmen teilt sich die Märkte auf. Zudem erliegen auch Manager gewissen Modetrends. Vor 20 Jahren haben sich die Firmen mehrere Standbeine geschaffen. Der heutige Trend lautet: Konzentration auf das Kerngeschäft und Etablierung unter den «Top drei» des Marktes. Wer das nicht aus eigener Kraft schafft, kauft Firmen dazu.
Beobachter: Sie sagen kurzfristig. Was kommt danach?
Ulrich: Die Gigantomanie wird in fünf bis zehn Jahren vorbei sein. Dann wird das Zerlegen in dezentrale Einheiten zum grossen Hit werden. Erste Anzeichen dafür gibt es bereits: So bejubelt die Börse Fusionsmeldungen immer weniger. Dafür werden Firmen wie etwa Siemens oder Ascom honoriert, die junge Geschäftszweige unter dem Dach der Mutterfirma verselbstständigen.
Beobachter: Und wie reagiert die Bevölkerung? Lässt sie sich alles gefallen?
Ulrich: Nein, das glaube ich nicht. In den meisten EU-Staaten wurden die neoliberalen Regierungen bereits abgewählt. An der Macht sind mehr oder weniger sozialdemokratische Parteien. Sie tun sich allerdings schwer, die Substanz des Sozialstaats vor dem globalen Wettbewerb zu retten. Immer mehr Menschen fragen sich aber, ob Europa nicht bessere Traditionen hat als den ungebändigten Markt. Abgewählt wurde auch die Regierung in Neuseeland, dem einstigen Musterland der neoliberalen Theorie.
Beobachter: Warum?
Ulrich: Weil die Leute drei Sachen lernen mussten: Das Leben als Einzelkämpfer wurde erstens unbequemer und härter. Zweitens hatte die Bevölkerung bis weit in den Mittelstand hinein Angst vor Arbeitslosigkeit und sozialem Absturz. Und drittens wurden viele der privatisierten Leistungen schlechter. Zum Beispiel der öffentliche Verkehr oder die Strom- und Wasserversorgung.
Beobachter: In der Schweiz aber legt die SVP des Sozialstaatgegners Christoph Blocher mächtig zu. Ein Widerspruch?
Ulrich: Ich glaube nicht. Die Geschichte zeigt leider, dass verunsicherte Menschen meistens Schutz und Geborgenheit bei Populisten suchen. Diese arbeiten mit einfachen Rezepten, einfachen Lösungen und einfachen Feindbildern. Dabei sind häufig gerade die Populisten die Antreiber von sozialen Fehlentwicklungen.
Beobachter: Sie propagieren eine «gesellschaftsdienliche Wirtschaft», glauben aber nicht an deren kurzfristigen Erfolg. Haben Sie resigniert?
Ulrich: Uberhaupt nicht. Heute sind offenbar nur Ideen etwas wert, die in zwei Jahren umgesetzt sind. Es wird aber 20 bis 30 Jahre dauern, bis die jetzige Epoche überwunden sein wird. Wichtig ist: Der Prozess ist im Gang. Wirtschaftsethiker müssen den Menschen die Zusammenhänge erhellen und ihnen eine Sprache geben, damit sie ihre Anliegen formulieren können. Sehr viele Leute fühlen sich dem Jargon der Manager und Politiker hilflos ausgeliefert.
Beobachter: Ist das auch die Stossrichtung des «Netzwerks für sozial verantwortliche Wirtschaft», das sie mitbegründet haben?
Ulrich: Das Netzwerk ist primär eine Plattform für Argumente und Gedanken. Denn der modernen Gesellschaft fehlt die Vision und das Ziel. Tatsache aber ist: Ein Viertel der Menschen in der Schweiz lebt in Angst und Not. Noch mehr Wirtschaftswachstum befreit sie nicht aus ihrer Situation. Im Gegenteil: Das Leben wird mit neoliberalen Rezepten noch härter. Ziel muss es sein, diesen Teufelskreis zu durchbrechen und die Wirtschaft besser in die Gesellschaft einzubinden.
Beobachter: Und wenn das nicht gelingt befürchten Sie dann soziale Konflikte?
Ulrich: Absolut. Diese Gefahr wird heute unterschätzt. Vieles in unserer Gesellschaft löst sich auf bis hinunter in die Familien. Ich frage mich, ob unsere Enkel in 50 Jahren noch wissen, was eine wohlgeordnete Gesellschaft freier und gleicher Bürger ist. Vielleicht wird es für sie selbstverständlich sein, dass es soziale Kasten gibt, die nichts miteinander zu tun haben wie in Indien oder zum Teil in den USA.
Beobachter: Viele Ihrer Studentinnen und Studenten werden dereinst in der Wirtschaft mitmischen. Kommen Ihre Ideen bei den Managern der Zukunft an?
Ulrich: Nur bei einer Minderheit. Die Mehrheit lässt sich nicht gross stören und erachtet das Studium als Mittel für einen effizienten Karriereeinstieg.
© Beobachter Ausgabe 7 vom 31. Mär 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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