Striptease: Erotik jetzt nur noch ohne Exotik

Text:
  • Ueli Zindel
Ausgabe:
18/00

Euro-Striptease: Seit 1. Juli gilt im Kanton Aargau eine strenge Bewilligungspraxis für Cabaret-Tänzerinnen. Zugelassen sind nur noch Europäerinnen. Eine Regelung mit zweideutigen Folgen.

Die Lichter waren nie sehr hell. An einigen Orten sind sie jetzt ganz ausgegangen. Von den 27 Cabarets, über die der Kanton Aargau noch diesen Sommer verfügte, sind elf übrig geblieben. «Die Branche ist grösstenteils ruiniert», sagt René Köbeli vom Interessenverband der Cabaret-Betreiber.

Was ist geschehen? Auf Grund eines regierungsrätlichen Entscheids wurde die Bewilligungspraxis für Stripteasetänzerinnen drastisch eingeschränkt. Laut Köbeli befinden sich die Betriebe «im Würgegriff der Administration»: Zugelassen werden neuerdings nur noch Tänzerinnen aus EU- und Efta-Staaten.

Noch im Juli 1999 strippten im Aargau 133 Frauen aus Asien, Afrika und Süd- und Mittelamerika. «Die kantonale Beratungsstelle war vermehrt mit Klagen Betroffener konfrontiert worden», begründet Martin Saxer, Chef der Sektion Arbeitsbewilligungen der Fremdenpolizei des Kantons Aargau, den Entscheid: «Gegenstand der Klagen waren unberechtigte Lohnabzüge, viel zu kleine Zimmer, Zwang zur Animation, zum Alkoholkonsum. Aussereuropäische Frauen können sich viel weniger wehren.»

Auch andere Kantone restriktiv

Der Aargau ist nicht der erste Kanton, der diese restriktive Regelung eingeführt hat. Bereits 1995 hatte St. Gallen diese Weisung durchgesetzt. Es folgten der Thurgau und Appenzell Ausserrhoden. Laut Bundesverordnung ist jeder Kanton frei, die national geltende Regelung zu verschärfen.

Die Regelung des Bundes ist differenziert – und kompliziert. Artikel 20, Absatz drei der Verordnung für die Begrenzung der Zahl von Ausländern definiert «Cabaret-Tänzerinnen» als «Personen, die sich in einer musikalischen Darbietung ganz oder teilweise entkleiden. Sie haben ihre Darbietungen jeden Abend mehrere Male vorzutragen.»

Ende 1995 wurde die Höchstzahl der Tänzerinnen pro Lokal festgelegt: nämlich auf sechs. Das Programm des Etablissements muss laut Bundesamt für Ausländerfragen acht Stunden umfassen, «mit einer Darbietung alle 15 Minuten, ausgeführt durch Tänzerinnen, die sechsmal pro Abend, das heisst alle 80 Minuten» auftreten, und zwar «an sechs Tagen pro Woche». Bis eine Tänzerin ihre Arbeitsbewilligung erhält, müssen zahlreiche Hürden genommen werden. Die Erlaubnis wird pro Kalenderjahr für maximal acht Monate erteilt; die Frauen müssen im Voraus Tanzverträge für mindestens drei Monate vorlegen können.

Laut Christoph Müller, Chef Informationsdienst des Bundesamts für Ausländerfragen, ist es dieser komplexen Weisung zu verdanken, dass der Anteil an nichteuropäischen Tänzerinnen in den letzten zehn Jahren erheblich zurückgegangen ist. Die Statistik gibt ihm Recht. Ende 1999 waren in der Schweiz laut zentralem Ausländerregister 1680 ausländische Tänzerinnen angestellt; 1071 – ganze zwei Drittel von ihnen – stammten aus Europa.

Starker Anstieg der Prostitution

Zehn Jahre zuvor lagen die Verhältnisse erheblich anders. Die Gesamtzahl der Tänzerinnen (Europäerinnen und Nichteuropäerinnen) lag um rund einen Drittel tiefer. Der Anteil der Nichteuropäerinnen aber betrug damals satte 75 Prozent.

Nun sind die Europäerinnen im Kanton Aargau also unter sich. «Es war die einzige Lösung», erklärt der zuständige Regierungsrat Kurt Wernli: «Wenn es uns nicht gelingt, die Tänzerinnen aus der dritten Welt vor Missbräuchen zu schützen, bleibt nur dies: Ihnen einfach keine Arbeitsverhältnisse mehr zu bewilligen.»

Christoph Müller vom Bundesamt für Ausländerfragen ist da skeptisch: Die strengere Gangart der einzelnen Kantone werde sich auf Bundesebene kaum durchsetzen. Denn oft tauchen die nicht mehr erwünschten Tänzerinnen einfach ab – in die Prostitution. Tatsächlich melden verschiedene Kantone einen erheblichen Anstieg in diesem Bereich. Christoph Müller: «Die restriktive Auslegung drängt die Tänzerinnen in die Illegalität.»

© Beobachter Ausgabe 18 vom 03. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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