Studentinnen: «Bierschweine» in dunklen Blazern

Text:
  • Bernadette Conrad
Ausgabe:
2/00

An der Hochschule St. Gallen gibt es seit einiger Zeit eine reine Frauenverbindung. Es ist die erste ihrer Art. Und sie hat erstaunlichen Erfolg.

Die Tür fliegt auf, die Fuxen kommen. «Sali zemme!» Die Augen von Nala, Stephanie Vogel, und Ermelyn, Barbara Braendli, leuchten. Ihre langen Mähnen sind fein säuberlich unter den flotten Mützen arrangiert. Küssli rechts, Küssli links. Je drei für die Präsidentin Lysha, drei für Zelda, von deren Hütli ein Fuchsschwanz baumelt. Es ist Zeit für den Fuxenunterricht: Erziehung und Ausbildung der Neulinge in der Verbindung.

Donnerstagabend, eine Stunde später. Die Runde der schwarz gekleideten jungen Frauen von der Akademischen Studentenverbindung «AV Kybelia» ist vollzählig. Wie üblich treffen sie sich im Kellerraum des «Gemsli» in St. Gallen. Fast an jedem Donnerstag im Semester gibt es einen offiziellen – oder gar hochoffiziellen – Anlass zum Festen, zur Begegnung mit anderen Verbindungen oder zur feierlichen Beförderung in einen höheren Grad.

St. Galler Studentinnenverbindung sorgt für Furore
Im April letzten Jahres wurde die erste universitäre Frauenverbindung der Schweiz gegründet, und der Zulauf ist beträchtlich. Bereits sind zehn Studentinnen der Hochschule St. Gallen Feuer und Flamme für die Kybelia, und weitere Anwärterinnen stehen auf der Matte. Die renommierte Wirtschafts-Kaderschmiede zählt nur 25 Prozent Frauen zu ihrer Studentenschaft, und unter denen sorgt dieses spezielle Projekt für Furore.

«Silentium!» Pünktlich ab acht Uhr «cum tempore» – will heissen acht Uhr fünfzehn – ist Mundart tabu. Jetzt sind Hochdeutsch und Lateinisch angesagt. Die Präsidentin ergreift das Wort. Corinne Parigi alias Lysha begrüsst ihre Verbindungsschwestern. Inzwischen sind auch Luna und Samurai eingetroffen.

Die Präsidentin wirft einen prüfenden Blick in die Runde. Das Tenü der Gruppe ist perfekt: Alle sechs sind in elegante schwarze Anzüge gekleidet, tragen weisse Blusen darunter und als einzige Farbtupfer ein schmales Band über der Brust. Und natürlich fehlt auch das Hütli nicht, ebenfalls in den Verbindungsfarben Rot-Weiss-Grün.

Zur Strafe acht mal drei Dezi Bier ex
Aber noch stimmt nicht alles. Nala und Ermelyn haben die Mützen auf, dabei sind sie «Bierschweine» und haben damit das Recht aufs Mützentragen vorerst verwirkt. Mit Vergehen wie Bierverschütten oder Zuspätkommen sind die beiden Fuxen bereits zu achtfachen Bierschweinen geworden.

Dafür gibts zur Strafe acht mal drei Dezi Bier ex – nur das wird Nala und Ermelyn aus ihrer Misere befreien können. Aber da sie diese schön langsam über einen längeren Zeitraum zu sich nehmen, können sie der einen oder anderen Verbindungsschwester zutrinken: «Blume!» heisst es dann statt «Prost!».Wehe, wenn die andere unbedacht mit dem üblichen «Zieh mit!» antwortet. Schwupp, und schon ist sie selber zum «Bierschwein» geworden. Oder noch hässlicher: zur Bierscheisserin. Und weg ist das Mützli.

Jetzt aber los: ein Willkomm den Bierschwestern, ein Willkomm den drei Interessentinnen, die heute zum Zuschauen gekommen sind. Die verstehen erst mal nur Bahnhof und sehen sich mit grossen Augen um. Was heisst schon wieder «Tempus Utile», um das Luna die «Hohe Präsidentin» gebeten hat, bevor sie den Raum verlassen hat? Muss man hier um Erlaubnis fragen, um aufs WC zu gehen? Und was meinte Nala mit dem Ausruf: «Der Stall ist cantusschwanger.»?

Erst singen, dann plaudern
Alle haben daraufhin das Liederbüchlein gezückt, genannt Cantusprügel, und dann tönte es aus vollen Kehlen: «Gold und Silber lieb ich sehr, kanns auch gut gebrauchen…» Als der letzte Ton verklungen war, fiel endlich das erlösende Wort: «Colloquium!» So heisst der Freipass fürs Plaudern, ganz wie einem der Schnabel gewachsen ist. Aber Vorsicht: Mehr als 30 «Bierminuten» Fachsimpelei ist nicht gestattet, und das ist nach normaler Zeitzählung nur eine Viertelstunde.

Verbindungsleben. Wer es nicht kennt, schüttelt den Kopf. Eine fremde Welt voller geheimer Codes, merkwürdiger Rituale und lateinischer Befehle, an der sich die Geister radikal scheiden. Hier die Angefressenen, Faszinierten, die sich mit Haut und Haar einlassen in das autoritäre System aus Hierarchien, Verpflichtungen – dort die Fassungslosen, die nicht begreifen, wie man sich in ein so strenges Regelsystem einbinden lassen kann. Tatsächlich herrschen bei der Kybelia strenge Sitten. Ob einem die Nase der neuen Verbindungsschwester passt oder nicht: Man wird einen grossen Teil seiner Freizeit mit ihr verbringen. Ob man am Montag- oder am Donnerstagabend mehr Lust auf Kino hat oder nicht: Diese Stunden gehören der Gemeinschaft. Verbindung heisst Reden, Singen, Trinken – und mehr: Verbindung heisst vor allem Verbindlichkeit.

