Tagebuch: Das Wissen der Welt im handlichen Format
Ueli Zindel über Bücher und Buchhändler
Herr Wild trug sein Namensschild neben dem Poschettchen. Herr Wild war glatzköpfig und übergewichtig. Er trug meistens Blau. Es ist alles lange her. Wer kennt heute noch Herrn Wild? Trotzdem, die Geschichte muss erzählt werden.
Der Eingang zu seinem Geschäft befand sich am Ende einer langen Treppe im Zentrum von Bern. Er hatte nicht viele Kunden – jedenfalls nie dann, wenn ich seinen Laden betrat. Und doch dauerte es jedes Mal eine ganze Weile, bis er aus seinem hinteren Büroraum erschien. Stumm stellte er sich hinter den Ladentisch, hob leicht das Kinn und sparte sich die Frage: «Was wünschen Sie?» Herr Wild grüsste nie.
In Wilds Regalen stand Literatur. Dramen, Gedichte, Romane – sowie was es darüber zu wissen galt. Für mich als jungen Studenten war klar, dass Herr Wild dies alles gelesen hatte. «Vielleicht ist er auch deswegen so schlecht gelaunt», dachte ich. Man ahnt ja beizeiten, dass Wissen nicht glücklich macht.
Seis drum. Ich hatte grossen Respekt vor diesem Griesgram. Verlangte ich nach einem Buch, steuerte Wild erhobenen Hauptes zum betreffenden Gestell, entnahm diesem mit leichtem Stöhnen den verlangten Titel und schritt mit einem leidenden Ausdruck in den Augen zur Theke zurück.
Dann bediente er die Kasse. Dann klirrte das Rückgeld auf dem Tisch. Und dann kam dieser Blick, wegen dem ich Herrn Wild nie vergessen werde. Es war sein erstes verbindliches Zeichen; es blieb das einzige, Mal für Mal. Während er mir das Buch aushändigte, neigte er den Kopf langsam zur Seite. In seinen Pupillen lauerte die Frage: «Sind Sie sicher, dass Sie dieses Buch auch verstehen?» Ich bedankte mich kleinlaut. Noch bevor ich die Ladentür erreicht hatte, war Wild in seinem Büro verschwunden.
Es ist lange her, wie gesagt. Ich habe fröhlichere Buchhändler kennen gelernt in all den Jahren. Freundschaften sind entstanden. Die Schwellenangst ist der Freude des Wiedersehens gewichen. Ganz abgesehen davon: Miesepeter haben heute keine Chance. Auch Bücher leben vom Kaufanreiz – global.
Global formiert sich auch die digitale Bibliothek. Per Glasfaser wird uns schon bald jedes Wissen ins Haus geliefert. Der Sieg über die Regale, die Bildung per Bits. Die Frage stellt sich bloss: Wer hilft uns dann beim Suchen? Wer erlöst uns vom Detail? Wo, Gott, sind die Zusammenhänge?
Besorgt um den Uberblick, hat sich neulich ein deutscher Autor ans Werk gemacht. Sein Buch will endlich Ordnung schaffen. Es heisst schlicht «Bildung». Der Untertitel: «Alles, was man wissen muss.» Auf 540 Seiten wird «das Wesentliche der letzten 2000 Jahre» zusammengetragen: die Kriege, die Literatur, Musik und Politik. Troja, Beethoven, Bismarck, Baal. Das Buch enthält zudem Tipps, wie man sich als gebildeter Mensch zu erkennen gibt. Etwa bei Diskussionen über Kafka. Der Autor empfiehlt dabei folgenden Satz: «Nun ja. Ein Musil war Kafka nicht.» – «So was», schreibt der Autor, «kann nicht falsch sein.»
Das Werk ist ein Husarenstreich. Es macht das abendländische Wissen handlich. Es fördert das kompetente Gespräch. Es ist ein lustvoller Konkurrent zum digitalen Vormarsch. Und Herr Wild, falls er noch lebt, könnte seine lästige Kundschaft mit einer einzigen Kopfbewegung abfertigen. Dem Hinweis auf: «Alles, was man wissen muss.»
© Beobachter Ausgabe 10 vom 12. Mai 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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