Tagebuch: Demo im Regen
Esther Haas über eine Friedenskundgebung in Genf
Die Finger sind längst klamm. Die nasse Kälte durchdringt das Leder der Winterschuhe, arbeitet sich Zehe um Zehe zu den Füssen vor. Unbarmherzig klatschen die Tropfen aus dunklen Wolken auf Schirme, Kapuzen und Kappen der Menschen, die an diesem tristen 29. Februar vor dem Eisentor des Genfer Palais des Nation stehen: Eritreerinnen und Eritreer – und einige Schweizerinnen und Schweizer. «Ihr müsst ein wertvolles Anliegen haben, dass ihr hier draussen bei diesem Wetter ausharrt», sagt ein Taxifahrer. Er trägt die Wartezeit im warmen Auto mit Fassung, als der Demonstrationszug auf dem Weg vom Bahnhof zum Uno-Gebäude die Strasse blockiert.
Das Anliegen der rund 600 Menschen ist in der Tat wertvoll. Es heisst Frieden. In ihrer ostafrikanischen Heimat am Roten Meer herrscht höchste Alarmbereitschaft. Tausende von Soldaten – eritreische und äthiopische – stehen sich an der über 600 Kilometer langen gemeinsamen Grenze gegenüber. Letztes Jahr lieferten sich diese Truppen eine blutige Schlacht. Uber 10000 Soldaten mussten ihr Leben lassen.
«Non, non, non la guerre, l’Erythree veut la paix», skandiert die Menge. Und ich mit ihnen. Ich kenne Eritrea von verschiedenen Reisen und habe Land und Leute schätzen gelernt.
Hier in Genf bin ich als Privatperson – nicht im Auftrag meines Arbeitgebers. Obwohl der Zusatz «schweizerisch» auf dem Titelblatt längst verschwunden ist, behandelt unsere Zeitschrift inländische Themen. Ich arbeite gern beim Beobachter. Hier ist ein Engagement für sozial Schwächere über das übliche journalistische Mass hinaus möglich. Das passt mir, die einst Sozialarbeiterin werden wollte.
Doch ab und zu ist mir die Schweiz zu eng. «Weshalb schreiben wir nicht über diese Menschen, die hier für Frieden in ihrer Heimat demonstrieren?», fragte ich meine Kollegen tags zuvor. «Das Thema steht und fällt mit dem Schweizer Bezug», meinte Urs, «und der scheint mir dünn zu sein.» Und Martin gab zu bedenken: «Warum über die Eritreer? Uber kurdische Demos berichteten wir auch nicht.» Obwohl es erst kurz nach drei Uhr ist, beginnt es bereits zu dämmern. Wir haben uns inzwischen vom Eingangstor des Uno-Gebäudes weg ins Niemandsland des stark befahrenen Verkehrskreisels zurückgezogen. Unter dem gigantischen Holzstuhl mit dem zerfetzten linken Vorderbein – ein Mahnmal gegen den Einsatz der verheerenden Landminen – führen zwei Eritreerinnen die traditionelle Kaffeezeremonie aus. Der köstliche Trank aus dem «Dschebena» und das dazu verteilte Hefeteiggebäck «Haembasha» wecken die Lebensgeister. «Non, non, non la guerre, l’Erythree veut la paix.» Die Eritreerinnen und Eritreer in Genf stehen mit ihrer Forderung nach Frieden nicht allein. Am selben Tag haben sich Landsleute in Kanada und den USA, in England, Deutschland und Italien zu ähnlichen Veranstaltungen zusammengefunden. Der Zeitpunkt ist nicht zufällig. In diesen Tagen bemüht sich auch US-Friedensvermittler Anthony Lake in Addis Abeba (Äthiopien) und Asmara (Eritrea) um die Beilegung des Konflikts. Eritrea hat dem Friedensplan der Organisation für afrikanische Einheit (OAU) vor mehr als einem halben Jahr zugestimmt; Äthiopien konnte sich bis heute nicht dazu durchringen.
«Auch wir wollen Frieden», hat mir kürzlich eine in der Schweiz lebende Äthiopierin versichert. Doch Äthiopien ist gross. Unmittelbar vom Krieg betroffen ist der kleinste Teil der Zivilbevölkerung. Das ist im kleinen Eritrea anders. «Meine beiden Brüder kämpften vor zwei Jahren an der Front», vertraut mir Lemlem auf der Rückkehr nach Zürich mit trauriger Stimme an. «Wir haben bis heute kein Lebenszeichen von ihnen erhalten.»
© Beobachter Ausgabe 7 vom 31. Mär 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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