Tagebuch: An der Weggisgasse kam die Pleite
Martin Müller über seinen Aufstieg und Fall als Monopoly-Spieler
Vor mir liegt ein Stapel Tausendernoten, und der Blick darauf lässt mich all die Dossiers über Betrüger und Betrogene auf meinem Büropult vergessen. Die Monopoly-Würfel sind mir hold; ich avanciere nach wenigen Spielrunden zum Grossgrundbesitzer. «Money, Money, Money», fordert die Popgruppe Abba singend im Hintergrund, doch zum Zuhören fehlt die Musse. Sonst verpasse ich es noch, die fälligen Mieten einzutreiben.
Seit über zehn Jahren habe ich nicht mehr Monopoly gespielt. Schliesslich ist dieser kapitalistische Hosenlupf politisch längst nicht mehr korrekt, schon gar nicht, wenn man sich von Montag bis Freitag beim Beobachter mit Mächtigen und Ohnmächtigen befasst. Trotzdem habe ich mich wochenlang auf diesen Sonntag gefreut – zusammen mit fünf Freundinnen und Freunden feilsche ich jetzt lautstark und leidenschaftlich um jedes Grundstück zwischen Boden- und Genfersee und treibe die Mieten munter in die Höhe.
Richtig Schwung ins Spiel kommt, als ich Eva den Zürcher Paradeplatz abluchse: Weil ich bereits die auf dem Spielfeld benachbarte Place St-François in Lausanne besitze, biete ich meine beiden wertvollsten Grundstücke plus 10000 Franken bar auf die Hand. Die Mitspielenden stöhnen laut, als Eva und ich sogleich Häuser und Hotels bauen: So was treibt natürlich die Mietzinse in die Höhe. Gut für mich, schlecht für die andern.
Während es draussen winterlich stürmt, tobt an meinem Stubentisch der Machtkampf. Doch mein Paradeplatz-Deal entpuppt sich rasch als krasse Fehlspekulation. Kein Mensch strandet auf meinen Feldern, stattdessen muss ich Runde für Runde blechen, und meine Liquidität sinkt dramatisch. Schon muss ich Häuser abreissen, Grundstücke verpfänden, die Spirale nach unten dreht sich immer schneller. Der Crash kommt an der Luzerner Weggisgasse: Die hat mal mir gehört, doch längst hat Eva dort ein Hotel gebaut. Der Mietzins von 23000 Franken bricht mir das Genick; als erster in der Sechserrunde muss ich Konkurs anmelden. Offensichtlich hab ich zuwenig gelernt von den Machenschaften der ruchlosen Kapitalisten, denen ich morgen im Büro wieder den Garaus machen soll.
«Monopoly lässt den wahren Charakter zum Vorschein kommen», hat Eva zu Beginn gesagt. Welch wahres Wort. Die Sozialarbeiterin wollte eigentlich gar nicht mitmachen, weil ihr das Geldscheffeln auf Kosten anderer zuwider ist. Dennoch hat sie sich ganz leise und auch fast ungewollt an die Spitze gespielt. Ganz anders Severin. Mit viel Theatralik und lautem Gezeter baute er sein Immobilienimperium auf und musste es dann aus Geldnot Stück für Stück wieder verscherbeln – immerhin wird er Zweiter. Und Sascha, die wir unter Druck setzen mussten, damit sie nicht vorzeitig aufgibt: Sie wird trotz zahlreichen Fast-Konkursen ehrenvolle Dritte. Hinter ihr rangiert der unermüdliche Mischler Otto, der die paar Habseligkeiten von Sarah erben konnte: Sie ist zwei Runden vorher mit all ihren Berg-, Privat- und Uberlandbähnchen in den Konkurs gefahren.
Nach fünf nervenaufreibenden Stunden ist der kapitalistische Spuk vorüber. Ermattet sitzen wir am Tisch und stürzen uns aufs Znacht. Es gibt weder Kaviar noch Lachs, sondern einfach Spaghetti. Und anders als im wahren Leben hat Eva als Gewinnerin ein schweres Los: Sie muss den nächsten Spielsonntag organisieren. Es wird ein weniger egoistisches Spiel sein, stellt sie in Aussicht. Ist wohl besser so, sagt der Verlierer in mir…
© Beobachter Ausgabe 3 vom 04. Feb 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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