Schwanger: Getrübte Vorfreude

Text:
  • Bärbel Weiss
Ausgabe:
8/00

Uber die Hälfte aller schwangeren Frauen leiden an Ubelkeit und Erbrechen. Die Gründe: Der Hormonhaushalt spielt verrückt, die psychische Belastung ist gross. Meist klingt das Unwohlsein nach dem dritten Monat von allein wieder ab.

Herzlichen Glückwunsch, Sie sind schwanger.» Mit diesen Worten ihrer Ärztin beginnt für viele Frauen das Abenteuer Schwangerschaft. Für Andrea F. und ihren Freund kam die Nachricht zwar überraschend, aber schnell machte sich Begeisterung breit. Jäh getrübt wurde die Vorfreude jedoch, als sich die Schwangerschaft in der achten Woche körperlich bemerkbar machte. Andrea F. war übel. Was zunächst als leichtes morgendliches Unwohlsein begann, wurde bald zur Qual: Der Geruch, der Anblick von Essen, auch nur der Gedanke daran versetzte ihren Magen in Aufruhr. Ständige Ubelkeit und hastige Rückzüge auf die Toilette bestimmten zunehmend ihren Tagesablauf.

Schuld sind vor allem die Hormone
50 bis 80 Prozent aller werdenden Mütter leiden während ihrer Schwangerschaft unter mehr oder weniger heftigen Attacken von Ubelkeit und Erbrechen. Während die Anfälle bei den meisten Frauen nach den ersten drei Schwangerschaftsmonaten abklingen, quälen sich bis zu 20 Prozent länger damit herum, teilweise sogar bis zum Ende der Schwangerschaft.

Lange Zeit waren viele der Meinung, Ubelkeit und Erbrechen während der Schwangerschaft sei ein Hinweis auf psychische Probleme der Schwangeren: Von der Unfähigkeit, die weibliche Rolle zu akzeptieren, von unbewusster Ablehnung des Kindes oder gar von Hysterie war die Rede. Diese Vorurteile trugen dazu bei, dass die Beschwerden der Frauen häufig nicht ernst genommen wurden. «Stell dich nicht so an, das gehört eben dazu» oder «Das ist alles Einbildung» – mit solchen Kommentaren wurden und werden die Probleme der Schwangeren banalisiert.

Die Wissenschaft geht heute aber davon aus, dass die Beschwerden eher körperlichen Ursprungs sind. Besonders während der ersten drei Schwangerschaftsmonate verändert sich der Hormonhaushalt stark. Daran muss sich der Organismus erst gewöhnen – meist besteht also kein Grund zur Besorgnis. Dennoch können die Beschwerden die Lebensfreude der betroffenen Frauen beeinträchtigen und erhebliche seelische Probleme auslösen: Frustration, Entmutigung, Depression. Die Unfähigkeit zu arbeiten oder den Haushalt zu meistern, untergräbt das Selbstwertgefühl und belastet die Beziehung zu Partner und Familienmitgliedern. Auch soziale Beziehungen leiden: Ein Besuch im Kino oder bei Freunden bereitet wenig Vergnügen, wenn die Gedanken ständig mit dem schnellsten Weg zur Toilette beschäftigt sind.

Dazu gesellt sich die Sorge um die Gesundheit des Babys. Wenn Lakritze und Cola, Salzgebäck oder Wackelpudding zur Hauptnahrungsquelle der Schwangeren werden, entspricht das nicht den gängigen Vorstellungen einer gesunden, ausgewogenen Ernährung für Mutter und Kind. In den ersten Schwangerschaftsmonaten reichen die Reserven der Mutter jedoch normalerweise aus, um den Fetus ausreichend zu versorgen.

Reduziertes Risiko für Fehlgeburt
Bedenklich wird es aber, wenn Ubelkeit und starkes Erbrechen länger anhalten und die Mutter mehr als fünf Prozent ihres ursprünglichen Körpergewichts verliert. Diese schwere Form des Schwangerschaftserbrechens – vom Arzt als Hyperemesis gravidarum bezeichnet – tritt bei unge-fähr einem Prozent der Schwangeren auf. Die betroffenen Frauen müssen ins Spital: Mit Hilfe von Infusionen gleicht man den Mangel an Flüssigkeit, Mineralstoffen und Vitaminen aus, der durch das häufige Erbrechen entsteht. Diese Massnahmen, ein wenig Bettruhe und zusätzliche Medikamente gegen das Erbrechen führen meist rasch zu einem Abklingen der Symptome.

Egal, ob leicht oder schwer: Ubelkeit und Erbrechen sind die dunklen Seiten der Schwangerschaft, die den werdenden Müttern viel Geduld und Durchhaltevermögen abverlangen. Ein kleiner Trost für die Betroffenen: Bei den meisten Frauen lassen die Symptome im Verlauf der Schwangerschaft nach. Und Frauen, denen während der Schwangerschaft übel ist, haben weniger häufig Fehlgeburten.

Somit haben auch die sehr schwierigen Schwangerschaften meistens ein Happy End: Andrea F. zum Beispiel ist inzwischen Mutter von zwei gesunden Söhnen.

© Beobachter Ausgabe 8 vom 14. Apr 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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