Schleudertrauma: Die «Halskrawatte» ist definitiv passé

Text:
  • Martin Roos
Ausgabe:
15/00

Schleudertraumata zählen zu den häufigsten Verletzungen nach Autounfällen. Meist werden den Patienten Halskrausen verschrieben – doch diese schaden oft mehr, als sie nützen.

Ein schrilles Quietschen, dann ein metallischer Knall: Mit 35 Kilometern pro Stunde fährt der Opel Kadett in das Heck des VW Passat. Der Kopf der 29-jährigen VW-Fahrerin wird ruckartig nach vorn und wieder zurück geschleudert. Die Nackenstütze des Fahrersitzes verhindert das Schlimmste. Die Automobilistin steigt aus ihrem Wagen, begutachtet kreidebleich den Schaden und ruft per Mobiltelefon die Polizei.

Ein Autounfall, wie er sich jeden Tag dutzendfach ereignet: keine Schwerverletzten, kein Totalschaden – bis auf die Beule im Blech ist scheinbar alles in Ordnung. Viele Betroffene eines «harmlosen» Auffahrunfalls klagen allerdings später über Nacken-Schulter-Probleme, Kopfschmerzen oder Sinnesstörungen. Allein in Deutschland werden jährlich 200000 bis 400000 Patienten mit der Diagnose «Schleudertrauma» konfrontiert.

«Das Schleudertrauma gehört bezüglich Zunahme und Verbreitung zu den modernen Zivilisationskrankheiten», sagt Professor Claus-Frenz Claussen von der Universität Würzburg. Schleudertraumata sind nicht nur die Folge von Autounfällen. «Viele Schleudertraumata werden auch von Pferde-, Ski- oder Treppenunfällen verursacht», sagt der Basler Neurologe Joseph Mürner.

Kopfschmerz und Ubelkeit

Das Vertrackte beim Schleudertrauma: Die Beschwerden treten häufig nicht unmittelbar nach dem Unfall auf. Bei der 29-jährigen VW-Fahrerin zum Beispiel setzten die starken Kopfschmerzen erst nach einer Stunde ein. Der Arzt röntgte die Halswirbelsäule und legte der Patientin schliesslich eine Halskrawatte an. Zu Hause wurde es der jungen Frau zu allem Ubel auch noch schwindlig und schlecht. An Schlaf war nicht zu denken. Es blieb nur der Gang ins Spital.

Der Fall zeigt: Der Sammelbegriff Schleudertrauma fasst eine Vielzahl von möglichen Symptomen zusammen. Zu den Kopfschmerzen können Ubelkeit und Schwindel sowie Ohrgeräusche und Sehstörungen kommen. Bei vier von fünf Patienten verschwinden die Beschwerden innerhalb von Wochen oder Monaten wieder. Doch zehn bis zwanzig Prozent der Unfallopfer leiden oft jahrelang.

Schleudertraumata beeinträchtigen die Leistungsfähigkeit und die Lebensqualität der Betroffenen. Dazu kommt, dass die Opfer oft als Simulanten abgekanzelt werden. Dauerhafter Schmerz lässt sich nicht beweisen – meinte man bis vor kurzem. Doch der Essener Neurologe und Privatdozent Matthias Kreidel hat ein neues Verfahren entwickelt, das den Schmerz nach einem Schleudertrauma messbar macht. Druck-Algesie-Meter heisst das preisgekrönte Instrument – übersetzbar etwa mit «Druck-Schmerz-Messer».

«Ein kleiner Stempel mit einem Durchmesser von zwei Millimetern übt auf die betroffene Muskelpartie einen kontinuierlichen Druck aus», erklärt Matthias Kreidel. «Am Computer können die Patientinnen und Patienten auf einer Skala angeben, wie stark sie die jeweilige Schmerzintensität empfinden.»

Diagnoseverfahren optimiert

Dank einer weiteren Erfindung der Universität Jena konnten die Diagnoseverfahren noch verfeinert werden. Der Arzt Thomas Schreiber hat ein Gerät entwickelt, mit dem man Schäden im Halsbereich besser lokalisieren kann. Denn selbst mit modernsten Tomographiemethoden lassen sich Halsverletzungen oft nicht richtig abbilden. Die dreidimensionale Bewegungsanalyse schafft Abhilfe. Ein leichtes Kopfgestell ist mit drei kleinen Ultraschallsendern ausgerüstet, die die Bewegungen des Kopfs aufzeichnen und das individuelle Bewegungsmuster ermitteln können. Doch bis derartige Verfahren Einzug in den ärztlichen Alltag finden, wird noch etwas Zeit vergehen.

Ärzte warnen vor der Halskrause

Für die Schleudertrauma-Spezialisten ohnehin dringender ist es, mit der weit verbreiteten Lehrmeinung aufzuräumen, dass Halskrausen das A und O der Behandlung darstellen. Neue Untersuchungen belegen nämlich, dass «Halskrawatten» oft mehr schaden als nützen. «Nur wenn die Wirbelkörper verletzt sind, ist die Ruhigstellung zwingend erforderlich», sagt der Neurologe Matthias Kreidel. Und selbst in diesem Fall sei ein spezieller Kopf-Halteapparat sinnvoller als eine Halskrause.

Bei einfachen Formen von Schleudertraumata werden Schmerzmittel wie zum Beispiel Acetylsalicylsäure oder Paracetamol verschrieben. Auch Wärme- oder Kältebehandlungen gehören zum therapeutischen Repertoire. Zudem können Krankengymnastik und Entspannungstechniken zur Genesung beitragen.

«Im Ubrigen kann man die Patienten beruhigen», sagt Matthias Kreidel. «Nach ungefähr vier Wochen sind die Beschwerden meist vorbei.»

Ein Fall für die Gerichte wird das Schleudertrauma vor allem dann, wenn es darum geht, ein Attest für Arbeitsunfähigkeit oder Schmerzensgeld durchzusetzen. Dann kommen medizinische Gutachter ins Spiel – ein heisses Thema. «Es befremdet immer wieder», sagt der Basler Neurologe Joseph Mürner, «mit wie viel Energie Patientinnen und Patienten nach Auffahrunfällen die Möglichkeit abgesprochen wird, dass sie sich verletzt haben könnten.» Und in seinem neusten Buch schreibt Claus Claussen: «Wenn sich heute in der Schweiz Ärzte einerseits als neutrale Gutachter ausgeben, anderseits gleichzeitig Vertrauensärzte der auftraggebenden Versicherungen sind, ist dies offensichtlich ein Missstand.»

© Beobachter Ausgabe 15 vom 21. Jul 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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