Pomodori con Riso: Risotto im Bauch der reifen Tomate

Text:
  • Michael Merz
Ausgabe:
15/02

Tomaten, gefüllt mit Reis: Das klingt simpel – und ist es auch. Doch der sizilianische Klassiker ist ein Genuss erster Güte, den auch Mafiosi zu schätzen wissen.

Ein weiterer sengend heisser Tag. Palermo lag seit Mittag unter einer lähmenden Glocke von Hitze und Smog. Ich war an diesem Samstagmittag beizeiten aus der Stadt zurückgekehrt. Meine Gastgeber, die Besitzer eines bekannten Juweliergeschäfts, waren nicht vor dem frühen Abend zu erwarten. Es blieb also Zeit für eine ausgiebige Dusche und eine lange Siesta.

Die Bettunis hatte ich beim Wintersport kennen gelernt. Wir wohnten im gleichen Hotel und frühstückten an benachbarten Tischen. Als ich in die Stadt zurückkehrte, verabredeten wir ein gemeinsames Abendessen. Diesem folgte eine Einladung nach Palermo, und so fuhr ich Anfang September in den Süden.

Die Bettunis erwiesen sich als perfekte Gastgeber. Sie nahmen mich kaum in Beschlag, machten mich auf viele Sehenswürdigkeiten aufmerksam und versorgten mich auf Wunsch mit Kontakten. Ohne diese bleiben dem Fremden auf Sizilien viele Türen verschlossen.

Gern war ich in das kühle Haus der Bettunis zurückgekehrt. Die Dusche sollte heiss und lang werden. Doch kaum stand ich darunter, klingelte die Türglocke. Ich packte den Bademantel und versuchte zur Tür zu gelangen. In der Eile vergass ich, was mir meine Gastgeber eingeschärft hatten: über den Bildschirm und den Spion zu kontrollieren, wer vor der Tür stand.

Es war ein älterer, rundlicher Mann in einem klassischen Nadelstreifenanzug. Er strahlte Klasse aus, seine leise Stimme und sein gepflegtes Italienisch passten zu seinem eleganten Äusseren.

Ohne Umschweife liess ich ihn eintreten und entschuldigte mich wortreich für meinen Aufzug und das holperige Italienisch. Sofort wechselte er zu Französisch, um mir das Gespräch zu erleichtern. Ich fragte, ob er etwas trinken wolle. «Un café», meinte er. Ich eilte in die Küche, doch wollte mir der Umgang mit der Espressomaschine nicht gelingen. Also stotterte ich nochmals eine Entschuldigung und die Frage, ob er mit dem Gerät umzugehen wisse. Er stand ohne Zögern auf und folgte mir in die Küche.

«Oh! Pomodori con riso», rief er und zeigte auf die Platte mit gefüllten Tomaten, die für das abendliche Antipasto bereitstanden. «Ich weiss nicht, wie lange ich solche nicht gegessen habe!» So trafen die Bettunis den Gast beim Essen an. Dies schien sie noch mehr zu entsetzen als der Umstand, dass ich den Fremden einfach ins Haus gelassen hatte.

In den Diensten der Mafia

Der Hausherr verschwand mit dem Gast in sein Büro. Die Hausherrin räumte ab und erkundigte sich beiläufig nach dem Inhalt unseres Gesprächs. Sie schien mit meinen Auskünften zufrieden zu sein, doch auf meine Frage nach dem Namen des Herrn antwortete sie nur: «Una persona importante – eine bedeutende Person.»

Erst Monate später sollte sich das Geheimnis etwas lüften. Die Bettunis klärten mich über den Mann ohne Namen auf. Es war der lokale Eintreiber für die Schutzgelder der Mafia. Ich kann nicht behaupten, dass mich diese Auskunft besonders beruhigt hätte.

© Beobachter Ausgabe 15 vom 26. Jul 2002 - Alle Rechte vorbehalten

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