Schlusspunkt
Alter vor Schönheit
Kürzlich lernte ich einen jungen Mann kennen. Weil er mich nach dem Alter fragte, sagte ich ihm, ich sei vierundvierzig. Er sah mich entrüstet an, rief ungläubig «nein!» und zog dabei die Vokale so in die Länge, dass es wie «wäääk!» klang.

(Bild: Luca Schenardi)
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Ich schaute ihn irritiert an. Hielt er mich für älter? Nein, für jünger, er wollte mir nämlich ein Kompliment machen: «Das gäbe man dir niiiiiie!» Geradeso gut hätte er aber «Iiiiih, igitt-igitt!» sagen können.
Ohgottohgott, dachte ich, was solls. Seine zwanzig Lenze geben ihm wohl das Recht, keinem über dreissig zu trauen und jeden, der über vierzig ist, für scheintot zu halten. Ging mir ja auch so. In seinem Alter war ich mir sicher, dass ich ewig leben würde oder zumindest forever young bleiben könne. Ich dachte, jung sein sei ein Verdienst. Zudem war ich überzeugt, dass ich ein Recht darauf hätte, immer glücklich, unbeschwert und gesund sein zu dürfen. Und heute? Heute weiss ich, dass es nicht selbstverständlich ist, dass ich schon vierundvierzig Mal Geburtstag und Weihnachten feiern durfte, vierundvierzig Mal in die Sommerferien reisen konnte und seit Jahren den Widerwärtigkeiten dieser Erde zu trotzen vermag.
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Ich will nicht jünger geschätzt werden. Ich gehöre jetzt zur Generation der Männer mit den graumelierten Schläfen und werde mich hüten, mir die Haare zu färben. Da kann mich mein Coiffeur noch so lange bearbeiten. Er muss machen, was ich will. Schliesslich mache ich seit Jahren nur noch, was ich will. Seit ich vor ein paar Monaten das Rauchen aufgegeben habe, erst recht. Ich lasse mich nicht mehr fremdbestimmen wie mit zwanzig oder dreissig. Das sollen alle sehen!
So Couchepin will, vergeht bis zu meiner Pensionierung weniger Zeit, als seit meiner Schulzeit vergangen ist. Vielleicht verstehe ich die Generation meiner Eltern deshalb immer besser, während mir Junge mit ihrer Sprache, ihrer Mode und ihrer Musik oft wie von einem anderen Stern vorkommen. Sie wollen Gott und die Welt nicht hinterfragen, sondern nur wissen, bei welchem von beidem der grössere Vorteil herauszuholen ist. Gott sei es geklagt und getrommelt: Es ist nicht mehr wie früher! Diese absolut neue Erkenntnis verkündete ich kürzlich bei einer Kaffeepause im Büro. Da sagte ein Arbeitskollege: «Mein Gott, Walter, du wirst langsam alt.»
Mist. Soll ich mir doch die Haare färben lassen?
© Beobachter Ausgabe 9 vom 29. Apr 2008 - Alle Rechte vorbehalten

