Schule: Raus mit Ausländern – in Sonderklassen
Vorurteile machen auch vor der Schulbank nicht Halt: Gemäss einer neuen Studie landen Ausländerkinder häufiger in Sonderklassen, weil sie von vornherein als Problemfälle gelten.

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Ein Gerücht geht um. Danach nimmt die Zahl der Ausländerkinder in den Schulen massiv zu, was zu Problemen führe. Zudem seien vor allem Kinder aus dem ehemaligen Jugoslawien weniger intelligent, sprächen schlechter Deutsch und behinderten Schweizer Schulkinder im Lernen. Alles nicht wahr, sagt die neue Studie «Immigrantenkinder und schulische Selektion» der Universität Freiburg.
Die Studie verfolgt die Entwicklung von 1980 bis 1998. Während dieser Zeit stieg die Zahl der ausländischen Schulkinder von 136033 auf 174771. Das entspricht einer jährlichen Zunahme von etwas mehr als einem Prozent. In der gleichen Periode verdreifachte sich aber die Zahl der Immigrantenkinder in Sonderklassen.
Noch Mitte der achtziger Jahre galten Kinder aus Italien als Problemfälle. Heute stammt ein Viertel aller Kinder in Sonderklassen aus dem ehemaligen Jugoslawien. Dem müsste nicht so sein, wie die Studie zeigt. Die Wissenschaftler testeten die schulische Leistung in der Unterrichtssprache und den Intelligenzquotienten von Schweizern und Ausländern. Der Vergleich bringt keine grossen Unterschiede zutage. Ausländerkinder sind gleich intelligent und sprechen gleich gut Deutsch wie 80 Prozent ihrer Schweizer Schulgefährten. In der Untersuchung fielen Kinder aus Ex-Jugoslawien weder durch besondere Probleme in der Unterrichtssprache noch durch einen tieferen Intelligenzquotienten auf.
Aargauer sind besonders streng Trotzdem sitzen heute dreimal mehr Immigrantenkinder in Sonderklassen als vor 20 Jahren. Der Hauptgrund dafür liegt gemäss Studie darin, dass viele Lehrpersonen die Deutschkenntnisse, Leistung und Intelligenz von Ausländerkindern und hier speziell jene aus Ex-Jugoslawien stark unterschätzen. Dieses negative Vorurteil nimmt Schulschwierigkeiten vorweg und macht diese so zur Realität.
Auffallend sind die gravierenden regionalen Unterschiede. Während sich in den einen Kantonen hoch begabte und leistungsschwache Kinder in derselben Klasse finden, landen in den andern Ausländerkinder oft in Sonderklassen. Besonders krass ist die Situation im Kanton Aargau: Die Wahrscheinlichkeit, hier als Ausländerkind in eine Sonderklasse zu kommen, ist achtmal grösser als im Kanton Genf.
Unterschiede mit schweren Folgen
Franz Wille, Chef der Abteilung Volksschule im Erziehungsdepartement des Kantons Aargau, hat die Studie noch nicht analysiert. Er zweifelt aber nicht an den genannten Zahlen: «Trotzdem kann man Genf nicht mit dem Aargau vergleichen.» Der Aargau habe lange geglaubt, es sei besser, leistungsschwache Schüler in Kleinklassen zu fördern. Inzwischen gibt es auch hier erste Versuche, diese Schüler in den normalen Unterricht zu integrieren.
Winfried Kronig, Mitautor der Studie, will nicht einzelne Kantone an den Pranger stellen. Wichtiger ist es für ihn aufzuzeigen, dass die Unterschiede von Schulhaus zu Schulhaus, von Dorf zu Dorf, von Kanton zu Kanton riesig sind. «Es kann für ein Ausländerkind entscheidend für sein ganzes Leben sein, ob es im Schulhaus A oder im Schulhaus B zur Schule geht», meint Kronig. Denn: Ist ein Kind erst einmal in einer Kleinklasse, bleibt es gemäss Untersuchungen meist die ganze Schulzeit dort.
© Beobachter Ausgabe 24 vom 24. Nov 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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