Tagebuch: Briefe schreiben mit dem Vierpfotensystem
Thomas Angeli über die intelligenteste Katze der Welt.
Areggers Sekretärin war unerbittlich: «Schicken Sie ein Fax mit Ihren Fragen», erklärte Sie mir um 17 Uhr 28, nachdem ich einen Nachmittag lang versucht hatte, ihren Chef zu erreichen. «Herr Aregger beantwortet Medienanfragen nur schriftlich.»
Was tun also? Wenn ich den Fax noch schreibe und abschicke, dauert das bis 18 Uhr. Bis zum See brauche ich eine knappe halbe Stunde, und die Badi schliesst um 19 Uhr. Ich rechnete und beschloss, Prioritäten zu setzen.
So sass ich denn drei Stunden später zu Hause, an der Rückenlehne meines Stuhls das nasse Badetuch, vor mir ein leerer Computerbildschirm und Tinka, die intelligenteste Katze der Welt.
«Sehr geehrter Herr Aregger», begann ich, und Tinka räkelte sich. «Für eine der nächsten Ausgaben des Beobachters planen wir einen Artikel über den Einfluss von Fingeryoga auf das Kleinhirn.» Tinka stupste mich und wollte hinter ebendiesem Kleinhirn ausgiebig gekrault werden. «Da Sie seit Jahrzehnten auf diesem Gebiet forschen, möchte ich Ihnen gern einige Fra » In diesem Moment geschahen zwei Dinge: Auf dem Bildschirm, beim noch nicht fertigen «Fra », tauchte plötzlich ein gelbes Kästchen mit ein paar Buchstaben auf ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Computer zu wissen meint, was ich eigentlich schreiben will. Und Tinka beschloss, zwecks Erbettelung von Streicheleinheiten quer über die Tastatur zu spazieren.
Der Effekt war erstaunlich: Anstelle meines unvollendeten «Fra » stand plötzlich der Satz: «Gemäss Bundesstatistikgesetz, Artikel 6, sind Sie zur Mitwirkung verpflichtet.» Ich starrte erst auf den Bildschirm und dann auf die Katze. Sie leckte sich die rechte Pfote. Da ich nicht annahm, dass Aregger solch ultimative Aufforderungen goutieren würde, löschte ich die Passage und schrieb « gen stellen und Sie höflich bitten, mir diese so bald als möglich per Fax zu beant ». Wieder blinkte ein gelbes Feld auf. Diesmal legte sich Tinka quer über die Tastatur. Als ich sie wegbugsiert hatte, wartete auf dem Bildschirm eine neue Überraschung: «Altmieter zahlten deutlich weniger Mietzins, weil die Zinse bei der Neuvermietung ständig nach oben angepasst worden sind.» Tinka putzte sich hinter dem linken Ohr, legte sich hin und schaute mich aus zugekniffenen Augen an.
Ich wurde neugierig und holte die Schachtel mit dem Katzenfutter. Ein Brekkie legte ich rechts neben den Computer. Tinka erhob sich, spazierte wie erwartet über die Tastatur und holte sich ihren Lohn. Auf dem Bildschirm stand: «Nach dem heutigen Stand der Wissenschaft lassen sich keine negativen Einflüsse von Wasseradern nachweisen.» Das nächste Brekkie auf der linken Seite des Computers brachte das Resultat: «Für Ihr Verständnis danke ich Ihnen im Voraus bestens.»
Tinka und ich und die Autotextfunktion meines Computers schrieben noch die halbe Nacht am Fax für Aregger. Es entstand ein Brief von geradezu dadaistischer Ausdruckskraft. Der Kleinhirnspezialist hat nie geantwortet.
© Beobachter Ausgabe 19 vom 13. Sep 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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