Raststätten im Test: Hier ist Rasten ein Genuss
Abfütterungsanstalt oder Rastplatz mit Stil? Der Beobachter hat 20 Autobahnraststätten getestet. Resultat: Vor allem bei den Mövenpick-Restaurants lohnt sich der Tritt aufs Bremspedal.

Nebenartikel
Der hohe Besuch aus den Vereinigten Staaten liebte es rassig: Salami, Schinken, Sardellen und ein paar Champignonscheiben. Die präsidiale Vorliebe ist als «Bill-Clinton-Pizza» ins Menüangebot der Autobahnraststätte Glarnerland-West eingegangen. Preis pro Stück: Fr. 5.60.
Elsbeth Zbinden, stellvertretende Geschäftsführerin des «Mövenpick Marche», erinnert sich noch gut an diesen denkwürdigen Samstagabend im Januar: Plötzlich trat der amerikanische Präsident ein, besuchte die Toilette die Bodyguards warteten vor der Tür und setzte sich anschliessend an die Kaffeebar. «Er war ganz unkompliziert», schwärmt Elsbeth Zbinden, «die Pizza hat er von Hand gegessen.» Nach rund 45 Minuten war der Spuk vorbei. Zurückgeblieben ist eine Clinton-Fotografie an der Kasse, ein Eintrag im Gästebuch und eben die Pizzakreation.
Bellinzona-Sud bleibt top
«Mister President» hatte seinen Zwischenhalt auf der Fahrt von Davos zum Flughafen Zürich-Kloten klug gewählt: Glarnerland-West ist mit einer Gesamtpunktzahl von 58 im Beobachter-Test ganz vorn dabei. Die Raststätte bei Niederurnen belegt zusammen mit Grauholz-Nord (Bern) und Kemptthal-Süd (Winterthur) den Ehrenplatz.
Das beste Autobahnrestaurant liegt jedoch jenseits der Alpen: Das «Marche»-Restaurant Bellinzona-Sud hat 61 der maximal möglichen 71 Punkte erhalten. In dieser Raststätte wie auch im zweitplatzierten «Mövenpick Marche» Neuenkirch-Ost stimmt vieles: für jeden Hunger ein gluschtiges Essen zu fairen Preisen, freundliches Personal, nette Atmosphäre im Lokal und es gibt einen kinderfreundlichen Picknickplatz unter lauschigen Bäumen. Neuenkirch-Ost hat zudem den besten «Service rundum»: Telefon, Fax, Kopiergerät alles da. Auch der Informationsschalter für Touristen fehlt nicht.
Interessant am Ergebnis des diesjährigen Beobachter-Tests: Mit Ausnahme der Raststätte Grauholz-Nord gehören alle bestplatzierten Autobahnrestaurants der Mövenpick-Kette an. Worin besteht deren Erfolgsrezept?
Es wird nur frische Ware gekocht
«Wir verwenden nur frische Ware und kochen vor den Augen der Gäste mit viel Liebe zum Detail. Da sind wir auf der Autobahn führend», sagt Andre Hüsler, Produktmanager bei Mövenpick. Dem Trend zu gesünderem Essen entspricht das «Marche»-Konzept perfekt. Andre Hüsler: «Menschen unterwegs bevorzugen leichte Kost. Wir schenken Salaten und Frischsäften grösste Aufmerksamkeit.» Die «Mövenpick Marche»-Restaurants gehören zwar nicht zu den billigsten, doch ihr Preis-Leistungs-Verhältnis stimmt.
Die Mövenpick-Kette betreibt in der Schweiz 18 der insgesamt 44 Raststätten und erzielte 1999 einen Umsatz von 128 Millionen Franken. Die Konkurrentin Passaggio Holding ehemals Schweizerische Speisewagen-Gesellschaft (SSG) hat im letzten Jahr mit ihren neun Restoroute-Betrieben 89 Millionen Franken erwirtschaftet fünf Prozent mehr als im Vorjahr. Und die Passaggio-Gruppe hat grosse Zukunftspläne: Bei Pieterlen BE, Lully FR und Bavois VD entstehen drei neue Autobahnraststätten. Die bereits bestehenden Betriebe werden nach einem neuen, pfiffigeren Gastronomiekonzept umgebaut.
Als eigenständiger Betrieb ganz vorn mit dabei ist die Raststätte Grauholz-Nord. Wie alle Restaurants der Spitzengruppe wird in diesem Betrieb Familienfreundlichkeit gross geschrieben. «Die Kinder sind die Gäste von morgen», umschreibt Ernesto Castelletto, stellvertretender Geschäftsführer, die Firmenphilosophie.
Bellinzona-Sud siegte bereits im letzten Beobachter-Raststättentest vor fünf Jahren, damals noch als konventionelles Mövenpick-Restaurant. Das 1995 zweitplatzierte Restoroute «La Gruyère» hingegen ist in der neusten Ausmarchung mit lediglich 48 Punkten in die hinteren Ränge abgerutscht. Grund: Das Essen ist schlechter geworden und der Service halb so freundlich. Bestklassierter Betrieb der Passaggio-Kette ist Villette-Süd mit seiner atemberaubenden Aussicht auf den Genfersee.
Die Schlusslichter der diesjährigen Beobachter-Testrunde sind Thurau-Süd (Wil SG) und Herrlisberg-Süd (Wädenswil ZH). Das Verbesserungspotenzial scheint hier recht gross zu sein. Oder können Sie sich Präsident Clinton vorstellen, wie er für den Besuch des stillen Örtchens krampfhaft nach einem «Zwänzger» sucht?
© Beobachter Ausgabe 14 vom 07. Jul 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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