Sport: Kaputte Körper kosten Milliarden
Leistungswahn und exzessives Training fordern ihren Preis: 250000 Sportverletzte pro Jahr verursachen Gesundheitskosten von 1,8 Milliarden Franken - und die Zahl der Opfer nimmt rapide zu.
Wenn der Arm eines Fussballers vor der Weltmeisterschaft bricht und das Opfer Ike Shorunmu heisst, dann erfährt die Öffentlichkeit jedes Detail: «Beeindruckende Szenen» hätten sich am 8. Mai in der Kabine des FCZ abgespielt, nachdem der nigerianische Torhüter vor der Halbzeitpause verunfallt war, berichtete der «Tages-Anzeiger». Shorunmu sei auf dem Boden gelegen und habe geweint. Keiner habe etwas gesagt, «es herrschte völlige Stille».
Kein Wunder, interessierten sich die Journalisten für Shorunmus Unfall. Der 31jährige war der Wunschgoalie der nigerianischen WM-Nationalmannschaft. Sein Unfall war von Bedeutung, aber beileibe nichts Aussergewöhnliches. Sportunfälle sind an der Tagesordnung - nicht nur vor der WM und längst nicht nur im Fussball. Nur selten allerdings sorgen sie für Schlagzeilen.
«Sport ist gesund», sagt der Volksmund. Doch die Statistiken der Unfallversicherungen zeigen ein ganz anderes Bild. Sicher: Niemand bestreitet, dass körperliche Ertüchtigung den Kreislauf in Schuss hält, doch Leistungssport und Fitnesswelle haben eine teure Kehrseite. So registrierte die Sammelstelle für die Statistik der Unfallversicherung UVG (SSUV) allein für das Jahr 1996 nicht weniger als 147371 Sportunfälle mit Verletzungen. Und diese Zahl umfasst nur Personen, die UVG-versichert sind. Wenn Kinder, Studierende, Senioren sowie andere nicht berufstätige Männer und Frauen beim Sport verunfallen, wird das statistisch nicht erfasst.
170 Tote in einem Jahr
Die Schweizerische Beratungsstelle für Unfallverhütung
(bfu) versuchte, das effektive Unfallgeschehen für das Jahr
1994 auf die Gesamtbevölkerung hochzurechnen. Das erschreckende
Resultat: rund 245000 Sportunfälle, 170 davon mit Todesfolge.
Spitzenreiter ist der Fussballsport mit 70000 Unfällen, gefolgt
vom Alpinskifahren (52000 Unfälle) und vom Wassersport (14000).
Beim Wassersport ereigneten sich sogar die meisten Todesfälle
(70), dicht gefolgt vom Bergsport mit 60 Toten. 20 Menschen starben
bei Skiunfällen, 20 weitere bei anderen Sportarten.
Auf insgesamt 1,8 Milliarden Franken schätzt die bfu die volkswirtschaftlichen Kosten der Sportunfälle. Das sind 1800 Millionen Franken, die für Heilung, Wiedereingliederung, Produktionsausfälle, immaterielle Schäden (Genugtuungsleistungen) und anderes ausgegeben werden - und zwar jährlich! Zum Vergleich: Fachleute beziffern die volkswirtschaftlichen Schäden des Rauchens mit 300 bis maximal 500 Millionen Franken pro Jahr. Und dies bei gleich vielen Akteuren: Rund ein Drittel der Bevölkerung raucht, rund ein Drittel treibt aktiv Sport.
Von solchen Zahlen spricht man in der fitnessbesessenen Gesellschaft nicht gerne. Oder die hohe Gesamtzahl von Sportunfällen wird mit der Behauptung verharmlost, die meisten Unfälle verursachten nur Bagatellverletzungen ohne bleibende Folgen.
Junge belasten die Kassen
«Fünf Prozent der Unfälle verursachen 80 Prozent der Kosten»,
bestätigt zwar Alois Isenegger von der Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt
(Suva). Immerhin: Die bfu setzt in ihren Berechnungen pro Verletzten
durchschnittlich 5900 Franken ein. Bei den Todesfällen mussten
die Kosten mit zwei Millionen Franken pro Fall im Vergleich zu
anderen Unfallarten sogar eher hoch angesetzt werden. Der Grund:
Bei den Betroffenen handelt es sich meist um junge Menschen mit
entsprechenden Karriere- und Lebenschancen.
Suva-Mann Alois Isenegger kennt das Problem Sportunfall nicht nur aus seiner beruflichen Tätigkeit. Er war bis vor kurzem auch Sekretär des Eidgenössischen Schwingerverbands. In dieser Sportart haben sich letztes Jahr gleich zwei schwere Unfälle ereignet. Im April 1997 brach sich der 19jährige Nachwuchsschwinger Daniel Rytz beim Basellandschaftlichen Kantonalen in Oberwil den fünften Halswirbel und ist seither querschnittgelähmt. Kaum hatten seine Kameraden am 1. August 1997 ein Benefizschwingen für Rytz veranstaltet, traf es am kantonalen Jungschwingertag in Rotkreuz ZG den fast gleichaltrigen Toni Schillig. Auch er landete mit Querschnittlähmung im Paraplegiker-Zentrum Nottwil.
