Tagebuch: Es fehlen Plaudereien mit Zurbriggen & Co.

Text:
  • Urs von Tobel
Ausgabe:
4/00

Urs von Tobel über Null-Info-Interviews mit Skistars

Frustriert stelle ich fest, dass mir die geistreichen Interviews aus den goldenen Zeiten des Schweizer Skisports fehlen. Damals sass die siegreiche Vreni Schneider im Studio, und der TV-Journalist schickte sich an, ihre Seele zu ergründen: «Schauen wir uns gemeinsam die Zieleinfahrt an! Was ist da in Ihnen vorgegangen?» Und Vreni Schneider sagte, das sei einfach unbeschreiblich gewesen. Auch jetzt habe sie den Sieg noch nicht richtig realisiert.

Mit ähnlichen Worten antworteten auch der fromme Pirmin Zurbriggen, die schöne Maria Walliser und der wuchtige Peter Müller. Und ergänzend sagten sie noch etwas von hartem Training und dass mental alles stimme. Die Rennen und die dazugehörenden Interviews verpasste ich selten. Hinterher gefiel ich mir darin, die Schale des Spotts über die Fernsehkollegen und ihre Fragen zu ergiessen.

Heute sitze ich nur noch in Ausnahmefällen vor dem Bildschirm. Dann nämlich, wenn die Sportjournalisten im Voraus verkünden, die Lauberhorn-, die Hahnenkamm- und die Arlberg-Kandahar-Abfahrt würden den Schweizern ganz besonders liegen. «Man beachte nur die Liste der Sieger: Bernhard Russi, Roland Colombin, Pirmin Zurbriggen, Bruno Kernen…» Mit Podestplätzen ist dann allerdings wieder nichts, womit sich auch die Null-Info-Interviews erübrigen.

Doch eben diese Gespräche fehlen mir heute. Sie hatten zwar keinen Inhalt, aber doch ihren tieferen Sinn. Was sich im Actionbild auf der Piste andeutete, erhielt im Interview seine restlose Klarheit: Hier stehen Schweizerinnen und Schweizer, ein Abbild unserer selbst.

Tüchtig sind sie – doch ihr Mundwerk ist nicht so geschliffen wie dasjenige der nördlichen und nicht so charmant wie dasjenige der östlichen Nachbarn. Ehrlich und hölzern reden sie, fern ist ihnen jede Angeberei. Es sind Schweizerinnen und Schweizer, an denen ich mich orientieren kann – beziehungsweise konnte.

Skifahren ist ja ohnehin urschweizerisch. Berge sind eine Voraussetzung dafür, wie sie auch eine Voraussetzung für unseren Staat sind. Und im Verbund mit stählernen Körpern, Mut und Präzision haben sie es uns ermöglicht, die Habsburger zu vertreiben, eine Uhrenindustrie aufzubauen und die Siege auf den Pisten zu erringen. Auch den Zweiten Weltkrieg überstanden wir dank den Bergen.

Sicher: Sinnbild für Kraft, Mut und Geschicklichkeit war nebst den Bergen auch Wilhelm Tell – was jeder glauben muss, der Hodlers Bild betrachtet. Doch nach dem Krieg setzte sich der Präzisionsschütze langsam ins Reich der Sage ab, woher ihn Schiller einst vorausschauend geholt hatte. Dieser Prozess war 1968 abgeschlossen. Der Skisport nutzte die Zeit und realisierte 1972 an der Olympiade in Sapporo den grössten Triumph aller Zeiten. Bis zum Millenniumscrash unserer Vorzeigefahrer blieb er mir eine verlässliche Stütze.

Quasi über Nacht wandelte sich der Skisport nun aber zur Nullnummer. Den meisten Jungen fehle eben der Wille zum eisenharten Training, erklären die Fachleute. Sie hätten lieber Happenings. Und für die wenigen, die noch trainieren wollten, fehle das Geld.

Diese Tatsachen bedrücken mich. Müssen wir wirklich in die EU – damit uns auch österreichische Siege glücklich machen können? Ich werde mein Leid wohl Christoph Blocher klagen. Vielleicht hilft er dem Skisport mit Geld. Oder mit Chemie, was ja manchmal auch recht wirksam sein soll.

© Beobachter Ausgabe 4 vom 18. Feb 2000 - Alle Rechte vorbehalten

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