Tagebuch: Aufsteller im Bus

Text:
  • Ursula Binggeli
Ausgabe:
5/00

Ursula Binggeli über lustige Buschauffeure und grimmige Fahrgäste

Manchmal gleicht das Leben einer schlechten Kabarettnummer: schwarzweiss gezeichnet, mit absehbarer Handlung und voller Klischees, die allen heiteren Stadtmenschen, mürrischen Buschauffeuren und aufgestellten Senioren unrecht tun.

Vorhang auf!

Unterwegs mit den Zürcher Verkehrsbetrieben. Im fahlen Morgenlicht verströmt der 32er-Bus den Charme eines Wartsaals zweiter Klasse. Der Himmel ist so grau wie der Asphalt, und den tristen Mienen der Fahrgäste nach glaubt keiner daran, dass der Tag Angenehmes bescheren könnte. Nur einer ist unüberhörbar gut drauf: der Chauffeur.

«Unser nächster Halt: Röntgenstrasse!», verkündet er so verheissungsvoll, als könne man von dort aus statt einer riesigen Baugrube Eiger, Mönch und Jungfrau im Morgenrot bestaunen. «Und jetzt gehts weiter nach Militär-/Langstrasse!» – dies in einem Tonfall, als erwarteten uns dort die palmengesäumten Gestade des Lago Maggiore. Der Mann ist der geborene Fremdenführer.

Jenseits der Busfenster gleitet derweil die Langstrasse vorbei: Bars und Striplokale, afrikanische Coiffeurgeschäfte und italienische Gemüseläden, Kebab- und Hamburgerstände, ein Sexkino, ein Schulhaus. Frühmorgens präsentiert sich die helvetische Version der Reeperbahn jeweils ungeschminkt. Ohne den Schimmer der Neonreklamen auf dem Trottoir, ohne die bunten Tupfer der Lichtgirlanden an den Fassaden wirkt sie müde und verbraucht.

Der Chauffeur lässt sich nicht beirren und präsentiert schwungvoll den nächsten Höhepunkt. «In Kürze erreichen wir den Helvetiaplatz!» Der eine oder andere Fahrgast kann sich ein Zucken in den Mundwinkeln nicht länger verkneifen, und da und dort wirft einer einen amüsierten Blick Richtung Führerkabine. «Und jetzt: die Kernstrasse!» Das Stimmungsbarometer im Bus scheint um ein, zwei Grad gestiegen zu sein. Sieht draussen nicht alles plötzlich etwas schöner aus?

Der Klimawechsel wird allerdings nicht von allen goutiert: Der ältere Mann auf der vordersten Bank zum Beispiel sitzt ganz ungerührt da, schaut vor sich hin und manchmal auf seine Uhr.

«Verehrte Fahrgäste, unser nächster Halt heisst Kalkbreite!», lässt sich der Chauffeur frohgemut vernehmen. Und fährt fort: «Hier muss ich Sie verlassen. Ein anderer Fahrer wird Sie weiter begleiten. Ich wünsche Ihnen einen schönen Tag.» Der Muntermacher steigt aus dem Wagen und wechselt ein paar Worte mit einem Kollegen. Eines gibt das andere, und schliesslich brechen beide in Gelächter aus – worauf der ältere Mann zornig von der vordersten Bank aufschiesst. «So jetzt! Weiterfahren!», zischt er. «Schon beim Ankommen an der Haltestelle zwei Minuten Verspätung – und jetzt noch das!» Der neue Fahrer steigt ein, mustert den älteren Mann von Kopf bis Fuss und sagt spöttisch: «Momoll, ich sehe, Sie habens eilig, schliesslich sind Sie auf dem Weg zur Arbeit.» Der ältere Mann – eindeutig im Rentenalter – setzt sich wieder, nicht ohne nochmals etwas von «unhaltbarer Verspätung» zu murren. «Jaja, ich sehe, Sie haben nichts verstanden», sagt der Chauffeur, noch etwas sarkastischer als vorher. «Gar nichts.» Er schüttelt den Kopf, seufzt – und fährt los.

Die nächste Haltestelle wird angekündigt: «Zwinglihaus.» Kurz und bündig. Fertig lustig. Zwingli lässt grüssen. Und der Himmel ist wieder so grau wie der Asphalt.

© Beobachter Ausgabe 5 vom 03. Mär 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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