Streiks: Der neue Kampfgeist der Schweizer Arbeiter
Nach Jahren des Lohndrucks und der Massenentlassungen wächst auch hierzulande die Streiklust – und der Protest wird ernst genommen: Die Arbeitgeber zeigen Verständnis für den Frust der Arbeiter und Angestellten.

Nebenartikel
Vor Morgengrauen war der ganze Spuk vorbei. Von 5.15 bis 6 Uhr blockierten die Fahrer der St. Galler Verkehrsbetriebe die Busdepots. Damit wehrten sie sich gegen die Reduktion der Pausen und der Zeitgutschrift für Nebenarbeiten.
Mit dem als «Nadelstich» und «Blitzstreik» deklarierten Anlass wollten die Chauffeure «nicht die Fahrgäste belästigen, sondern den Stadtrat zum Einlenken bewegen». Deshalb durfte auf jeder Buslinie ein Frühkurs passieren, damit ja kein Kunde den Zug verpasst.
Kurzstreiks werden salonfähig
Die Episode ist typisch für die letzten anderthalb Jahre. Landesweit kokettieren frustrierte Angestellte mit dem Kampfmittel Streik – begnügen sich aber mit kürzeren Aktionen oder längeren Pausen. Kein Wunder: Nach 60 Jahren Arbeitsfrieden fehlt dem Land die Kampftradition, zumal auch in der Verfassung bis vor kurzem kein Streikrecht festgehalten war. «Selbst die Arbeiter glauben, dass ein Streik volkswirtschaftlich ein Unsinn ist», bemerkte unlängst der Historiker Hans Ulrich Jost.
Doch die Stimmung ist geladen. Druck und Uberstunden ohne Lohnausgleich, Kahlschläge wie bei Adtranz oder Fusionen mit Entlassungen heizen das Klima in den Büros und Werkhallen an. «Momentan ist ein Wiederaufbau des kämpferischen Bewusstseins im Gang», sagt Paul Rechsteiner, Präsident des Gewerkschaftsbunds (SGB).
Die Gründe dafür sind für die Gewerkschaften klar. «Mit fragwürdigen Tricks werden erfolgreiche Industriefirmen verschachert, umstrukturiert, demontiert und ans Ausland verscherbelt», sagt Christiane Brunner, Präsidentin der Metallgewerkschaft Smuv. Ernst Leuenberger, Chef der Eisenbahnergewerkschaft, spricht von «Shareholderei». «Das soziale Klima hat sich verschlechtert. Die modernen Firmenphilosophen nehmen keine Rücksicht mehr auf Standort und Belegschaft.»
Die «verhärtete Haltung der Arbeitgeber» beklagt auch Vasco Pedrina, Präsident der Gewerkschaft Bau und Industrie GBI. Die neue Managergeneration habe die Entstehung der Gesamtarbeitsverträge nicht erlebt. Für sie seien Gewerkschaften «ein reiner Störfaktor». Wie stark der Kampfgeist nach Jahren der Angst plötzlich wieder ist, hat sogar Pedrina überrascht: «Zum ersten Mal werde ich von der Basis links überholt.»
Bisher galten die Schweizer Arbeitnehmer als Streikmuffel. Nicht ohne Grund: Das 1937 in der Maschinen- und Metallindustrie geschlossene Abkommen begründete einen landesweiten Arbeitsfrieden. Laut Vertrag sind «jegliche Kampfmassnahmen ausgeschlossen». Die Arbeiter verzichteten auf den Streik, die Firmen auf die Aussperrung. Das war in den Wachstumsjahren gut für alle – oder fast alle: Die Gewerkschaften verloren in dieser Zeit an Kraft und Einfluss.
Doch damit ist jetzt Schluss. Die Arbeiterschaft probe «die Rückkehr zur Normalität», sagt Paul Rechsteiner. «Unter der faschistischen Bedrohung machte der Arbeitsfriede durchaus Sinn.» Heute aber sei es «selbstverständlich, dass vom Kampfmittel des Streiks Gebrauch gemacht werden darf». Immerhin: Seit Anfang Jahr gilt eine neue Bundesverfassung, die erstmals auch das Streikrecht festschreibt.
Solche Aussagen hören die Arbeitgeber ungern. «Streik ist letztlich ein archaisches Mittel, weil damit andere geschädigt werden sollen», sagt Peter Hasler, Direktor des Arbeitgeberverbands. Er hat den Eindruck, dass sich die Gewerkschaften mit dem Säbelrasseln «vor allem bei ihren Mitgliedern profilieren wollen».
Das Verhältnis zwischen den Patrons und deren Belegschaft sei «insgesamt unverändert gut», glaubt Hasler. Doch auch er stellt fest, «dass die Firmen nicht mehr so grosszügig sind wie früher». Deshalb mahnt der Arbeitgeberdirektor die Chefetagen immer wieder, den Geldbeutel zu öffnen und «ihren Angestellten nach Jahren der Rezession danke zu sagen.»
Arbeitgeber geben sich versöhnlich
Versöhnliche Töne kommen auch vom Handels- und Industrieverein (Vorort). In seinem Dezemberbericht zur Wirtschaftslage legt er den Firmen ans Herz, bei Um- und Abbauplänen «soziales Augenmass» zu bewahren. Nur so bleibe der freie Markt beim Volk anerkannt. Pointierter sagt es GBI-Chef Vasco Pedrina: «Wenn es uns nicht gelingt, mit einer breiten sozialen Bewegung Gegensteuer zu geben, dann ist der soziale Friede in Gefahr.»
Der ganz grosse Klassenkampf ist indes nicht in Sicht. Ein paar medienträchtige Einzelfälle seien noch kein Aufstand, sagt der Berner Politologieprofessor Klaus Armingeon. Der bisher geltende Arbeitsfrieden habe die Schweizer Wirtschaft zwar vor «Stress und Konflikten bewahrt und viel Innovationskraft freigesetzt», so Armingeon. Doch das jetzt aufkeimende Aufbegehren der Angestellten sei noch lange keine politische oder wirtschaftliche Katastrophe, sondern «in einer Demokratie normal und legitim».
Das denken inzwischen auch viele Angestellte. «Würden Sie einen Streik unterstützen, wenn Ihr Arbeitsplatz vor dem Abbau stünde», wollte der «Sonntags-Blick» letzten November in einer Umfrage wissen. 49 Prozent sagten Ja, 42 Prozent Nein, und 9 Prozent waren unschlüssig.
Eine neue Ära des Arbeitskampfs wünscht sich dennoch niemand. «Streik ist weder eine Sonntagsschule noch ein gewerkschaftliches Steckenpferd», sagt GBI-Mann Vasco Pedrina. Jeder Ausstand sei für beide Seiten riskant und teuer und werde nur erwogen, «wenn die menschliche Würde und die soziale Existenz entscheidend bedroht sind». Ob sich die Firmenchefs und Manager das hinter die Ohren schreiben?
© Beobachter Ausgabe 1 vom 07. Jan 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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