Sozialeinsatz: Im Ausland Gutes tun
Mehrmonatige Sozialeinsätze im Ausland werden bei Jugendlichen immer beliebter. Doch punkto Betreuung und Kosten unterscheiden sich die Angebote gewaltig. So finden Sie das richtige Austauschprogramm.

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Ein halbes Jahr hatte Evelyne Bähler in Honduras jeden Tag nur Reis und Bohnen gegessen. «Als ich nach der Rückkehr zu Hause den Kühlschrank öffnete, war dieser voller Käse, Joghurts, Saucen, Kuchen, Wein und Früchte», erinnert sie sich. «Ich war total überfordert und wusste nicht, was ich essen sollte.»
Evelyne Bähler organisierte während ihres sechsmonatigen Sozialeinsatzes in Südamerika unter anderem Freizeitprogramme für Strassenkinder und bot ihre Hilfe überall dort an, wo sie benötigt wurde. Nach dem Wirbelsturm «Mitch» und dem anschliessenden Hochwasser hatte sie alle Hände voll zu tun. Evelyne Bähler: «Wichtig war auch der enge Kontakt mit meiner Gastfamilie. Der Abschied von ihr war furchtbar.»
Sozial- und Arbeitseinsätze im Ausland dauern meist mehrere Monate. Inbegriffen sind oft auch Sprachkurse sowie die Unterkunft bei einer Gastfamilie.
Auslandseinsätze sind vor allem bei Jugendlichen beliebt, die noch keine oder erst wenig Berufserfahrung haben. Cinfo, die Vermittlungsstelle für Engagements in der internationalen Zusammenarbeit und in der humanitären Hilfe, erhält pro Jahr rund 800 Anfragen von unter 25-Jährigen, die sich im Ausland sozial betätigen möchten. Cinfo berät jedoch ausschliesslich Arbeitswillige mit Berufserfahrung.
Alle anderen Interessenten werden an die Jugendaustauschorganisationen verwiesen.
Bei diesen wiederum gelten Improvisationsfreude, Belastbarkeit, Offenheit, Toleranz, ein gesundes Mass an Neugierde und Durchhaltewillen als Auswahlkriterium. Wer nur eine Fremdsprache lernen will, wird an eine Sprachschule verwiesen.
Die einzelnen Anbieter von Austauschprogrammen gehen bei der Selektion unterschiedlich vor:
- ICYE etwa klärt Motivation und Reife der Kandidatinnen und Kandidaten bei drei Vorbereitungstreffen ab.
- AFS lädt Interessierte zu einem Bewerbungsgespräch ein. Jugendliche, die zu wenig Toleranz aufbringen oder noch zu jung sind, werden abgelehnt.
- AIESEC wiederum testet die Flexibilität der Bewerber, indem sich diese auf dem Anmeldeformular nicht für konkrete Länder oder Projekte anmelden, sondern nur gewisse Regionen oder Tätigkeiten ausschliessen können.
Die Jugendlichen möchten bei einem Sozialeinsatz in der Fremde primär «etwas Gutes tun». Simone Stirnimann etwa entschied sich für die Arbeit in einem Jugendhaus und einem Regionalspital in Uruguay, weil sie als Schulabgängerin in der Entwicklungshilfe noch nicht gefragt war, sich aber trotzdem sozial engagieren wollte.
Ein Sozialeinsatz sei jedoch nicht mit Entwicklungszusammenarbeit zu verwechseln, betont Mechthild Nussbaumer, Geschäftsleiterin von Cinfo. «Sozialeinsätze sind vor allem eine persönliche Bereicherung. Die Jugendlichen leisten keine Arbeit, die Einheimische nicht auch verrichten könnten, wenn vor Ort die finanziellen Mittel vorhanden wären.» Deshalb sei es wichtig, dass Anbieter von Sozialeinsätzen diese auch als solche deklarieren.
Evelyne Bähler teilt diese Ansicht. «Die Honduraner hatten hohe Erwartungen an mich etwa dass ich die Kinder leichter zum Lachen bringe, kreativere Ideen hätte und mich besser durchschlagen könne. Sie wollten von mir lernen dabei war es genau umgekehrt. Ich profitierte von ihrer Lebenseinstellung, von ihrem Familiensinn und ihrem beeindruckenden Zusammengehörigkeitsgefühl.»
Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Sozialprogrammen müssen einfühlsam und belastbar sein. Sie sollten sich zum Beispiel rasch in eine von Armut betroffene Bevölkerung integrieren und mit schlechten hygienischen Verhältnissen leben können. Evelyne Bähler musste in sechs Monaten dreimal wegen Darmstörungen zum Arzt und sich gegen Amöben behandeln lassen. «Zuerst passt man auf, doch dann verführt einem die reife Ananas trotzdem. Zweimal geht es gut, beim dritten Mal passiert es »
Die Preise variieren markant
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer von Sozialeinsätzen arbeiten in der Regel ehrenamtlich. Sie erhalten höchstens ein Taschengeld. Selber zu berappen sind meist auch die Reise- und die Organisationskosten. Je nach Veranstalter werden die Gebühren für die Einreise-, die Aufenthalts- und die Arbeitspapiere sowie die Kosten für Versicherungen und Sprachkurse übernommen.