Gerade auf die scheinen manche sehnsüchtig gewartet zu haben. Wer denkt, «Spefux» käme von «spähender Fuchs», hat nichts begriffen. Und wer dann eintreten will und das «Fuxengesuch» auf normalem Papier abfasst statt auf Wasserzeichenpapier, das auf der richtigen Seite beschriftet ist, hat erst recht nichts begriffen.

Treu bis in den Tod
Als Nala und Ermelyn im letzten Semester «Fuxen in spe», zu Deutsch: «Anfänger guter Hoffnung», waren, rauchte ihnen manchmal vor der Fülle komplizierter Ausdrücke und Rituale dermassen der Kopf, dass sie heilfroh waren, wenn die Präsidentin sie zu McDonald’s schickte, um Verpflegung zu organisieren.

Spefuxen und Fuxen gehören zum «Stall» und durchlaufen eine mindestens dreisemestrige Lehrzeit, während der sie sich bewähren müssen. Das heisst, den Älteren vom «Salon» dienen und gleichzeitig ein kompliziertes Regelwerk erlernen.

Wer antritt, tut dies «Sub Specie Aeternitatis» – im Hinblick auf die Ewigkeit. Deshalb auch das Wasserzeichenpapier. «Wenn wir die Gesuche abheften, sollen sie auch in zwanzig Jahren noch schön aussehen», erklärt Präsidentin Corinne Parigi. Die Verbindungsschwestern haben die Zukunft fest im Blick. Statt den Lauf der Dinge dem Zufall zu überlassen, binden sie sich früh ein in ein System, das alle Etappen des Studentenlebens, alle markanten Punkte des gesamten Lebenslaufs symbolisch betont. Ob am Ende der studentischen Karriere oder vor dem Traualtar: Immer werden die Verbindungsschwestern und -brüder dabei sein, mit der Fahne und im vornehmsten Verbindungskleid, dem Vollwix, treu bis zum Tod.

Noch aber steht die Kybelia ganz am Anfang. Aber der ist viel versprechend. «Die Verbindung ist ein voller Erfolg», strahlt «Gründungsmutter» Parigi. Der Name erinnert an die «grosse Mutter» Kybele aus der griechischen Mythologie. Zur hochoffiziellen Gründung waren die Männerverbindungen von B wie Bodania bis S wie Steinacher erschienen, auch die gemischte Verbindung Notkeriana war präsent. «Wir mussten uns gerade gegenüber den Männerverbindungen beweisen», sagt Corinne Parigi. «Inzwischen zählen wir mit der Bodania zu den Strengsten.» In ihrer Stimme schwingt Stolz mit.

Minijupe, nein danke!
Halbe Sachen duldet die Präsidentin nicht: «Wir sind kein Damenkränzchen, sondern wir haben uns voll der Pflege der Verbindungstraditionen verschrieben.» Minijupe und Stöckelschuhe? «Auf keinen Fall!» Selbstbewusst treten sie auf, die Kybelia-Frauen. «Konservativ in unseren Werthaltungen, sicher, das sind wir. Aber das heisst ja nicht, weniger gut zu sein als die Männer.»

So gut wie die Männer. Das gefiel auch der 28-jährigen Juradoktorandin Jacqueline Wismer. Sie erfuhr von der Gründung der Kybelia, als ihre Tage an der Universität St. Gallen schon gezählt waren. So ergriff sie die Möglichkeit, die ihr blieb – nämlich im Rang einer «Extralokalen Konkneipantin» einzusteigen. Wenigstens dann und wann bei Stämmen und Anlässen dabei zu sein, das hatte sie gelockt.

Jacquelines Taufe steigt an einem Donnerstag im Juli. Die Sommersonne brennt auf die schwarzen Anzüge. Keinesfalls darf man sich der Blazer entledigen, auch wenn der Schweiss fliesst. Die riesigen blauen Augen der Anwärterin sind noch grösser als sonst. Noch weiss sie nicht, was ihr bevorsteht.

Zwanzig Minuten später ist der Spuk vorbei: Jacquelines lange Haare triefen. Sie schnappt nach Luft. Das mag entweder an der rot-weiss-grünen Likörkombination Marke Kybelia liegen oder daran, dass Corinne Parigi ihren Kopf dreimal vollständig unters Wasser des Stadtbrunnens gedrückt hat. Wie es sich für eine Taufe gehört, hat Jacqueline einen Ubernamen erhalten, der zu ihrem Wesen, ihrer Persönlichkeit passen soll. Aus Jacqueline ist Feline geworden. Die Katzennärrin, deren schräge Augen tatsächlich denen ihres Lieblingstiers ähneln, ist mit dem neuen Namen voll und ganz zufrieden. Sie heisst ab sofort «die Katzenartige».

Und jetzt gehts ins «Gemsli». Corinna Parigi strahlt. «Surgite!» – Erhebt euch! – «Bibite ex, bibite maximum!» Die Bierhumpen stehen auf dem Tisch. «Blume!» – «Zieh mit!» Ein kräftiger Schluck, dann in die Runde geschaut, wo neben den Zigaretten die Gesangbücher liegen.

Nala steht auf: «Der Cantus steigt zu seiner ersten…», und schon schallt das Lied der Kybelia laut durch den miefigen Kneipenkeller: «Treue, Freundschaft und Verbundenheit sind der Kybelia Zeichen. Die Zukunft steht für uns bereit, wir stellen unsere Weichen…»

© Beobachter Ausgabe 2 vom 21. Jan 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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