Tagebuch: Bitte, den Herbst ersatzlos streichen!

Text:
  • Marc Caprez
Ausgabe:
24/00

Marc Caprez über herbstliche Stimmungstiefs

Um es gleich vorwegzunehmen: Ich hasse den Herbst! Auch der verklärte Blick der Dichter und deren Rede von der «goldenen Jahreszeit» können nichts daran ändern. Wenn es nach mir ginge, sollte der Herbst ersatzlos gestrichen werden.

Das Herbstwetter schlägt offenbar auch anderen aufs Gemüt, wie die gehäuften Anrufe beim Beobachter-Beratungszentrum zeigen. Ist ja logisch, dass bei Nieselregen und Aussentemperaturen knapp über null Grad der Blick auf die vergilbte Tapete keine Freude bereitet. Ich trage es daher mit Fassung, dass manche Mieter bei uns Dampf ablassen. Dafür werde ich schliesslich bezahlt.

Anstrengender sind da schon die Wochenenden zu Hause – insbesondere seit der Umstellung auf die Winterzeit. Die biologische Uhr der lieben Kleinen lässt sich nicht so einfach von einem Tag auf den andern umstellen. Für die leidgeprüften Eltern bedeutet das eine Stunde früher Tagwache. Konkret: Unsere Jungs stürmen das Schlafzimmer schon um Viertel nach sechs. Im Sommer wirklich kein Problem – aber jetzt…

So sitze ich also bereits um Viertel vor sieben mit zerknittertem Gesicht am Küchentisch. Meine Frau liegt mit dem Kleinsten noch im warmen Bett, die Zeitung ist auch noch nicht da, und ein Blick aus dem Fenster macht klar, dass sich des Zürchers bester Freund, der Hochnebel, heute so richtig breit machen wird. Mein Stimmungsbarometer sinkt in Richtung Sturmtief.

«Papi, was mache mer hüt?» Wie bitte? Zuerst werde ich zu nachtschlafener Stunde aus dem Bett geholt, und nun soll ich auch noch das Tagesprogramm aus dem Ärmel schütteln? Okay, es ist nicht fair, wenn die Kleinen unter der schlechten Laune des Vaters leiden müssen. Also gebe ich mir einen Ruck und suche den Veranstaltungsanzeiger der Tageszeitung. Dort gibts immer einen guten Tipp für Väter, die keine Ideen mehr haben.

Doch das Suchen ist zwecklos, denn – richtig, jetzt erinnere ich mich – den Veranstaltungsanzeiger haben wir diese Woche gar nicht erhalten. Meine Verstimmung entwickelt sich zum ausgewachsenen Ärger.

«Wie wärs, wenn du mit den drei Grossen mal wieder etwas allein unternimmst? Ich könnte dann noch ein wenig arbeiten», brummelt meine Frau mit verschlafenem Blick. Das gibt mir den Rest: eine Stunde länger im Bett bleiben und dann auch meinen, dass ich die Kinder allein betreue. Ich könnte platzen vor Wut. Verfluchter Herbst! «Stell dich besser darauf ein. Herbst und Winter werden noch eine Weile dauern», sagt meine Frau. «Zudem solltest du nicht den Herbst für deine Stinklaune verantwortlich machen.»

Ich gebs auf. Finden wir uns damit ab: Wir wohnen in der falschen Klimazone. Alle warm anziehen und ab in den Wald. Ich werde meiner Wut freien Lauf lassen und alles verbliebene Laub von den Bäumen schütteln.

Den Kindern macht der Ausflug riesigen Spass. Kälte und schlechtes Wetter sind für sie kein Thema. Ihre Aufmerksamkeit gilt allein den farbigen Blättern und den vielen Pilzen, die das feuchte Herbstwetter aus dem Boden getrieben hat. Die kindliche Freude wirkt ansteckend, und nach kurzer Zeit hat sich mein Ärger gelegt.

Meine Frau empfängt mich mit einem breiten Lachen: «Ist deine schlechte Laune verflogen?» Ja. Dennoch bleibe ich dabei: Der Herbst gehört gestrichen!

© Beobachter Ausgabe 24 vom 24. Nov 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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