Im Preis inbegriffen sind zum Teil Beiträge an die internationale Organisation oder an das Gastland sowie Unterstützungsgelder für Teilnehmer aus dem Ausland, die nicht den vollen Betrag für ihren Aufenthalt in der Schweiz zahlen können. Vermittlung und Betreuung vor Ort sind bei allen Programmen enthalten, ebenso freie Unterkunft und Verpflegung.
Die höchst unterschiedlichen Leistungen der einzelnen Anbieter führen zu beträchtlichen Preisunterschieden obwohl keine der in der Schweiz niedergelassenen Organisationen Gewinne anstrebt. So kostet zum Beispiel der Einsatz ohne Reise bei SCI 270 Franken. ICYE verlangt bis zu 9400 Franken, dafür ist alles inklusive.
Viele Jugendliche suchen sich in Eigenregie einen Job in ihrem Traumland. Das ist nicht schwierig: Gemeinnützige Projekte mit geringen finanziellen Ressourcen haben immer offene Arme für Jugendliche, die entweder für Kost und Logis oder auch ohne materielle Gegenleistung ihre Arbeitskraft anbieten.
Bei Sozialeinsätzen in Eigenregie setzt Cinfo jedoch Fragezeichen. «Wer ohne Bezahlung arbeitet, obwohl auch Einheimische die Arbeit erledigen könnten, zementiert Strukturen, die keine eigenständige Entwicklung fördern», sagt Mechthild Nussbaumer. «Es ist wichtig, dass solche Einsätze von Organisationen begleitet und kontrolliert sind. Nur so können sie sinnvoll den lokalen Gegebenheiten angepasst werden und langfristig einen Beitrag zu einer eigenständigen und nachhaltigen Entwicklung liefern. Ziel sollte ja sein, Arbeitsmöglichkeiten für die lokale Bevölkerung zu schaffen.»
Vorsicht vor falschen Hoffnungen
Noch mehr in den Hintergrund tritt die soziale Arbeit bei Kurzzeitprojekten von wenigen Wochen. Hier machen sich viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer falsche Hoffnungen. Wer beispielsweise zwei Wochen lang in einem Flüchtlingswohnheim einen Spielplatz baut, erhält zwar einen Einblick in den Alltag der Flüchtlinge und signalisiert ihnen, dass sich die Aussenwelt für ihr Schicksal interessiert. Doch Veränderungen können die jugendlichen Projektteilnehmer kaum herbeiführen.
Ob man über eine Organisation oder auf eigene Faust ein Auslandsengagement sucht: Wichtig ist es, den Einsatz mit realistischen Vorstellungen anzutreten und sich seriös darauf vorzubereiten.
Versicherungsschutz abklären
Vor allem sollte der Versicherungsschutz rechtzeitig vor Abreise sichergestellt werden. Abzuklären sind unter anderem die Kostenübernahme bei einer allfälligen Annullation der Reise sowie die Deckung bei Krankheit, Unfall und Diebstahl. Reicht der bestehende Versicherungsschutz nicht aus, sollten unbedingt Zusatzversicherungen abgeschlossen werden.
Wer für länger als sechs Monate ins Ausland reist, sollte sich zudem bei der Wohngemeinde über die Abmeldebestimmungen informieren. Militärpflichtige, die sich nicht länger als zwölf Monate im Ausland aufhalten, benötigen keinen speziellen Auslandsurlaub von den Militärbehörden. Steht während der Abwesenheit jedoch ein Militär- oder ein Zivilschutzdienst an, haben sie ein Gesuch um Befreiung oder Verschiebung einzureichen.
Auch alle Fragen rund ums Geld sollten frühzeitig geklärt werden: Welche Reisechecks und Kreditkarten werden im Gastland akzeptiert? Wie lässt sich im Notfall Geld von der Schweiz überweisen? Wer kümmert sich zu Hause um die Geldangelegenheiten? AHV-Pflichtige, die für längere Zeit im Ausland weilen, sollten zudem sicherstellen, dass dadurch keine Beitragslücken entstehen.
Arbeitsbewilligung einholen
Nicht zu unterschätzen ist der Aufwand, um auf eigene Faust die notwendigen Visa und Arbeitsbewilligungen zu beschaffen. Ob für Jobs im Ausland eine Arbeitsbewilligung erforderlich ist, hängt davon ab, wie das jeweilige Land die Erwerbstätigkeit definiert. Auch wenn die Entlöhnung nur aus Kost und Logis besteht, kann eine Arbeitsbewilligung erforderlich sein. Informationen dazu sind bei den ausländischen Botschaften in der Schweiz erhältlich.
© Beobachter Ausgabe 11 vom 26. Mai 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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