Schulbeginn: Höchste Zeit, um abzubremsen
Auf dem Weg zur Schule verunfallen jedes Jahr rund 1300 Kinder. Dreissig von ihnen sterben im Verkehr. Denn nach wie vor wird vor Schulhäusern oft viel zu schnell gefahren, wie Radarmessungen des Beobachters zeigen.
Jedem Erwachsenen ist klar: Beim Breitfeldschulhaus in Bern kann kein Kind verunfallen. Ein Ausgang führt zwar auf die stark befahrene Standstrasse, doch die ist mit zwei Lichtsignalen gesichert. Der gegenüberliegende Ausgang geht hinaus auf die Weingartenstrasse. Ein wenig befahrenes Quartiersträsschen, auf dem Tempo 30 gilt. Auf beiden Strassen warnen zudem Gefahrensignale «Achtung Kinder». Ein optimaler Schutz für die Kinder - könnte man meinen.
Doch die Sicherheit ist trügerisch. Selbst umsichtigste Gebote und Signalisationen wie beim Schulhaus Breitfeld bremsen den Verkehr kaum ab, wie eine Geschwindigkeitsmessung des Beobachters zeigt. An die Tempo-30-Signalisation auf der Weingartenstrasse etwa hielt sich gerade mal jeder dritte Autofahrer. Und auch die Tempo-50-Limite auf der mit Signallichtern gesicherten Standstrasse war vielen Lenkern noch zu niedrig angesetzt. Fast zwölf Prozent der gemessenen Fahrzeuge überschritten diese Höchstgeschwindigkeit. Ein nicht besseres Zeugnis stellten die Beobachter-Messungen den Automobilisten und Automobilistinnen in St. Gallen und Zürich aus.
Preis der Freiheit
Dazu kommt, dass Erwachsene den Kindern auch als Fussgänger oftmals gefährlich schlechte Vorbilder sind. Während der Messungen vor dem Schulhaus Breitfeld etwa überquerte eine Gruppe von Männern und Frauen die Strasse wie eine Schar von Hühnern - 50 Meter neben dem Rotlicht. Der Preis für solche Verkehrssitten sind die Opfer im Strassenverkehr. Zwar nehmen die jährlich ausgewiesenen Zahlen seit den siebziger Jahren ab: 1970 verunfallten 4400 Kinder im Strassenverkehr, heute sind es 2000 weniger. Doch noch immer verunglücken 2400 Kinder jährlich; mehr als die Hälfte von ihnen trifft es auf dem Schulweg.
Allein 1997 waren es nach Erhebungen der Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) rund 1300 Kinder, 30 von ihnen überlebten den Unfall nicht. Besonders beunruhigend aber: Seit neustem steigen die Zahlen der Verkehrstoten wieder an. Im ersten Halbjahr 1998 stieg die Zahl der Opfer gemäss einer Umfrage der Nachrichtenagentur AP gegenüber dem Vorjahr um einen Viertel auf total 302 an. Wie viele der Getöteten Schulkinder waren, zeigt die Statistik nicht. Weil gleichzeitig mehr Geschwindigkeitsübertretungen registriert wurden als im Vorjahr, liegt für Jürg Thoma, Leiter des Bereichs Technik bei der bfu, nur ein Schluss nahe: «Es wird wieder aggressiver gefahren.»
Eine Feststellung, die viele Eltern beunruhigt. Denn in den nächsten Wochen werden rund 80000 Mädchen und Knaben in der ganzen Schweiz zum erstenmal den Schulweg unter die Füsse nehmen. Sie alle haben einen unterschiedlich gefährlichen Schulweg vor sich, doch sie alle haben eines gemeinsam: Sie sind im ohnehin schon gefährlichen Strassenverkehr von vornherein benachteiligt.
Das beginnt mit ihrer Körpergrösse. Den Erstklässlern ist ein Uberblick über das Verkehrsgeschehen schon rein physisch unmöglich: Ihre Augen liegen auf einer Höhe von zirka 110 Zentimetern und damit 20 Zentimeter tiefer als das Dach jedes durchschnittlichen Personenwagens - von den riesigen Blechwänden der Geländefahrzeuge ganz zu schweigen. Dazu kommt, dass Kinder ganz anders sehen und hören als Erwachsene, wie Verkehrspädagoge Siegbert Warwitz in seiner Schrift «Verkehrserziehung von Kindern aus» nachweist. Kinder, sagt Warwitz, sehen die Welt mit einer Art «Tunnelblick», das heisst, sie sehen fast nur geradeaus; was links und rechts passiert, entgeht ihnen zum grossen Teil. Damit nehmen sie Fahrzeuge später wahr, wenn diese von der Seite kommen. Kinder sehen aber auch langsamer als Erwachsene. Sie benötigen mehr Zeit, um die Informationen zu verarbeiten.
