Tagebuch: Die Sehnsucht nach dem Bürostuhl
Ursula Gabathuler über strapaziertes Mutterglück
Manchmal beneide ich meine Berufskolleginnen und -kollegen. Sie dürfen so lange arbeiten, wie sie wollen. Bei mir ist Punkt 17 Uhr Schluss. Wenn ich die Redaktion verlasse, beginnt die strengste Zeit: Während andere ihr Tagewerk in Ruhe beenden können, plage ich mich mit meinen drei müden Kindern herum.
Ich sollte noch einkaufen, bin aber wie immer spät dran. Auf dem Velo kämpfe ich mich durch den Stadtverkehr. Ich schaffe es gerade noch rechtzeitig in die Kinderkrippe. Meine zweijährigen Zwillinge kommen strahlend auf mich zu und umarmen mich zur Begrüssung. Das Mutterherz hüpft – aber nur für kurze Zeit.
Bald sägen die Dreikäsehochs gnadenlos an meinen Nerven: Sie möchten doch noch weiterspielen und denken nicht daran mitzukommen. Die Jacken ziehen sie partout nicht an, dabei regnet es in Strömen. Und Treppensteigen mögen sie auch nicht: «Tragen!» Bis die beiden im Veloanhänger sitzen, bin ich in Schweiss gebadet und habe x-mal verhandelt, geschlichtet und getröstet.
Ich radle ein paar Häuserblocks weiter. Dort wartet meine Älteste mit saurer Miene auf uns. Sie findet es überhaupt nicht lustig, dass ich sie als Letzte abhole, und macht mir eine entsprechend lautstarke Szene. Nach langer Diskussion sitzt sie endlich auf dem Velo. Wir fahren zu viert los. Die Kinder singen. Doch die Fahrt ist bald zu Ende. Das Geschrei geht von neuem los. Nun rangeln und streiten sie zu dritt: Wer darf die Haustür aufschliessen? Wer darf die Katze füttern? Wer sitzt neben Mama? Alles sehr relevante Fragen für meine Kinder – und gezwungenermassen auch für mich. Verhandle ich erfolglos, droht minutenlanges Trotzgebrüll. So wie heute: Während des ganzen Nachtessens liegt mein Sohn auf dem Boden und protestiert mit ohrenbetäubendem Geschrei, weil er sein Joghurt nicht auf dem Tisch verteilen darf.
Wie schön wäre es jetzt auf der Redaktion! In der Kantine wird für mich gekocht, und keiner meiner Tischnachbarn kleckert oder schreit herum. Niemand befiehlt mir etwas, die Gespräche sind höflich. Und wenn ich bei der Arbeit im Büro nicht gestört werden will, schliesse ich einfach die Tür. Auch das Telefon lässt sich per Knopfdruck ausschalten. Doch Träumen nützt nichts: Das Zusammensein mit kleinen Kindern ist nun mal härter als der Berufsalltag. Trotzdem will ich beides nicht missen.
Heute Abend kehrt die Ruhe erst ein, als meine drei Kinder im Bett liegen. Ich räume die Küche auf. Doch nach fünf Minuten geht das Gestürm bereits wieder los: «Nuggi!» – «Bitte zudecken!» – «Ich will Musik zum Einschlafen!» – «Durst!» Meinen Kindern fällt immer irgendetwas Neues ein. Zehnmal renne ich ins Kinderzimmer, um die Wünsche der drei kleinen Tyrannen zu erfüllen.
Nach vier Stunden Gerangel, Geschrei und Versöhnung schlafen sie endlich. Erschöpft betrachte ich meine friedlich schlummernden Kinder. Das wiegt die ganzen Strapazen des Abends auf. Denn natürlich kenne ich auch die schönen Seiten des Kinderhabens. Auf das Kuscheln im Bett, die Spaziergänge im Wald und die originellen Liebeserklärungen meiner Kleinen möchte ich nie mehr verzichten müssen. Trotzdem freue ich mich auf morgen; dann kann ich so lange arbeiten, wie ich will. Denn morgen darf sich mein Mann mit dem Nachwuchs abrackern.
© Beobachter Ausgabe 15 vom 21. Jul 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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