Sexualität: Pannen bei der Potenz

Text:
  • Cornelia Schürer-Maly
Ausgabe:
22/98

Wie weiter, wenn «er» nicht mehr seinen Mann steht beim Sex? Scham ist fehl am Platz - den meisten Männern kann geholfen werden.

Potenz ist das Gütesiegel der Manneskraft. Wenn sie versagt, muss Hilfe her. Ob spanische Fliege, Yohimbin, Nashornpulver oder Voodoo-Zauberei: Potenzaufputscher haben seit Jahrhunderten weltweit Hochkonjunktur. Viagra ist lediglich der jüngste Hit.

Neu sind die Probleme mit der Impotenz nicht. Aber: Man(n) spricht zunehmend darüber, und das ist bereits ein wichtiger Schritt bei der Problemlösung. Wollen und nicht können stürzt den Mann in eine tiefe Krise. Uber Scham, Wut und Enttäuschung können oft auch die aufmunternden Worte und das Verständnis der Partnerin nicht hinwegtrösten. Die Angst, dass es beim nächsten Mal wieder nicht klappt, nistet sich ein. Die Selbstachtung bekommt einen Knacks - Depressionen und Spannungen in der Partnerschaft sind oft die Folge.

Den Arzt aufsuchen
Ungefähr ein Viertel aller Männer über 50 leiden unter Erektionsstörungen, der sogenannten erektilen Dysfunktion - und das Impotenzrisiko steigt mit zunehmendem Alter.

Die meisten Betroffenen versuchen mit dem Frust, dass Sex nur noch als schöne Erinnerung besteht, allein fertig zu werden. Nur etwa zehn Prozent suchen ärztliche Hilfe - leider. Dieter Hauri, Direktor der urologischen Klinik am Universitätsspital Zürich: «Erektionsausfall ist eine Krankheit wie jede andere auch und hat meistens organische Gründe. Dass sich psychische Probleme dazugesellen, ist verständlich.» Ärztlicher Rat ist also angezeigt.

Das männliche Glied ist ein elastisches Organ. Der Grund für sein Anschwellen sind meist die Reize eines weiblichen - oder männlichen - Gegenübers. Sie bewirken via Nervenbahnen und Ausschüttung des Hormons Testosteron eine Erweiterung der Arterien im Penis: Die zwanzigfache Menge Blut strömt hinein.

Gleichzeitig verengen sich die Abflusswege, die Venen. So entsteht ein Blutstau. Aufgefangen wird dieser in den drei Schwellkörpern, die den grössten Teil des Penis ausmachen. Die Folge: Das Glied wird steif. Vieles kann diesen komplizierten Vorgang stören. Leistungsdruck, Stress und Ubermüdung sind Gründe, die fast jeder Mann kennt.

Diverse Potenzkiller
Häufiger sind jedoch organische Ursachen. Krankheiten wie Diabetes, Arteriosklerose, multiple Sklerose und chronisches Nierenversagen können mit Erektionsproblemen einhergehen. Potenzschwächend wirken sich aber oft auch psychische Beschwerden, Prostataoperationen oder Röntgenbestrahlungen aus.

Zudem führen bestimmte Medikamente vielfach zu Erektionsproblemen - typische Beispiele sind Psychopharmaka oder Mittel gegen hohen Blutdruck. Weitere Potenzkiller sind zuviel Alkohol und starkes Rauchen.

Die Momente der männlichen Machtlosigkeit müssen kein unabwendbares Schicksal bedeuten. Scham und Selbstvorwürfe sind also fehl am Platz. Betroffene sollten mit ihrem Arzt über die Erektionsprobleme reden. Auch Ärztinnen haben dafür Verständnis.

Eingriffe selten nötig
Gemeinsam müssen Arzt und Patient nach der Wurzel des Ubels suchen. Manchmal bringt die Behandlung einer organischen Grundkrankheit auch die sexuelle Kraft wieder zurück. Ebenso hilfreich kann eine Psychotherapie sein, wenn die Ursache der erektilen Dysfunktion im seelischen Bereich liegt. Operative Eingriffe und Hormonspritzen zur Wiederherstellung der «Standfestigkeit» sind ganz selten nötig. Nur wenig Patienten haben ihre Potenzschwierigkeiten wegen Testosteronmangels. In den meisten Fällen wirksam sind hingegen mechanische «Stehhilfen» - zum Beispiel eine Vakuumpumpe. Sie wird vor dem Geschlechtsverkehr über das Glied gestülpt. Dann wird die Luft abgepumpt. Durch den entstehenden Unterdruck strömt Blut in den Penis - er wird steif.

Gespritzte Erektion
Seit einiger Zeit gibt es auch Medikamente, die der Patient selber in die Schwellkörper des Penis einspritzen kann. Die Erektion dauert bis zu einer Stunde.

Neuerdings werden diese Mittel auch als dünne Zäpfchen in die Harnröhre eingeführt. Noch einfacher und weniger unerotisch wird die Handhabung sein, wenn die Schwellsubstanzen einmal als Creme zum Auftragen erhältlich sein werden. Doch das ist heute noch Zukunftsmusik, denn diese neuen Potenzsalben sind erst in der medizinischen Testphase.

«Blaue Wunderpille»
Derzeit raubt die Potenzpille Viagra vielen Männern den Schlaf. Sie ist wirksam - aber auch sehr teuer. Und: Die blaue Wunderpille kann unerwünschte Nebenwirkungen hervorrufen - vor allem bei gleichzeitiger Einnahme von bestimmten Herz- und Blutdruckmitteln.

Nicht zuletzt gilt: Sex ist kein Leistungssport. Erwartungsdruck schadet der Liebe mehr, als dass er nützt. Auch im Zeitalter von Viagra sollten traditionelle «Hilfsmittel» wie beispielsweise die richtige Atmosphäre, reichlich Zeit und Zärtlichkeit nicht vernachlässigt werden. So macht es nämlich auch den Frauen mehr Spass.

 

Buchtips zum Thema:

• Männersorgen im Klartext
Bernd Mai/ Rasso Knoller
Ratgeber-Verlag
Fr. 19.80

• Viagra - das Ende der Impotenz
Frank Collins
Scherz-Verlag
Fr. 19.90

• Liebe & Sex. Uber die Biochemie leidenschaftlicher Gefühle
Gaby Miketta/Claudia Tebel-Nagy
Rowohlt- Taschenbuch
Fr. 16.00





















© Beobachter Ausgabe 22 vom 04. Okt 1998 - Alle Rechte vorbehalten

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