Tagebuch: Eine Gurke kann ein echter Gewinn sein

Text:
  • Urs von Tobel
Ausgabe:
23/00

Urs von Tobel über die Freuden der Kompostis.

Urs von Tobel über die Freuden der Kompostis

Bei der Arbeit an meinem Kompost wird mir immer wieder klar: Das Hegen und Pflegen der Küchenabfälle, Pfirsichsteine, Apfelbütschgi und des Herbstlaubs macht wirklich viel Vergnügen. Andächtig betrachte ich die kleinen grauen Käfer, die all dem Grünzeug den Garaus machen. Weiter unten übernehmen die roten Kompostwürmer diese delikate Aufgabe. Schliesslich treffe ich noch auf die nicht verrotteten Nussschalen des letzten Winters und freue mich auf den Genuss der Nusskerne des kommenden Winters. Das Walten der Natur ist einfach grossartig.

Nicht dass ich beim Kompostieren nur den eigenen Lustgewinn suche. Im Gegenteil, ich tue etwas für die Umwelt und damit für die Gesellschaft. Ohne uns Kompostis bräuchte es zusätzliche Kehrichtverbrennungsanlagen, die zusätzliche Schwermetalle auswerfen würden – und das wäre nicht gut für unsere Gesundheit. Kompostieren wird für mich zur Pflicht, die eine weitere Pflicht nach sich zieht: Ich muss Gartenbeete herrichten, um den Kompost ausbringen zu können. Insofern bin ich auch ein Opfer des Kompostes.

Das hindert mich nicht, freudigen Herzens den Kompost abzusieben. Die feine, feuchte Erde wird nächstes Jahr meinen Kartoffeln zu Vermehrung und Wohlgeschmack verhelfen. Sie hat ihre Kraft bereits unter Beweis gestellt. Im August, als die Komposterde noch im Behälter weilte, pflanzte ich einen Gurkensetzling hinein. Ein voller Erfolg: Bis Ende September konnte ich exakt 31 Gurken ernten. 30 erwiesen sich als äusserst schmackhaft und bekömmlich. Nur eine hatte einen bitteren Nachgeschmack.

Meine Gärtnerarbeit sowie der Wasserpreis eingerechnet, liegt der Gewinn bei annähernd 1000 Prozent. Und dies erst noch steuerfrei. Der Staat ist zwar bereits auf die Idee gekommen, den Eigenmietwert zu besteuern, vom Eigenkonsumwert der Gartengurke liess er bisher aber die Finger. Zudem hat eine Gurke auch geistige Werte: Das zeigte sich gerade kürzlich wieder, als ich mich gegen einen Modernisten verteidigen musste.

Modernisten sind Menschen, die einem weismachen wollen, Kompostieren sei höchstens noch Sache der Birkenstockträger und anderer weltfremder Grüner. Der Mann von Welt spekuliere, mache Riesengewinne und kaufe bestenfalls Biogemüse. Kein Stammtisch mehr ohne Börse. Sogar auf der letzten Wanderung des Männerturnvereins, dem ich seit manchem Jahr angehöre, drehte sich das Gespräch um Aktien, Derivate und Gewinne. Der Komposti war zum Schweigen verdammt, weil er kein mitleidiges Lächeln ernten wollte.

Doch nun drehte ich, der Gurke sei Dank, den Spiess um. Als mir ein Kollege wieder einmal ungebeten vorschwärmte, welch fette Gewinne seine Blue Chips – das sind keine blauen Pommes frites, sondern solide Aktien – abwürfen, holte ich zum Konter aus. «Hör mal», sagte ich völlig cool, «mit Blue Chips befasse ich mich nicht mehr. Da macht ja jeder Trottel seine zehn Prozent vorwärts. Da fehlt mir der Kick. Seit einigen Jahren investiere ich ausserbörslich ins Agro-Business. Ich übertreibe sicher nicht, aber da liegen auch mal 1000 Prozent Gewinn drin – ganz ohne Gentech. Nur, du musst die Materie kennen. Sonst kann auch mal ein bitterer Nachgeschmack zurückbleiben.» Seither verschont mich mein Kollege vor Geldanlagetipps. Und ich kompostiere weiter und werde auch im nächsten August wieder einen Gurkensetzling pflanzen.

© Beobachter Ausgabe 23 vom 10. Nov 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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