Kinder sehen anders
Ähnliches gilt für das Gehör, das bei Erstklässlern noch nicht so gut ausgebildet ist wie bei Zwölfjährigen. Zwar verfügen die Kleinen über die feineren Ohren, doch sie hören «langsamer»: Sie können Geräusche nicht einwandfrei identifizieren und auswerten und nur schwer erkennen, woher ein Geräusch genau kommt. Laute Autos stufen sie als schneller und bedrohlicher ein als leise.
Das ist deshalb doppelt gefährlich, weil Kinder auch vom perspektivischen Sehen getäuscht werden. So stufen sie grössere Autos grundsätzlich als schneller ein als kleinere. Sie wählen zudem unbewusst aus, was sie sehen wollen und was nicht. Wo ihr Herz ist, ist auch ihr Blick: bei Spielkollegen auf Strasse und Trottoir, bei der Mutter oder Schwester oder auch beim Ball, der über die Strasse rollt. Der Lieferwagen, der heranbraust, ist weniger interessant, trotz der Gefahr, die von ihm ausgeht. Im Bernbiet verunfallte vor kurzem ein Sechsjähriger, weil er zu der Mutter und der Schwester über die Strasse rannte - den Verkehr hatte er nicht beachtet.
Speziell jüngere Kinder sind vom Verkehrsgeschehen schlicht überfordert. Erst mit etwa 14 Jahren, so wissen Experten, sind Kinder den permanenten Anforderungen durch die Informationsflut im Verkehr konzentrationsmässig überhaupt gewachsen. Um so wichtiger ist es, dass sich erwachsene Verkehrsteilnehmer der Gefahren bewusst sind. Eltern, Lehrer und die Verkehrserzieher der Polizei geben sich deshalb alle Mühe, die Handicaps der Kinder mit einer zielgerichteten Verkehrserziehung wettzumachen. Mit dem Schulanfang startet eine Plakatkampagne, die auf unachtsame Kinder aufmerksam macht. An verschiedenen kritischen Stellen sollen Polizisten bereitstehen, um den Kindern zu helfen oder fehlbare Lenker zu büssen.
Auf Gefahren hinweisen
«Mehr wäre natürlich immer besser», sagt Fritz Kneubühl, Chef Verkehrsinstruktion der Stadtpolizei Zürich, «aber wir machen sehr viel.» In kleinen Schritten wollen Kneubühl und seine Kollegen bei den Kindern Ängste abbauen und ihnen die Fähigkeiten vermitteln, die sie auf dem Schulweg brauchen. Bereits nach den ersten Schultagen wird ein Verkehrsinstruktor die neuen Klassen besuchen. Er soll die Verkehrsaufklärung fortsetzen, die bereits im Kindergarten begonnen hat. Bis zum Ende der Schulzeit wird er einmal im Semester mit den Klassen arbeiten. Vom Kindergarten bis zur zweiten Primarklasse werden die Kinder als Fussgänger geschult, danach als Velofahrer.
Das Schwergewicht liegt dabei auf der Praxis: «Nachdem wir den Kindern die wichtigsten Begriffe aus dem Verkehr erklärt haben, gehen wir mit ihnen auf die Strasse und üben die Uberquerung von heiklen Fussgängerstreifen», sagt Kneubühl. Die Kinder sollen lernen, den Schulweg allein zu bewältigen. Bei gefährlichen Schulwegen helfen Begleitpersonen oder die Verkehrsinstruktoren mit Einzellektionen. In der Stadt Zürich gibt es zudem in vielen Schulhäusern eine «Kommission für sichere Schulwege». Schulpfleger, Eltern, Lehrer und immer auch ein Verkehrsinstruktor kümmern sich dort um die Sicherheit der Schüler.
Die Instruktoren sind an Elternabenden im Kindergarten und zur Einschulung präsent. Fritz Kneubühl: «So bekommen wir Anregungen, wo wir die Schulwege noch sicherer machen können.» Bereits im Kindergarten erhalten alle Eltern ein Informationsschreiben zum Thema Schulweg. Kneubühl fordert die Eltern auf, ihre Rolle als Vorbild ernst zu nehmen, und warnt davor, die Kinder zur Eile auf dem Schulweg anzutreiben: «Auch so gab es schon Unfälle.»