Während Toni Schillig nicht über seinen Unfall sprechen möchte, gibt sich Daniel Rytz optimistisch: «Meine Einstellung zum Sport hat sich durch den Unfall nicht geändert. Das kann immer passieren, auch ausserhalb des Sports.» Bereits plant Rytz eine zweite Sportkarriere - als Rennrollstuhlfahrer.
Immer mehr Schwerverletzte
Die Fälle Rytz und Schillig liegen leider im Trend: Sportunfälle
mit schwerwiegenden Folgen mehren sich. Das zeigen unter anderem
die Einsatzstatistiken der Schweizerischen Rettungsflugwacht (Rega).
Besonders schlimm ist es im Winter: 1997 flog die Rega 847 schwerverletzte
Alpinskifahrer und 290 Snowboarder von den Pisten in die Spitäler.
Zwei Jahre zuvor waren es noch 653 Skifahrer und 133 Boarder.
Aber auch im Sommer zeigen die Unfallzahlen wieder steil nach oben. «Anfang der neunziger Jahre stieg die Zahl der Bergtoten rapide an», sagt Rega-Sprecher Roland Linder. Unter anderem eine Folge der Öffnung im Osten. Viele schlechtausgerüstete Bergsteiger aus den ehemaligen Ostblockstaaten bliesen zum Sturm auf die Gipfel. Inzwischen ist die Ausrüstung besser geworden. Roland Linder: «Das Bild vom Turnschuhkletterer am Matterhorn stimmt nicht mehr.» Entsprechend ist die Zahl der Toten von 149 (1991) auf 98 (1996) gesunken.
Der positive Trend erwies sich jedoch nur als Zwischenhoch. Verregnetes Wetter im Juni und Juli sorgte im letzten Sommer für ein erneutes Ansteigen der Bergunfälle. «Als es endlich schön wurde, setzte ein regelrechter Run auf die Berge ein», sagt Linder. Mit verheerenden Folgen: 1997 starben in den Schweizer Alpen wieder 123 Menschen, 25 Prozent mehr als im Vorjahr.
Je nach Wetter steigt die Unfallgefahr auch bei ganz banalen Freizeitsportarten. Heisse Sommertage locken auch ungeübte Schwimmer ins kühle Nass, während ein nasskalter Sommer mehr die Putz- als die Rettungskünste der Bademeister erfordert. Und wenn ein Grümpelturnier bei «durstigem Wetter» durchgeführt wird, strauchelt manch bierseliger Hobbykicker auch schon mal über die eigenen Beine.
Profis gehen voll auf Risiko
Lassen sich die Risiken für Sportunfälle noch mit nackten
Zahlen illustrieren, so sieht das bei Langzeitschäden durch
chronische Uberbeanspruchung und exzessives Training anders
aus. Ein Opfer schleichender Körperschädigung ist der
Ex-Fussballprofi Dominique Herr, der 1996 nach einer glanzvollen
Karriere als Topskorer der Nationalmannschaft die Fussballschuhe
an den Nagel hängen musste. Es begann mit starken Kopfschmerzen.
Dann stellten sich Konzentrationsschwächen und gravierende
Gedächtnislücken ein. Als Ursache des Leidens wurden
die vielen Kopfzusammenstösse in Luftkämpfen lokalisiert.
«Ich bin invalid», sagt der 33jährige heute.
Dennoch hat sich auch Dominique Herrs Einstellung zum Sport nicht generell geändert. «Als Spitzensportler muss man Risiken in Kauf nehmen. Wer sich davor scheut, hat keine Chancen, nach oben zu kommen.» Es sei es sehr heikel, zu Verletzungen zu stehen: «Man steht unter dem enormen Druck, schnell wieder fit zu sein. Schliesslich will man ja nicht seinen Stammplatz in der Mannschaft verlieren.»
Als prominenter Spitzensportler mit ernsthaften gesundheitlichen Problemen steht Herr nicht allein da. Er weiss von einigen Kollegen, die ebenfalls kurz vor dem erzwungenen Rücktritt stehen. Vor ihm erwischte es die FCZ-Legende Rene Botteron mit ähnlichen Problemen. Im Tennis kämpft Steffi Graf verbissen mit ihrem malträtierten Knie. Radprofi Alex Zülle ignoriert seine vielen sturzbedingten Schlüsselbeinbrüche vorderhand noch erfolgreich: Am diesjährigen Giro d'Italia startete er als Leader. Bei all diesen Fällen ist zwar nicht ein einzelnes Ereignis die Ursache der Gesundheitsprobleme. Sicher ist aber, dass sie vom Sport herrühren.
