Tagebuch: Ein Gruppenbild im anderen Land
Beobachter-Redaktor Ueli Zindel über einen besonderen Automaten.
Ich bin angekommen. Verschwitzt, ausser Atem. Mein wöchentliches Training. Mein Berg. Kein Mensch hier oben. Es ist neblig. Ich habs geschafft. Ich schliesse mein Fahrrad ab. Es dauert eine Weile, bis ich merke, dass ich nicht allein bin. Die Frauenstimme ist leise. Sie ist kaum verständlich. Ihr Vortrag wirkt gespenstisch in der leeren Landschaft. «Wählen Sie mit der gelben Pfeiltaste die gewünschte Sprache und bestätigen Sie diese mit dem grünen Knopf…» Die Stimme dringt aus einem bunt bemalten Automaten. «Positionieren Sie Ihr Gesicht via Zoom-Tasten…» Samstag, acht Uhr früh. Ich nähere mich dem Kasten. Allmählich begreife ich das Angebot. Das neue Gerät produziert Postkarten – mit Ihnen als Motiv. Den Hintergrund dazu können Sie frei bestimmen. Posieren Sie vor der Kapellbrücke, dem Rheinfall, dem Château Chillon. Der Kasten hält alles für Sie bereit.
Es gibt viele Arten, sich ins Bild zu setzen, nicht wahr?
In Wahrheit befinden wir uns auf dem Uetliberg. Die halbe Lunge hab ich mir aus dem Leib getreten. Das Blut durch meine Adern gepeitscht. Meine Kraft, meine Verzweiflung in die Pedalen gegeben. Und was erwartet mich hier oben? Nebel! Und die Einladung, zu behaupten, ich sei in der Innerschweiz.
«Werfen Sie den angezeigten Geldbetrag ein…» Wo sind wir denn hier? Im Ubrigen: Erhalten Sie Postkarten? Von wem? Uberprüfen Sie die Echtheit der Grüsse? Wie echt sind die Ihrigen? Reisen Sie überhaupt?
Ich bin verschwitzt. Ich denke hastig, ich gebe es zu. Und doch – ganz langsam beschleicht mich ein kühner Verdacht: Alle Mühsal ist unnötig; alle Reisen sind vertan; all unsere Ziele haben Platz in einem einzigen Automaten! Hier steht der sprechende Beweis. «Wählen Sie den gewünschten Hintergrund…» Ich atme kräftig durch. Ich massiere mein pochendes Knie. Die sprechende Gebrauchsanweisung wispert. Es ist still auf dem Uetliberg. – Sind wir uns ähnlicher, als wir glaubten?
Der Gedanke lässt mich nicht mehr los.
Es kracht im weltlichen Machtgefüge. Das Klima, global, steht Kopf. Die Prediger wüten. Die Börse tanzt. Was können wir denn tun? Sollen wir uns mit der Sehnsucht begnügen? Wird die Abbildung die Wirklichkeit ersetzen? Ist das Wünschen alles, was uns bleibt? «Wählen Sie mit der gelben Pfeiltaste die gewünschte Sprache…» Kapellbrücke? Château Chillon? Setzen wir uns ins Bild! Setzen wir uns zueinander. Kommen Sie! Wünschen Sie! Rücken Sie näher! Vor den Rheinfall, zur Jungfrau, zum Matterhorn. Sie waren nie dort? Spielt keine Rolle! Wir sind hier in der Schweiz! Fantastisch!
Der Nebel verdichtet sich auf dem Uetliberg.
Wie sagte der verstorbene ausländische Philosoph? «Alles Unglück rührt daher, dass die Menschen nicht ruhig in ihrem Zimmer bleiben können.»
© Beobachter Ausgabe 1 vom 07. Jan 2000 - Alle Rechte vorbehalten









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