Mit Plakatkampagnen, Schulwegüberwachung und Schulbesuchen wird auch in St. Gallen versucht, Unfälle auf dem Schulweg zu verhindern. Benjamin Lütolf von der Stadtpolizei St. Gallen hält die hiesige Verkehrserziehung für «optimal». Der eingeschränkten Wahrnehmung der Kinder versucht man hier zu begegnen, indem man den Kindern bei stark befahrenen Strassen Fixpunkte gibt. Etwa: «Wenn das Auto bei diesem Baum ist, darfst du nicht mehr über die Strasse.» Bei der Einteilung in die Schulhäuser achtet man darauf, dass möglichst kein Kind eine Hauptverkehrsachse überqueren muss oder dass es zumindest eine Unterführung oder eine Verkehrsinsel gibt.
Knaben besonders gefährdet
In St. Gallen wird der Verkehr an gefährlichen Kreuzungen zudem noch immer von speziell ausgebildeten Sechstklässlern geregelt. Darauf verzichtet man in Zürich. Man wolle, so heisst es in der Limmatstadt, die Verantwortung «nicht auf Kinder abschieben».
Doch nützen all diese Anstrengungen? In der Statistik sind die tödlichen Unfälle der Kinder bis 14 Jahre erfasst. Wo sich diese Unfälle ereignet haben, ist unbekannt. Auffällig ist aber auch bei diesen Zahlen, dass sie - mindestens bis Ende des letzten Jahres - zurückgingen. 1970 sind 190 Kinder im Strassenverkehr umgekommen, 16 Jahre später waren es noch 36, wovon 18 als Fussgänger getötet wurden, 12 als Velo- oder Mofalenker und sechs als Mitfahrer.
Auch bei den Verletzten ging die Zahl gegenüber den siebziger Jahren deutlich zurück. Seit 1985 jedoch ist sie, allen Präventionsmassnahmen zum Trotz, etwa gleich hoch geblieben. 1997 sind rund 2400 Kinder im Verkehr verunfallt: Etwa 800 wurden als Fussgänger verletzt, 930 als Lenkerinnen von Velos und Mofas und 690 als Mitfahrer im Auto. Fast zwei Drittel aller Verkehrsopfer waren Knaben, die sich nach Angaben der Polizei oft risikoreicher verhalten als Mädchen.
Verkehr wächst uferlos
Weil sich die Zahl der Motorfahrzeuge seit 1970 von 1,7 Millionen auf 4,3 Millionen erhöht hat, wertet das Bundesamt für Statistik die Verbesserung der Unfallsituation trotz den neusten Aufwärtstrends noch immer als Erfolg. Die Abnahme der Todesopfer sei auf Massnahmen im Strassenbau, Geschwindigkeitsreduktionen und sicherere Autos zurückzuführen.
Für Marco Hüttenmoser, Leiter der Dokumentationsstelle «Kind und Umwelt», ist das nur eine unvollständige Begründung. Er interpretiert den Rückgang der Kinderunfälle auch als eine Art Resignation vor dem uferlos wachsenden Verkehr: Wesentliche Verbesserungen der Wohnbedingungen, mehr eigene Kinderzimmer und eine höhere Attraktivität des «Innenlebens» durch TV oder Computer hätten es im Laufe der Zeit den Eltern erlaubt, ihre Kinder angesichts der ständig zunehmenden Gefahren auf der Strasse «aus dem Verkehr zu ziehen».
Eltern fahren selber Auto
Hüttenmoser plädiert deshalb dafür, «den Lebensraum Strasse den Kindern zurückzugeben». Seine Theorie hat er in der Broschüre «Strassen für Kinder» des Verkehrs-Clubs der Schweiz (VCS) veröffentlicht. Ganz in Hüttenmosers Sinn geht der VCS das Sicherheitsproblem der kleinen und grossen Fussgänger und Velofahrer grundsätzlich an: Mit seiner Initiative «Strassen für alle» fordert er innerorts flächendeckend Tempo 30. Nur in begründeten Fällen könnten die Behörden die Geschwindigkeit auf Hauptstrassen heraufsetzen. 60000 Schweizerinnen und Schweizer haben die Initiative bis jetzt unterzeichnet. Doch bis zu diesem von den Initianten erhofften Quantensprung in der Verkehrssicherheit - der VCS rechnet dank Tempo 30 mit 53 Toten und 2500 Verletzten weniger pro Jahr - wird es noch einige Jahre dauern.