Das ist beileibe nicht immer der Fall. Ueli Müller, Präsident des Konkordats der Schweizerischen Krankenversicherer: «Wenn einer mit 60 ein neues Kniegelenk braucht, so kann man nicht mehr eruieren, ob die Abnützung von der Arbeit oder vom Sport herrührt.» Solche Fälle werden auch in keiner Statistik über Sportverletzungen erfasst. Auch versicherungsmässig handelt es sich in solchen Fällen um Krankheiten, die von den Krankenkassen bezahlt werden müssen, und nicht um Nichtberufsunfälle, die von Unfallversicherungen gedeckt sind.
«Wir besitzen keinerlei Zahlenmaterial über das Ausmass von Spätschäden des Sports», bedauert Ueli Müller. «Dennoch wissen wir, dass Sport ein wesentlicher Faktor bei der Prämienexplosion ist.» Müller macht eine einfache Rechnung: «Sporttreibende sind zwar insofern gesünder, als sie eher älter werden als Nichtsportler. Aber sie müssen auch häufiger repariert werden.»
Mittlerweile befasst sich auch die Sportmedizin vermehrt mit nicht unfallbedingten Gesundheitsrisiken des Sports. Dass Uberbeanspruchung vor allem in Ausdauersportarten wie Krafttraining, Aerobic oder Marathonlauf auf die Dauer schädlich ist und zudem das Leistungsniveau eher senkt als hebt, ist zwar seit langem bekannt. Besser erforscht sind heute aber die konkreten Auswirkungen von Ubertraining auf den Organismus.
So zählt der deutsche Sportmediziner Ludwig V. Geiger, Verbandsarzt im bayerischen und deutschen Skiverband, in seinem Buch «Uberlastungsschäden im Sport» viele Fakten an, die zu denken geben. Ubertraining führe, so Geiger, zu Fehlfunktionen des Muskel-Energie- und des Herz-Lungen-Systems. Die Folgen: Muskelschwäche, Krampferscheinungen, Koordinationsstörungen, hormonelle Verschiebungen, Neigung zu Kollapszuständen, Hyperventilation.
Durch extremes Training kann sogar das Immunsystem geschädigt werden. Ludwig V. Geiger weist nach, dass die bei vielen Spitzenathleten beobachtete Neigung zu hartnäckigen Infektionen der oberen Luftwege auf dieses sogenannte Immunsuppressionssyndrom zurückzuführen ist. Während erwartet werden darf, dass sich solche wissenschaftlichen Erkenntnisse auf die Betreuung von in Vereinen oder Verbänden organisierten Spitzensportlern und -sportlerinnen auswirken, dürfte es noch lange dauern, bis sie auch den Weg in den Breitensport finden. Exzessives Training ist voll im Trend und vor allem in der Fitnessszene oft die tragende Philosophie.
Vom Fitnessstar zum Wrack
Selbst prominente Vorbilder der Fitnesskultur, die bereits dem
Spitzensport zuzurechnen sind, senden in dieser Hinsicht unklare
Signale an ihre Anhängerschaft. So bekannte zwar die Schweizer
Fitness-Queen Tanja Baumann gegenüber der «Weltwoche»:
«Ich bin ein Wrack.» Jahrelang hatte sie alle Warnzeichen
überhört, bis sie das Training reduzieren musste. Fast
gleichzeitig erschien aber in der «Schweizer Illustrierten»
ein Interview mit Baumann. Darin antwortet sie auf die Frage,
warum sie täglich drei bis vier Stunden trainiere: «Mein
Training gibt mir Kraft und ein gesteigertes Selbstwertgefühl;
die dabei ausgeschütteten Endorphine werden nicht umsonst
Glückshormone genannt.»
Dass Aerobic Suchtpotential hat, gilt heute als eine Tatsache - besonders wenn der Sport mit einer Neigung zur Magersucht einhergeht. Verletzungen sind nicht selten eine direkte Folge von Uberbeanspruchung im Training. So kommt es oft zu Ermüdungsbrüchen, die auf eine hormonell bedingte Veränderung der Feinstruktur und Dichte der Knochen zurückzuführen sind.
Ubrigens: Hin und wieder erfährt die Öffentlichkeit auch von Sportunfällen, die nichts mit Prominenten und nichts mit Fussball zu tun haben. Ein solcher Unfall ereignete sich diesen Frühling im italienischen Siena. Ein leitender Bankangestellter erklomm als «Batman» verkleidet seine Schlafzimmerkommode, um von dort auf seine ans Bett gefesselte Geliebte zu springen. Der sportliche Liebhaber verfehlte sein Ziel, brach sich beim Aufprall auf dem Fussboden einen Arm und wurde ohnmächtig.
© Beobachter Ausgabe 12 vom 18. Mai 1998 - Alle Rechte vorbehalten









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