Seniorenreisen: Ältere sind auf dem Vormarsch
Von wegen sich aufs Altenteil setzen: Senioren von heute sind unternehmungslustig. Kleine Reiseveranstalter haben den Trend erkannt und fahren für Ältere lukrative Extrazüge.
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Die Zürcher Witwe Ruth Bircher, 77, bereist seit rund 20 Jahren die Welt. Zusammen mit ihrer Freundin Frieda Hanselmann, 76, besuchte sie zum Beispiel die Antarktis, Vietnam, Tibet und die Seidenstrasse. «Nächstes Jahr wollen wir an den Amazonas. Da waren wir noch nie», freut sich Ruth Bircher. «Wir sind halt jung geblieben und unkompliziert.»
Damit sind die beiden Frauen in bester Gesellschaft. Laut einer schweizerischen Gesundheitsbefragung fühlen sich von den 65- bis 75-Jährigen fast 80 Prozent der Männer und rund 70 Prozent der Frauen körperlich gut bis sehr gut. Ähnlich sieht es bei den höher Betagten aus. Alter mit Krankheit und Schwäche gleichzusetzen ist also überholt.
«Wichtiges Marktsegment»
«Die über 50-Jährigen sind ein wichtiges Marktsegment. Diese Leute sind unternehmungslustig, mobil und kaufkräftig. Dieses grosse Potenzial hat nun auch die Schweizer Tourismusbranche erkannt», sagt Hanna E. Rychener, Direktorin der Internationalen Schule für Touristik in Zürich.
Spezialisierte Reisebüros haben das allerdings schon längst gemerkt. Die Wirz Travel AG in Sarnen etwa setzt bereits seit zehn Jahren auf Seniorenreisen mit grossem Erfolg. Rund 600 bis 700 Leute buchen jedes Jahr eine der angebotenen Gruppenreisen. «Wir nehmen die Anliegen unsere Kundschaft sehr ernst. Auf jeder Reise ist beispielsweise eine diplomierte Krankenschwester dabei», erklärt Organisatorin Lisa Beckmann. Das Gros der Teilnehmer sei zwischen 50 und 90 Jahre alt und schätze den gebotenen Service.
Auch beim Velo- und Wanderferienveranstalter Baumeler Reisen AG in Luzern sind laut Geschäftsführer Max Bosshard drei Viertel der Kunden über 50 Jahre alt. «Wir leben primär von dieser Altersgruppe», sagt er. Und Marketingleiter Markus Fellmann verweist stolz darauf, dass «auf einfachen Touren sogar noch 80-Jährige» dabei seien.
«Noch nie ging es den älteren Menschen in der Schweiz so gut wie heute», schreibt Silvano Möckli, Professor für Politikwissenschaft an der Universität St. Gallen in seinem letztes Jahr erschienenen Buch «Die demographische Herausforderung». Tatsächlich zeigt ein Blick in die Steuerstatistik: Die Altersklassen über 60 gehören zu den Reichsten. Im Kanton Zürich zum Beispiel stieg das Vermögen der Pensionierten von 1991 bis 1995 um 26,5 Prozent auf 91 Milliarden Franken. Da liegen locker ein paar schöne Ferienwochen drin.
Die Grossen der Branche halten sich allerdings eher an die Erkenntnisse von Andreas Reidl, Mitautor des Buchs «Senioren-Marketing». Reidl warnt vor speziellen Senioren-Angeboten: «50-plus-Menschen wollen eben gerade nicht als Senioren angesprochen werden.» Daran hält sich denn auch beispielsweise Hotelplan, die Nummer zwei in der Schweizer Reisebranche. Obwohl ältere Leute rund einen Drittel des Umsatzes ausmachen, gibts keine speziellen «Oldies»-Angebote. «Niemand will als Senior angesprochen werden», meint Mediensprecher Hans-Peter Nehmer. «Aber wir haben natürlich Angebote im Programm, die gezielt auf die Bedürfnisse älterer Menschen ausgerichtet sind.» Sehr wichtig seien gute Organisation, Komfort, Betreuung, Sauberkeit und Sicherheit.
Kunden wie du und ich
Ähnlich klingt es beim Branchenleader Kuoni (Konzernumsatz 1999: 3,5 Milliarden Franken). Pressesprecherin Silvia Behofsits ist zudem überzeugt: «Viele Senioren wollen gar nicht ausschliesslich mit andern Senioren reisen.» Auch für Roland Schmid, Pressesprecher von TUI Suisse (Imholz, TUI, Vögele AG), sind ältere Menschen Kunden wie alle andern. «Ich habe noch nie jemanden gehört, der gesagt hat: Seht her, ich bin ein Senior.»
Hauptsache, sie buchen auch weiterhin. Und das möglichst bis ins hohe Alter. So wie die 92-jährige Erica Hofmann. Sie ist schon dreimal nach China gereist. Zuletzt vor zwei Jahren, ganz allein. «Heute kann man so einfach reisen. Man setzt sich ins Flugzeug und schon ist man da.»
© Beobachter Ausgabe 19 vom 13. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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