So sehen immer mehr Eltern bloss einen Weg, ihre Kinder auf dem Schulweg besser zu schützen: Sie fahren ihre Sprösslinge selber zur Schule - mit dem Auto. Die bfu und der VCS plädieren jedoch für den Schulweg zu Fuss. Nicht nur wegen des Mehrverkehrs, den besorgte Eltern mit ihren Autos verursachen, sondern auch weil die Kinder auf dem Schulweg wichtige Erfahrungen sammeln. Sie schliessen Freundschaften und tragen Konflikte aus. Erfahrungen, die das Kinderleben bereichern.
Allerdings kann einem Kind nicht jeder Schulweg zugemutet werden. Als zumutbar gelten Fussmärsche von bis zu 30 Minuten pro Weg, in den Bergen von 45 Minuten, oder eine Wegstrecke von 1,5 Kilometern ohne nennenswerten Höhenunterschied. Diese Strecken können auch kürzer sein, wenn schwere Gefahren vom Verkehr her drohen oder der Weg durch gefährliche Abschnitte wie einsame Waldstücke oder unsichere Stadtquartiere führt.
Sind die Schulwege unzumutbar, muss die Gemeinde die Kosten des Transports übernehmen. Sie kann dafür einen Schulbus zur Verfügung stellen oder die Kosten des öffentlichen Verkehrs übernehmen. Entschliessen sich Eltern trotz allem für das eigene Auto, so ist vorbildliches Verhalten angezeigt. Kinder müssen Gurten tragen, und es dürfen nur so viele Kinder mitgeführt werden, wie Plätze vorhanden sind. Väter und Mütter sollen für ihre Kinder ausschliesslich auf den Parkplätzen anhalten, und die Temposignalisationen sind selbstverständlich immer verbindlich - auch dann, wenn das eigene Kind nicht im Wagen sitzt.
Radarmessung:
Selbst vor Schulhäusern wird viel zu schnell gefahren
Bewaffnet mit einer Radarpistole des Typs «Speedgun Magnum», die das Tempo eines vorbeifahrenden Autos auf einen Kilometer pro Stunde genau erfassen kann, stellte sich der Beobachter zur Messung auf. Das Ergebnis in den Tempo-30-Zonen: Sowohl an der St. Galler Linsebühlstrasse (Kindergarten) als auch an der Berner Standstrasse (Schulhaus Breitfeld) hielt sich nur ein Drittel der Automobilisten an die Tempolimite. Zwei Drittel der Autos brausten mit einem Tempo zwischen 31 und 45 Kilometern pro Stunde durch die Strassen; der Durchschnitt lag bei 34 Kilometern pro Stunde. Dabei sind auf diesen Strassen überall Autos parkiert, die den Kindern die Sicht versperren.
Die Tempo-50-Zonen wurden immerhin von der Mehrheit der Autofahrer respektiert. Aber auch hier fuhren, je nach Standort, zwischen 10 und 40 Prozent zu schnell. Trauriger Spitzenreiter war die Zürcher Bullingerstrasse (Schulhaus Hardau): Hier rasten 40 Prozent zu schnell vorbei. Zwar ist eine Uberführung vorhanden, und die Lehrer schärfen den Kindern ein, diese auch zu benützen. Doch sie ist ein Umweg, der die Schüler mehrere Minuten kostet. Die Verlockung, den gefährlichen Fussgängerstreifen zu nehmen, ist daher gross.
Zwischen 10 und 20 Prozent der Autos waren an den übrigen Standorten zu schnell: Auf der Berner Standstrasse (Schulhaus Breitfeld) fuhren 12 Prozent zu schnell, ebenso viele auf der Viktoriastrasse (Schulhaus Spitalacker). 11 Prozent fuhren trotz den Schwellen auf der Zürcher Weinbergstrasse zu schnell (Weinberg-Schulhaus). Und auf der St. Galler Sonnenstrasse (Spelterini-Schulhaus) konnte selbst ein gut sichtbarer Radarkasten viele Automobilisten und Automobilistinnen nicht bremsen in ihrem flotten Fahrstil: 19 Prozent der gemessenen Lenker waren zum Teil deutlich schneller als mit Tempo 50 unterwegs.
© Beobachter Ausgabe 16 vom 12. Jul 1998 - Alle Rechte vorbehalten









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